Diese Woche wurde in Morro Jable auf Fuerteventura ein Mann verhaftet. Brutaler Angriff auf einen ausländischen Bewohner, 17 Stiche im Gesicht. Auf Telegram-Kanälen lief die Meldung sofort als angeblicher rechter Hassangriff.
Die Polizei sagt etwas anderes. Sie sagt: Raub mit Gewalt. Operation "PUSILK". Das Opfer war zuvor Alkohol trinken, kam alleine zurück, wurde von zwei Vermummten verfolgt, von hinten niedergeschlagen, getreten — und seine Sachen wurden mitgenommen. Klassisches Raub-Muster.
Ist das ein Hassverbrechen? Wahrscheinlich nicht. Diebstahl ist nicht Rassismus.
Aber.
Während diese eine Tat kein Hassverbrechen ist, gibt es auf den Kanaren etwas, das der Polizei seit Jahren bekannt ist und vor dem Nationale und EU-Behörden mehrfach gewarnt haben. Eine echte, dokumentierte Welle rassistischer Gewalt. Online beginnend, auf der Strasse endend. Mit Verurteilten. Mit Opfern. Mit Tätern, die manchmal Polizisten waren.
Das hier ist die Geschichte, die wirklich stattfindet.
Der Polizist, der "auf seiner Insel" keine Sudacas duldete
- Februar 2021, Las Palmas de Gran Canaria, kurz vor zehn Uhr abends. Zwei Lokalpolizisten nach Dienstschluss, betrunken, kreuzen die Strasse. Sie hören eine Gruppe Fussgänger spanisch sprechen — mit argentinischem Akzent.
"Was machst du auf meiner Insel?", brüllt einer der beiden. "Sudaca de mierda" — Drecks-Sudaca, ein abwertendes Wort für Lateinamerikaner. "Verschwinde aus Gran Canaria."
Dann fangen sie an zu schlagen. Vier Männer werden attackiert, einer erleidet Bänderriss am Daumen, Prellungen im Gesicht und am Ohr. Zehn Tage arbeitsunfähig.
Anwohner kommen dazu, bitten die Polizisten aufzuhören. Die zeigen ihre Marke. Die Anwohner ziehen sich zurück.
Die Polizisten sind noch nicht fertig. Wenig später sehen sie einen weiteren Mann mit "asiatischem Aussehen, dunkler Haut" — es ist ein Nepalese, der kaum Spanisch versteht. "Drecksimmigrant", "geh zurück in dein Land", "Schwarzer". Schläge auf den Kopf, Ohrfeigen, Stösse.
Der Audiencia Provincial in Las Palmas verurteilte beide 2024 wegen Hassverbrechens. Der Tribunal Superior de Justicia de Canarias erhöhte die Strafe in der Berufung von einem Jahr auf eineinhalb Jahre Gefängnis und vier-einhalb Jahre Berufsverbot. Das Urteil ist rechtskräftig.
Das Urteil hält fest: Die Polizisten handelten "abgesprochen, gemeinsam, mit eindeutig rassistischem Hintergrund".
Das war nicht irgendwer. Das waren zwei Beamte der Lokalpolizei der kanarischen Hauptstadt.
Die Mohrenjagd
Verschieben wir uns ein paar Wochen weiter zurück. November und Dezember 2020. Auf den Kanaren strandet eine Migrationswelle nie da gewesenen Ausmasses — über 22.000 Menschen kamen 2020 in Patera-Booten an, viele wurden in Hotels untergebracht.
Was als humanitäre Notlage begann, mündete in einer der dunkelsten Episoden der jüngeren kanarischen Geschichte.
Auf WhatsApp organisierten sich Gruppen unter dem Namen "La caza del moro" — die Mohrenjagd. Tonaufnahmen, die später dem Magazin lamarea.com zugespielt wurden, dokumentierten Sätze wie *"Estamos armados hasta arriba. Los moros van a morir"* — wir sind bewaffnet bis zum Anschlag, die Mohren werden sterben.
Die Fundación Cruz Blanca, die ein Migrantenzentrum im Stadtteil El Lasso in Las Palmas verwaltete, dokumentierte in einer Woche neun Übergriffe auf marokkanische Bewohner. Drei formelle Anzeigen wurden bei der Policía Nacional eingereicht.
