16. April 2026 · CITA News · Energie · 7 Min. Lesezeit
Was der Cabildo will
Am 13. April 2026 hat eine breite Allianz — Cabildo, Cluster Marítimo de Canarias, Gewerkschaften, Industrieverbände, Forschungseinrichtungen — einen gemeinsamen Brief an Energieministerin Sara Aagesen unterzeichnet. Die Forderung: Die erste Offshore-Wind-Ausschreibung Spaniens soll vor Gran Canaria stattfinden. Nicht irgendwann. Jetzt.
Cabildo-Präsident Antonio Morales war unmissverständlich: «Gran Canaria hat die Hausaufgaben gemacht. Wir sind bereit. Wir müssen nicht warten, bis andere Regionen Spaniens so weit sind.»
Die Zahlen, die ins Spiel gebracht werden:
250 MW soll der erste schwimmende Offshore-Windpark haben — genug Strom für Hunderttausende Haushalte. Ein Potenzial von 500 MW wird langfristig gesehen.
80–120 €/MWh kostet Offshore-Windstrom laut einer Studie der Universidad Pontificia Comillas (2025). Klingt teuer — bis man vergleicht: Der Diesel- und Schweröl-Strom, von dem die Kanaren bis heute abhängen, kostet 120–200 €/MWh. Offshore-Wind wäre auf den Kanaren tatsächlich billiger als die fossile Alternative.
Bis zu 8.000 Arbeitsplätze pro Jahr (Äquivalent) und Investitionen in Milliardenhöhe versprechen die Befürworter. Gran Canaria soll sich bei der WindEurope-Messe in Madrid (21.–23. April 2026) als Standort präsentieren.
2027 könnte der erste schwimmende Offshore-Park operativ sein — wenn die Ausschreibung jetzt kommt.
Warum die Kanaren Offshore-Wind wollen
Die Argumentation ist auf den ersten Blick schlüssig. Die Kanarischen Inseln haben kein Festlandnetz. Jede Insel produziert ihren eigenen Strom. Und dieser Strom kommt zu über 80 Prozent aus fossilen Brennstoffen — Diesel, Schweröl, importiert über den Seeweg. Das macht die Kanaren teuer, verletzlich und klimapolitisch zum Schlusslicht.
Wind gibt es reichlich. Die Passatwinde blasen konstant. Offshore — also auf dem Meer, kilometerweit vor der Küste — wäre der Wind noch stärker und gleichmässiger als an Land. Schwimmende Windräder (im Gegensatz zu fest verankerten) funktionieren auch in tiefen Gewässern, wie sie vor den Kanaren vorkommen.
Und das wichtigste Argument der Befürworter: Offshore-Windparks sieht man von Land kaum. Sie stehen weit draussen. Sie verschandeln keine Berge, keine Täler, keine Küstenlinien.
Soweit die Theorie.
Fahr nach Vecindario — und schau dir die Praxis an
Bevor man über schwimmende Windparks auf dem Atlantik schwärmt, sollte man sich ansehen, was die existierende Windkraft an Land mit Gran Canaria gemacht hat.
Fahr die GC-1 Richtung Süden, nimm die Abfahrt Vecindario/Arinaga. Schau nach links. Schau nach rechts. Was du siehst: Eine Landschaft, die aussieht wie eine Industriezone mit Alibi-Natur dazwischen. Riesige Windräder auf den Hügeln, in den Barrancos, entlang der Küste. Zugangswege, die in den Boden gefräst wurden. Strommasten, Trafostationen, Zäune.
Arinaga war einmal ein ruhiges Fischerdorf mit Blick auf unberührte Hügel. Heute steht dort ein Windpark neben dem nächsten. Die eigene Umweltbehörde der Kanaren hat dem Parque Eólico Puerto de Arinaga ein negatives Umweltgutachten ausgestellt — wegen «signifikantem und negativem landschaftlichem Einfluss», Vogelschlaggefahr und unzureichender Ausgleichsmassnahmen. Und trotzdem stehen die Räder dort.
Bei Camino la Pasadilla, nahe der Schlucht von Guayadeque — einem der schönsten Naturmonumente der Insel — wurde ein Windpark-Projekt abgelehnt, weil die Umweltbehörde feststellte: «Die Zone hat eine hohe Sichtbarkeit mit sehr breiten Blickachsen» und die Installation «einen Präzedenzfall schaffen würde, der den Verfall des landwirtschaftlichen Bodens als Naturressource beschleunigt.»
