Stell dir vor, du gehst eine schmale Gasse in Arucas entlang — der dunkle Tuffstein der Häuser leuchtet in der Nachmittagssonne bläulich, von irgendwoher duftet es nach Rum aus der Arehucas-Fabrik, und irgendwo oben überragt die neogotische Kirche San Juan Bautista das Häuserdach. Du fragst dich: Warum heißt diese Gasse eigentlich so? Wer lebte hier? Was hat sich vor hundert Jahren an dieser Ecke abgespielt? Bisher hatte niemand eine Antwort. Seit dem 12. März 2026 gibt es eine.
An diesem Tag hat das Ayuntamiento de Arucas "Legado en piedra. Callejero del centro histórico de Arucas" vorgestellt — den ersten historischen Stadtführer, den diese Stadt je bekommen hat. Verfasst vom Historiker und Dokumentalisten José Iván Rodríguez, herausgegeben vom Stadtrat, gefördert vom Cabildo de Gran Canaria (Cabildo) im Rahmen des Projekts "Arucas en Acción".
36 Straßen, Jahrhunderte in Stein
Das Buch nimmt sich 36 Straßen des historischen Stadtzentrums vor und erzählt von ihrer Entstehung, ihrem Namen und ihrer Entwicklung über die Jahrhunderte. Das klingt trocken — ist es aber nicht. Denn hinter jedem Straßennamen steckt eine Biografie: ein Handwerker, ein Kirchenfest, ein vergessener Bürgermeister, eine Legende, die sich die Alten von Arucas noch heute erzählen.
Genau diese Alten sind der eigentliche Schatz des Buches. Rodríguez hat seine Arbeit auf dem Fundament aufgebaut, das das Kollektiv Labrantes de la palabra in 25 Jahren aufgehäuft hat: eine Gruppe, die sich seit einem Vierteljahrhundert damit beschäftigt, die Geschichte von Arucas durch die mündlichen Zeugnisse seiner Bewohner zu retten. Ältere Menschen wurden befragt, Erinnerungen festgehalten, Geschichten bewahrt, die sonst mit ihrer Generation verschwunden wären.
"Legado en piedra" — Die wichtigsten Fakten
Vollständiger Titel: Legado en piedra. Callejero del centro histórico de Arucas
Autor: José Iván Rodríguez, Historiker und Dokumentalist
Erscheinungsdatum: 12. März 2026
Herausgeber: Ayuntamiento de Arucas
Förderung: Cabildo de Gran Canaria, Projekt "Arucas en Acción"
Inhalt: 36 Straßen des historischen Stadtzentrums mit Ursprung und Geschichte
Vorwort: Ramón Díaz Hernández, Professor für Humangeografie, ULPGC
Verfügbar: In den Schulen von Arucas und digital in der Stadtbibliothek
Die Stimmen, die das Buch trägt
Das Vorwort schrieb Ramón Díaz Hernández, Professor für Humangeografie an der Universität Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC). Dass ein Geograf ein Buch über Straßengeschichte einleitet, ist kein Zufall: Der historische Stadtgrundriss ist zugleich ein Kartogramm der Gesellschaft — wer wo lebte, wo Macht saß, wo das einfache Volk wohnte, wo Handel und Handwerk ihren Platz hatten.
Das Buch ist in den Schulen von Arucas erhältlich und steht außerdem digital in der Stadtbibliothek zur Verfügung. Es ist als Bildungsmaterial gedacht — aber auch als Einladung an alle, die Arucas besuchen oder lieben.
"Merezco una calle" — Frauen fordern ihren Platz
Zeitgleich mit der Präsentation des Stadtführers hat das IES Santiago Santana, eines der weiterführenden Schulen von Arucas, ein Projekt vorgestellt, das nachdenklich stimmt: "Merezco una calle" — "Ich verdiene eine Straße". Schülerinnen und Schüler haben untersucht, wie viele der Straßen des historischen Zentrums nach Frauen benannt sind. Das Ergebnis fiel so aus, wie man es in fast jeder Stadt der Welt erwarten würde: kaum eine. Das Projekt benennt diese Schieflage und schlägt Frauen vor, die es verdient hätten, im Stadtbild sichtbar zu sein — nicht als Ausnahme, sondern als Regel.
Zusammen zeigen beide Initiativen, was Stadtgeschichte leisten kann: Sie erklärt nicht nur, wie eine Stadt wurde, was sie ist — sie öffnet auch den Blick für das, was sie noch werden könnte.
Arucas: Mehr als eine Tagesausfahrt
Wer Arucas nur als Ziel für einen Ausflug aus Las Palmas kennt — Bus Linie 210 ab der Haltestelle San Telmo, etwa 40 Minuten — hat die Stadt vielleicht nur an ihrer Oberfläche gestreift. Die Kirche San Juan Bautista, zwischen 1909 und 1977 aus dem charakteristischen blauen Arucas-Stein erbaut und oft mit einer Kathedrale verglichen, ist das Wahrzeichen. Der Stadtpark und die Plaza de la Constitución laden zum Verweilen ein. Die Casa de la Cultura aus dem 17. Jahrhundert beherbergt heute Ausstellungen und Veranstaltungen.
Aber die Seele der Stadt liegt in den Gassen. In der Art, wie die Häuser gebaut sind, wie Türen und Fenster einander gegenüberstehen, wie eine Straße plötzlich abknickt, weil da früher ein Klostergarten war. Das ist es, was "Legado en piedra" aufschließt — und was einen zweiten, dritten Besuch rechtfertigt, Buch in der Hand, die Augen auf die Steine gerichtet.
Mehr über Gran Canaria als Reiseziel: offizielle Seite von Gran Canaria Turismo zu Arucas (Gran Canaria).
Ein Vermächtnis in Stein — und auf Papier
Der Titel "Legado en piedra" — auf Deutsch: Vermächtnis in Stein — ist mit Bedacht gewählt. Arucas ist eine Stadt, die sich in ihre Bauten eingeschrieben hat. Der blaue Stein ist nicht nur Baumaterial; er ist Identität. Und jetzt hat diese Identität auch ein Buch.
José Iván Rodríguez hat damit etwas geleistet, das in vielen Städten fehlt: Er hat den Straßen ihre Geschichte zurückgegeben. Nicht als trockene Ortschronik, sondern als lebendiges Dokument — gespeist aus den Erinnerungen der Menschen, die in diesen Gassen aufgewachsen sind, gespielt, gearbeitet und gelebt haben.
Für alle, die Gran Canaria besuchen: unser kompletter Gran-Canaria-Reiseführer gibt einen umfassenden Überblick. Und wer wissen will, was auf der Insel sonst noch los ist — von Kultur bis Karneval: unser Guide zum Karneval von Maspalomas und ein Blick auf Las Palmas als Kulturhauptstadt Europas 2031 lohnen sich.
Praktische Infos für die Reise: aktuelles Wetter auf Gran Canaria und Fähren zu den Kanarischen Inseln.