Die Übergriffe:
- Ein Mann näherte sich mit einer Machete einem jungen marokkanischen Migranten und filmte sich dabei
- Vermummte schossen mit Schreckschuss-Pistolen auf eine nordafrikanische Familie
- Steine wurden vom Dach des Migrantenzentrums geworfen
- Cruz Roja warnte die Bewohner, 48 Stunden lang nicht herauszukommen
Am 13. Dezember 2020 versammelten sich Dutzende Anwohner vor mehreren Hotels, in denen Migranten untergebracht waren. *"¡Fuera moros! ¡Van a pagar, cabrones!"* — Raus mit den Mohren, ihr werdet zahlen, Schweine.
Die Staatsanwaltschaft Las Palmas leitete Ermittlungen wegen Hassverbrechen gegen mehrere Teilnehmer der WhatsApp-Gruppen ein.
Das verbrannte Mädchen
Sprung ins Jahr 2025. 16. Juli, vier Uhr morgens, Calle Roque Nublo im Stadtteil La Isleta von Las Palmas. Brand in einer besetzten Wohnung. Ein 17-jähriges Mädchen erleidet Verbrennungen an mehr als 50 Prozent ihres Körpers.
Die Policía Nacional verhaftet einen 20-jährigen marokkanischen Migranten — Abarrafía H. — der mit ihr in der Wohnung war. Er war wenige Wochen vorher mit einer Patera in Lanzarote angekommen.
Was dann online passierte, dokumentierte das Observatorio Español de Racismo y Xenofobia, das Beobachtungszentrum des Innenministeriums. Im Juli explodierten die Hass-Botschaften gegen Nordafrikaner auf Facebook, Instagram, TikTok, YouTube und X.
86 Prozent der dokumentierten Hass-Inhalte richteten sich in jenem Monat gegen Nordafrikaner. Die Aufrufe zur Gewalt stiegen von drei Prozent im Juni auf zwölf Prozent im Juli.
Was wurde geschrieben? *"Son mierda"*. *"Animales salvajes"* — wilde Tiere. *"Hay que destripar al moro"* — den Mohren ausweiden. *"Tiros en la cabeza para todos"* — Köpfe abschiessen für alle. Den Mohr bei lebendigem Leib häuten und in Bleiche baden.
Vox-Chef Santiago Abascal schrieb am 28. Juli auf Facebook: *"Sánchez hat kein einziges Wort für die Frauen, die in den letzten Wochen vergewaltigt wurden. Auch nicht für das Mädchen, das von einem Wilden lebendig verbrannt wurde, der erst kürzlich in einer Patera angekommen ist."*
Eine Demonstration im Stadtteil La Isleta wurde mit Plakaten beworben, die das Gesicht des Mädchens und Flammen zeigten — Untertitel: *"Ein Aggressor: ein 20-jähriger Marokkaner, gerade in Patera angekommen, mit Ausweisungsbefehl, lebt in einer besetzten Wohnung."* Podemos, Izquierda Unida und CCOO baten die Delegación del Gobierno, die Demo zu verbieten — wegen Aufstachelung zu Rassismus. Die Demo fand statt.
Nach 57 Tagen Haft kam Abarrafía H. frei. Das Mädchen sagte vor Gericht aus: er hat versucht, sie zu retten. Das Feuer war ein Unfall. Der Richter Tomás Martín stellte fest, sie sei in dem Zimmer gefangen gewesen, ohne ihn wäre sie nicht herausgekommen.
Ein bemerkenswertes Detail aus dem Gerichtsbeschluss: Der Zeuge, der den Notruf 112 wählte und Abarrafía als Täter beschuldigte, war fünf Tage zuvor Teil einer organisierten Hetzjagd gegen marokkanische Migranten in La Isleta gewesen. Mehrere Migranten hatten sich damals in die Polizeiwache flüchten müssen.
Vox-Chef Abascal nannte Abarrafía nach dem Freispruch trotzdem weiter "monstruo" und "asesino". Das Hetz-Vokabular blieb.