Gran Canaria hat heute 216 Windparks (terrestrisch, bestehend oder im Genehmigungsverfahren). Jeder einzelne wurde als «grün» und «notwendig» verkauft. Das kumulative Ergebnis ist eine Landschaft, die in Teilen nicht mehr wiederzuerkennen ist.
Das Versprechen «Offshore ist anders»
Die Offshore-Befürworter sagen: Genau deshalb wollen wir aufs Meer. Keine Windräder mehr auf Bergen. Keine Verschandelung mehr an Land. Die schwimmenden Plattformen stehen 15, 20, 30 Kilometer vor der Küste — unsichtbar vom Strand aus.
Das klingt gut. Aber ein paar Fragen bleiben:
Wer garantiert die Distanz? Die Ausschreibungsbedingungen legen fest, wie weit vor der Küste gebaut werden darf. Wenn der wirtschaftliche Druck steigt, werden die Distanzen kleiner? In anderen Ländern ist genau das passiert.
Was passiert mit den Kabeltrassen? Der Strom muss an Land. Dafür braucht es Unterseekabel, Anlandungspunkte, Umspannwerke an der Küste. Das sind Baustellen — an Stränden, in Häfen, in Naturgebieten.
Was passiert mit dem Meeresboden? Schwimmende Windräder sind verankert — mit Ketten oder Seilen am Meeresgrund. Der Einfluss auf marine Ökosysteme ist noch wenig erforscht, besonders in den reichen Gewässern vor den Kanaren.
Wer räumt die alten Windparks an Land ab? Wenn Offshore-Wind die Zukunft ist — was passiert mit den 216 terrestrischen Windparks? Werden sie abgebaut? Oder bleiben sie stehen, als Ruinen der ersten Energiewende, während die zweite bereits läuft?
Wie instabil ist Windstrom? Die Kanaren haben kein Verbundnetz. Wenn der Wind nicht weht — und ja, auch Passatwinde haben Flauten — braucht es Backup. Batterien, Pumpspeicher, oder doch wieder Diesel. Die Frage der Speicherung ist ungelöst.
Die 8.000-Jobs-Rechnung
Die Zahl klingt beeindruckend. Aber sie stammt aus einer Studie, die den gesamten Lebenszyklus eines 500-MW-Parks berechnet — Planung, Bau, Betrieb, über Jahrzehnte. «8.000 Arbeitsplätze pro Jahr (Äquivalent)» bedeutet nicht, dass 8.000 Menschen dauerhaft beschäftigt sind. Es bedeutet, dass über die gesamte Laufzeit insgesamt so viele Arbeitsjahre anfallen.
Wie viele dieser Jobs tatsächlich auf Gran Canaria entstehen — und wie viele bei internationalen Konzernen in Norwegen, Dänemark oder Bilbao — steht auf einem anderen Blatt.
Was niemand fragt
Die Debatte um Offshore-Wind auf Gran Canaria wird derzeit als reine Erfolgsgeschichte erzählt. Cabildo, Unternehmen, Gewerkschaften, Wissenschaft — alle sind dafür. Keine einzige kritische Stimme in der Berichterstattung.
Aber die Fragen, die gestellt werden müssen:
Hat die Bevölkerung jemals abgestimmt, ob sie ihre Küste für Windparks freigeben will — auch wenn sie 20 Kilometer entfernt sind?
Wer profitiert wirtschaftlich? Die Insulaner — oder die internationalen Energiekonzerne, die die Ausschreibung gewinnen?
Was passiert mit dem Tourismus? Gran Canaria lebt vom Meer. Wenn Besucher aus dem Flugzeug auf einen Wald aus Windrädern vor der Küste blicken — ist das das Bild, das die Insel verkaufen will?
Und die grundsätzlichste Frage: Ist es klug, die nächste Generation von Energieinfrastruktur ins Meer zu bauen, bevor man das Chaos an Land aufgeräumt hat?
Wo die Debatte stehen sollte
Offshore-Windkraft kann für die Kanaren wirtschaftlich und ökologisch Sinn machen. Die Zahlen zur Kosteneffizienz sind überzeugend, zumindest auf dem Papier. Und die Abhängigkeit von importiertem Diesel ist ein reales Problem, das gelöst werden muss.
Aber die Art, wie diese Debatte geführt wird — als alternativlose Fortschrittserzählung, ohne Raum für Kritik, ohne Einbeziehung der Bevölkerung, ohne ehrliche Bilanz der bisherigen Windkraft an Land — erinnert an andere Grossprojekte auf den Kanaren, die als Segen verkauft wurden und als Belastung endeten.
Wer will, kann nach Vecindario fahren und sich ansehen, wie «grüne Energie» aussieht, wenn sie auf eine Landschaft trifft.