Zuerst die gute Nachricht: das Rekordgeld
Am Dienstag beschloss der spanische Ministerrat die Aktualisierung der sogenannten Vorauszahlungen (entregas a cuenta) aus dem Finanzierungssystem der Regionen. Für die Kanaren bedeutet das 7,098 Milliarden Euro für 2026 — 7,6 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Betrag der Geschichte. Rechnet man die Abrechnung des Jahres 2024 hinzu, die jetzt ausgezahlt wird (1,069 Milliarden), kommen die Inseln 2026 auf insgesamt 8,167 Milliarden Euro vom Staat — ein Plus von 8,6 Prozent. Die Kommunen auf den Inseln bekommen zusätzlich 1,437 Milliarden, ebenfalls ein Rekord.
Finanzminister Arcadi España, selbst auf den Inseln kein Unbekannter, verband die frohe Botschaft mit einer Spitze: Die Regionen hätten nun «die höchsten Mittel der Geschichte», und das solle sich gefälligst «in der Qualität der öffentlichen Dienste niederschlagen» — was, wie er anfügte, nicht immer der Fall sei.
Erwähnenswert ist auch, wie holprig dieses Geld zustande kam: Der spanische Kongress hatte die Aktualisierung der Vorauszahlungen zuvor zweimal abgelehnt, was bei den Regionalregierungen Liquiditätsengpässe auslöste. Genau das steckt hinter dem kanarischen Vorwurf, der Staat habe Zahlungen «ungerechtfertigt einbehalten». Jetzt wurde es per Dekret nachgeholt — das allerdings im Kongress noch bestätigt werden muss, wofür die Regierung auf Stimmen der oppositionellen PP angewiesen ist.
Jetzt die scheinbar schlechte: die Milliarde
Parallel debattierte das kanarische Parlament über einen Bericht der unabhängigen Fiskalbehörde AIReF. Dessen Kern: Die Kanaren haben die «Ausgabenregel» (regla de gasto) gerissen — und zwar deutlich. Diese EU-abgeleitete Regel begrenzt, wie stark die Ausgaben einer Verwaltung von einem Jahr aufs nächste wachsen dürfen. Für 2024 lag das erlaubte Plus bei 2,6 Prozent — die Kanaren steigerten ihre Ausgaben aber um 7,6 Prozent. 2025 wiederholte sich das Muster: erlaubt 3,2 Prozent, tatsächlich 9,1 Prozent.
Aus diesen beiden Überschreitungen summiert sich der Betrag, den die Inseln in den Jahren 2026 und 2027 wieder ausgleichen müssen, auf rund eine Milliarde Euro (etwa 445 Millionen aus 2024 plus 566 Millionen aus 2025). Dazu muss die Regierung einen Anpassungsplan vorlegen.
Der Knoten — und seine Auflösung
Hier liegt der entscheidende Punkt, den die Schlagzeilen verschweigen: Die Kanaren haben kein Defizit. Im Gegenteil. Die Inseln verbuchten 2023, 2024 und 2025 jeweils einen Überschuss, und die AIReF sagt sogar voraus, dass das bis 2030 so bleibt. Die Verschuldung liegt unter 13 Prozent der Wirtschaftsleistung — sehr niedrig.
Die Kanaren geben also nicht über ihre Verhältnisse aus. Sie haben nur in zwei Jahren zu schnell mehr ausgegeben, als eine technische Regel erlaubt — eine Regel, die das Tempo des Ausgabenwachstums deckelt, nicht den Kontostand. Bildlich: Es ist, als bekäme jemand mit prall gefülltem Konto einen Rüffel, weil seine monatlichen Ausgaben zu schnell gestiegen sind — nicht, weil er rote Zahlen schreibt.