Was die Zahlen sagen — und was sie nicht sagen
Das Innenministerium veröffentlicht jährlich einen Bericht zu Hassverbrechen in Spanien. Die Zahlen für 2024:
- 1.955 Hassverbrechen oder hass-motivierte Vorfälle insgesamt — ein Rückgang von 13,8 Prozent gegenüber 2023
- Davon 804 wegen Rassismus und Xenophobie — die häufigste Kategorie, leichter Rückgang um 6 Prozent
- 528 wegen sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität
- 181 wegen Geschlechts-Diskriminierung
Die scheinbar guten Zahlen verbergen ein Problem: Der Bericht selbst weist darauf hin, dass die Dunkelziffer bei rassistischen Hassverbrechen geschätzt 80 bis 90 Prozent beträgt. Heisst: Die echte Zahl wäre eher rund 6.000 Fälle pro Jahr in Spanien. Vermutlich mehr.
Wir haben keine separaten Zahlen für die Kanaren. Die Innenminister-Berichte regionalisieren nicht. Was wir haben, sind die einzelnen dokumentierten Fälle, die Verurteilungen, die Polizeimeldungen.
Was sicher ist: Die Aufmerksamkeit der Medien und der Justiz ist auf den Kanaren erhöht — nicht weil hier mehr passiert als anderswo, sondern weil die Inseln seit 2020 zur europäischen Migrationsroute Nummer eins geworden sind. Über 60.000 Migranten kamen 2024 an. 2025 fiel die Zahl um 80 Prozent.
Wie die Politik mitspielt
Im Juli 2024 zog Vox seine Kommunalkoalitionen mit dem Partido Popular in fünf spanischen Regionen auf — wegen eines Streits über die Verteilung von 400 minderjährigen Migranten von den Kanaren auf die Halbinsel.
Vox-Sprecherin Rocío de Meer kündigte 2025 an, sie wolle "rund acht Millionen" Migranten "deportieren", die "sich nicht angepasst" hätten — auch jene der zweiten Generation, in Spanien geboren oder vor dem 12. Lebensjahr angekommen.
Vox stellte sein EU-Wahlprogramm im Mai 2024 demonstrativ vor einem Migrantenheim in Las Palmas de Gran Canaria vor.
Auf den Kanaren übernahm die Regional-Koalition das Vokabular. Präsident Fernando Clavijo (Coalición Canaria) sprach von *"Estamos al límite"* — wir sind am Limit. Die Botschaft: Migration ist eine Belastung, kein Problem der Gesellschaft. Die Linke argumentiert dagegen, das eigentliche Problem seien Wohnen, Arbeit und Massentourismus, nicht 22.000 Patera-Migranten in einem Jahr.
Im Oktober 2024 demonstrierten in Las Palmas de Gran Canaria und Santa Cruz de Tenerife Tausende gegen "irreguläre Migration". *"Wir sind keine Rassisten, wir waren nur zu hilfsbereit"*, sagte eine Demonstrantin der Nachrichtenagentur AFP.
Im Mai 2025 schloss die Justiz ein Migrantenzentrum für minderjährige Migranten in Tafira (Gran Canaria), nachdem zwölf Minderjährige Misshandlungen, Bedrohungen und Übergriffe durch das Personal angezeigt hatten. Neun Mitarbeiter wurden verhaftet — wegen Körperverletzung und Hassverbrechens. Die zuständige Stiftung wurde bereits zuvor von der Antikorruptions-Staatsanwaltschaft untersucht.
Was hier wirklich los ist
Wer durchblicken will, muss zwei Dinge auseinanderhalten.
Das eine ist die organisierte rassistische Gewalt gegen marokkanische, nordafrikanische und afrikanische Migranten, die hauptsächlich in Patera-Booten ankommen. Sie ist real, dokumentiert, polizeibekannt, von der Justiz verurteilt. Sie nährt sich aus einer aufgeladenen Debatte über die Patera-Migration, in der Vox und Teile des PP eine zentrale Rolle spielen, und die Coalición Canaria zumindest stillschweigend hinnimmt.
Das andere ist die alltägliche Kriminalität, die in jedem Touristenort der Welt vorkommt — Diebstähle, Strassenraub, Schlägereien. Wenn ein "ausländischer Bewohner" in Morro Jable ausgeraubt und brutal geschlagen wird, ist das eine Straftat. Aber nicht automatisch ein Hassverbrechen.
