Die Dünen von Maspalomas in Zahlen
- 404 Hektar Naturschutzgebiet (Reserva Natural Especial), seit 1987 geschützt
- Die Dünen wandern 2–5 m pro Jahr mit den Passatwinden
- Sandverlust seit rund 50 Jahren; bei aktuellem Tempo Schwund-Risiko binnen eines Jahrhunderts
- MasDunas-Pilot: rund 30.000 m³ Sand pro Jahr zurück in den Kreislauf
- Wissenschaftliche Begleitung: ULPGC sowie Cantabria, Valencia und Sevilla
Es ist kurz nach acht am Paseo Costa Canaria, und der Strand gehört noch den Frühaufstehern. Ein älterer Herr aus Niedersachsen breitet sein Handtuch in der ersten Reihe aus, dort, wo der Sand am feinsten ist. Er weiss nicht, dass der Boden unter ihm auf Wanderschaft ist. Jeden Tag, jede Stunde, mit jeder Brise, die vom Atlantik herüberkommt, bewegt sich dieser Sand — und ein Teil davon kehrt nie zurück.
Genau das ist das Problem, das Fachleute auf Gran Canaria seit einem halben Jahrhundert umtreibt: Der Strand von Playa del Inglés und die berühmten Dünen von Maspalomas dahinter verlieren langsam, aber stetig ihren Sand. Wer heute am Wasser liegt, sieht davon nichts. Wer die Bilder von vor vierzig Jahren danebenlegt, schon.
Inhalt
Warum der Strand schwindet
Dass Sand wandert, ist nichts Schlimmes — im Gegenteil, es ist der Motor des ganzen Systems. Die Dünen von Maspalomas sind kein totes Postkartenmotiv, sondern eine lebende Landschaft. Die Passatwinde aus Nordosten schieben die Sandberge jedes Jahr zwei bis fünf Meter weiter, sodass sich das ganze 404 Hektar grosse Feld ständig verformt. Der Sand reist von der Playa del Inglés im Osten quer durch das Schutzgebiet bis zur Playa de Maspalomas im Westen, wo der Wind ihn wieder Richtung Meer trägt. Von dort sollte er eigentlich erneut an den Strand gespült werden — ein Kreislauf (Cabildo de Gran Canaria).
Doch dieser Kreislauf ist gestört. Als in den 1960er- und 70er-Jahren die Hotelzeile von Playa del Inglés hochgezogen wurde, veränderte die Bebauung den Wind: An manchen Stellen wird er gebremst, an anderen beschleunigt. Die Folge ist, dass heute mehr Sand am westlichen Ende ins Meer hinausgeht, als von Natur aus zurückkommt. Das System verliert mehr, als es gewinnt. Bleibt das Tempo, wie es ist, könnten die Dünen nach Einschätzung von Fachleuten innerhalb eines Jahrhunderts verschwinden (Canarias7).
Wie der Sand zurückkommt
Hier setzt das Projekt an, das auf den schönen Namen MasDunas hört. Die Idee dahinter ist erstaunlich einfach, fast wie ein Trick: Man holt den Sand dort ab, wo er ohnehin verloren wäre, und gibt ihn an den Anfang seiner Reise zurück.
Konkret sammelt sich an der Punta de la Bajeta, der Westspitze, der Sand, der sonst endgültig im Meer versinken würde. Genau diesen Sand — beim Pilotversuch rund 30.000 Kubikmeter im Jahr — baggern Arbeiter ab und fahren ihn per Lastwagen zurück an die trasplaya von Playa del Inglés, also auf den trockenen Strandstreifen hinter den Liegestühlen. Und dann übernimmt wieder die Natur: Der Wind nimmt den Sand auf und trägt ihn ins Dünenfeld, genau wie seit Jahrtausenden (Proyecto MasDunas).
Geholfen wird ihm dabei von einer unscheinbaren Pflanze, dem balancón (Traganum moquinii), einem zähen, salzresistenten Strauch, der zwischen den Dünen wächst. Er wirkt wie ein natürlicher Sandfänger: Der Wind verfängt sich in seinen Zweigen, verliert an Kraft und lässt den Sand genau dort fallen, wo neue Dünen entstehen sollen. Wer das einmal verstanden hat, sieht die kargen Büsche am Dünenrand mit anderen Augen — sie sind die stillen Bauarbeiter der Landschaft.
Das Ganze ist kein Bauchgefühl, sondern wissenschaftlich begleitet. An den Messungen und Konzepten sind die Universität von Las Palmas de Gran Canaria sowie Forschende aus Cantabria, Valencia und Sevilla beteiligt, die genau verfolgen, wie sich der Strand und die Punta de la Bajeta über die Jahre verändern.
Warum es trotzdem umstritten ist
So einleuchtend der Plan klingt, so heikel ist seine Umsetzung. Die Dünen von Maspalomas sind seit 1987 ein besonders geschütztes Naturreservat und gehören grösstenteils zum öffentlichen Küstengut. Wer hier Sand bewegt, braucht Genehmigungen — und zwar nicht nur von der Inselverwaltung, sondern auch von der staatlichen Küstenbehörde, der Demarcación de Costas.
Dass es dabei haken kann, hat die jüngere Vergangenheit gezeigt. Eine frühere Erlaubnis, Sand zu verschieben, wurde 2023 wieder entzogen, nachdem die Umweltbehörde eine wiederholt unsachgemässe Ausführung beanstandet hatte. Seither tasten sich die Beteiligten vorsichtiger voran. Parallel hat der Cabildo im April 2026 einen umfassenden Plan auf den Weg gebracht, der das gesamte Reservat ordnen und besser schützen soll. Die Botschaft dahinter ist klar: Der Sand darf bewegt werden, aber nur unter strengen Auflagen und mit Augenmass — schliesslich ist die Reserva ein Ökosystem und keine Baustelle (Canarias Ahora).
Was Besucher tun können — und besser lassen
Für alle, die hier Urlaub machen oder auf der Insel leben, lässt sich aus all dem eine einfache Regel ableiten: Die Dünen sind empfindlicher, als sie aussehen. Auf den markierten Wegen zu bleiben ist kein bürokratischer Tick, sondern echter Schutz — jeder Tritt neben dem Pfad verdichtet den Sand und stört die zarten balancón-Pflanzen, die das System zusammenhalten.
Auch die Kioske am Strand werden bewusst von Zeit zu Zeit versetzt, damit Wind und Sand frei zwischen ihnen hindurchziehen können. Und so verlockend es ist: Ein Fläschchen Sand als Andenken im Koffer mag harmlos wirken, doch bei Millionen Besuchern pro Jahr summiert sich genau das zu dem Verlust, gegen den Lastwagen und Forschende mühsam ankämpfen.
Der ältere Herr aus Niedersachsen wird von alldem an diesem Morgen nichts mitbekommen. Er wird seinen Tag am Wasser geniessen, und das ist gut so. Aber vielleicht schaut er beim nächsten Spaziergang Richtung Leuchtturm einmal genauer auf die struppigen Büsche am Dünenrand — und ahnt, dass dieser Strand kein Selbstläufer ist, sondern eine Landschaft, die jeden Tag aufs Neue um ihren eigenen Sand ringt.