Genau hier setzt die kanarische Regierung an. Finanzberaterin Matilde Asián bestreitet gar nicht die Überschreitung, betont aber: Die Kasse sei «saniert», man teile das Ziel der Fiskalregeln und sei kein «Aufrührer». Sie fordert mehr Flexibilität bei der Ausgabenregel — und argumentiert, solange eine Region Überschuss und niedrige Schulden habe, sollten die harten Sanktionsmechanismen nicht greifen. Die Opposition kontert, das sei schöngeredet: Wer in zwei Jahren ein Loch von einer Milliarde aufreisse, offenbare schlicht Unfähigkeit, den Haushalt zu steuern.
Was das für die Inseln bedeutet
Für Residenten ist die Einordnung wichtiger als die Aufregung. Die eine Milliarde ist kein Spardiktat im Stil einer Austeritätskrise und bedeutet nicht, dass jetzt Krankenhäuser oder Schulen geschlossen werden. Es geht darum, das Ausgabenwachstum 2026/27 zu bremsen, damit es wieder in den von Madrid und Brüssel gesetzten Rahmen passt.
Spürbar werden könnte es trotzdem: Wenn die Inseln das Tempo drosseln müssen, ist weniger Spielraum für neue Vorhaben — und das fällt ausgerechnet in eine Zeit teurer Grossprojekte. Das Stadion von Gran Canaria etwa soll für 174,7 Millionen Euro saniert werden, allein das Dach kostet über 60 Millionen. Solche Ausgaben muss eine Verwaltung, die ihr Wachstum bremsen soll, künftig genauer rechtfertigen. Und es nährt eine ältere Debatte: Erst kürzlich musste die Region 22 Millionen Euro nicht abgerufener EU-Innovationsgelder zurückgeben. Viel Geld auf dem Papier — und wiederkehrende Zweifel, ob es klug ausgegeben wird.
Unterm Strich: Den Kanaren geht es finanziell so gut wie selten. Die «Milliarde» ist kein Loch, sondern eine Bremsvorgabe. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Geld da ist — sondern ob es bei Gesundheit, Bildung und Wohnen ankommt, statt in Prestigebauten.
Stand 04.06.2026. Quellen u. a. Ministerio de Hacienda, AIReF, Debatte im Parlament der Kanaren, eldiario.es, Canarias7, Atlántico Hoy, Libertad Digital. Die genannten Beträge beruhen auf Regierungs- und AIReF-Angaben; die Bestätigung der Vorauszahlungen im Kongress stand zum Redaktionsschluss noch aus.
Häufige Fragen
Sind die Kanaren pleite oder verschuldet?
Nein, im Gegenteil. Die Inseln hatten 2023, 2024 und 2025 jeweils einen Überschuss, die Verschuldung liegt unter 13 Prozent der Wirtschaftsleistung, und die Fiskalbehörde AIReF erwartet Überschüsse bis 2030.
Warum müssen sie dann eine Milliarde sparen?
Weil sie die EU-«Ausgabenregel» gerissen haben, die das jährliche Wachstum der Ausgaben begrenzt — nicht den Kontostand. 2024 und 2025 stiegen die Ausgaben deutlich schneller als erlaubt. Dieses Tempo muss 2026/27 ausgeglichen werden.
Werden jetzt Leistungen gekürzt?
Eine Schliessung von Krankenhäusern oder Schulen steht nicht im Raum. Es geht um ein langsameres Ausgabenwachstum, nicht um Austeritätskürzungen. Weniger Spielraum für neue Grossprojekte ist aber möglich.
Was ist mit dem «einbehaltenen» Geld?
Der spanische Kongress hatte die Aktualisierung der Vorauszahlungen zweimal blockiert, was Liquiditätsengpässe auslöste. Jetzt wurde sie per Dekret nachgeholt — muss aber noch vom Kongress bestätigt werden.
Bekommen die Kanaren nun wirklich Rekordgeld?
Ja. 2026 fliessen 8,167 Milliarden Euro vom Staat (Vorauszahlungen plus Abrechnung 2024), der höchste Wert der Geschichte. Beides — Rekordgeld und Sparvorgabe — ist gleichzeitig wahr.