Die Vermischung der beiden ist gefährlich.
Wenn jeder Übergriff auf einen Ausländer reflexartig als rechter Hassangriff verkauft wird, dann verlieren die echten Hass-Opfer ihre Sichtbarkeit. Wenn die Mohrenjagd 2020 mit dem Strassenraub 2026 in einen Topf geworfen wird, hilft das niemandem — ausser jenen, die sagen können, "die Linken übertreiben mit dem Rassismus-Vorwurf".
Umgekehrt: Wenn die echten Fälle — die zwei verurteilten Polizisten, die WhatsApp-Hetzjagd 2020, die 86 Prozent Anti-Nordafrika-Hass im Juli 2025, das geschlossene Migrantenzentrum in Tafira — heruntergespielt oder ignoriert werden, weil sie unbequem sind, dann normalisieren wir Gewalt.
Beides passiert. Beides ist falsch.
Was du als Bewohner oder Tourist wissen musst
Wenn du als Ausländer auf den Kanaren lebst: Du bist sehr wahrscheinlich sicher. Die Kanaren haben eine Kriminalitätsrate, die unter dem spanischen Durchschnitt liegt. Die Mehrheit der Bevölkerung ist tolerant, freundlich, an Ausländer gewöhnt — die Inseln leben seit Jahrzehnten von Tourismus und Migration aus aller Welt.
Wenn du in einem Patera-Migrantenzentrum-Umfeld lebst — wie El Lasso, La Isleta, oder Teile von Tafira — solltest du dir der politischen Spannung bewusst sein. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, in eine Anti-Migrations-Demonstration oder in deren Auswirkungen zu geraten, real.
Wenn du nordafrikanisch oder schwarz aussiehst: Du hast statistisch gesehen ein höheres Risiko, Ziel von Diskriminierung oder Übergriffen zu werden — nicht nur auf den Kanaren, sondern in ganz Spanien. Hassverbrechen kannst du in jeder Polizeiwache anzeigen. Die Oficina Nacional de Lucha contra los Delitos de Odio (Nationale Behörde gegen Hassverbrechen) hat eine spezielle Anlaufstelle.
Wenn du als Tourist hier bist: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines politisch motivierten Angriffs zu werden, ist ausserordentlich gering. Die normale Tourist-Kriminalität — Taschendiebstahl, Strassenraub bei Nacht — ist das, worauf du achten solltest. Genau wie überall sonst auf der Welt.
Worauf es hinausläuft
Die Kanaren sind kein Ort des Hasses. Aber sie sind auch nicht immun gegen das, was in Europa und Spanien stattfindet.
Eine Welle rassistischer Online-Hetze gegen nordafrikanische Migranten ist statistisch gut dokumentiert. Politische Akteure verstärken sie. Einzelne Vorfälle — von Polizei-Hassgewalt 2021 bis zu organisierten Hetzjagden 2020 und Hass-Lawinen online 2025 — zeigen, wo das hinführen kann.
Gleichzeitig ist die einfache Schlagzeile *"Ausländerfeindlicher Mob auf den Kanaren"* falsch. Die Mehrheit der Bewohner protestiert gegen das, was sie als ungerechte Verteilung der Migrationslast erleben — nicht gegen Ausländer als solche. Die meisten dieser Demonstranten lehnen Gewalt ausdrücklich ab. Manche kippen trotzdem in den Hass-Diskurs.
Was wirklich brennt, ist nicht Fuerteventura im April 2026, wo zwei Vermummte einen Mann ausgeraubt haben. Was wirklich brennt, sind die WhatsApp-Gruppen, in denen "Mohrenjagden" geplant werden. Die Hass-Hashtags, die nach dem nächsten Vorfall innerhalb von Stunden Tausende von Menschen erreichen. Die politische Rhetorik, die Migranten als Bedrohung framet. Die Polizisten, die in Uniform und ausser Dienst Sudacas verprügeln.
Das ist die Geschichte. Sie ist hässlicher als ein Strassenraub in Morro Jable. Und ehrlicher.
Wer die Kanaren liebt — als Bewohner oder als Besucher — sollte sie ernst nehmen.