Die Zahlen, kurz
2023: +5,1 % BIP — höchster Wert Spaniens, getrieben vom Post-Pandemie-Tourismus-Boom.
2025: +3,5 % (laut ISTAC) — solide, noch über dem nationalen Schnitt.
Q1 2026: +3,0 % im Jahresvergleich — gut, aber bereits leichter Knick.
Prognose 2026 (Regierung Canarias): 1,9 %. AIReF erwartet 2,3 %, Cámara de Comercio 2 %, BBVA Research 1,3 %.
Prognosen 2027–2029: laut den vom El Día heute veröffentlichten Regierungsdokumenten zusammen nur noch rund 0,5 % über drei Jahre.
Inhalt
- Was Quartalsberichte nicht zeigen
- Der Tourist: alles funktioniert noch, aber es knirscht
- Die Auswanderin auf Probe: 1.500 statt 950
- Der Langzeit-Resident: drei Geschichten überlagern sich
- Der Unternehmer: 0,5 Prozent Wachstum, 8 Prozent Miete
- Die Regierungslesart — und die Gegenstimmen
- Was bleibt für den Leser auf der Terrasse
- Fragen und Antworten
Was Quartalsberichte nicht zeigen
Es ist Sonntagabend, eine Terrasse in Las Canteras, die Sonne fällt schräg auf die Promenade, jemand bestellt das zweite Bier. An so einem Abend denkt man nicht über BIP-Quoten nach. Man denkt darüber, dass es im Februar 22 Grad waren, dass die Wohnung im Telegram-Kanal für 1.400 Euro kalt geht, und dass der Kellner zum dritten Mal in einer Stunde sagt «ahora va, perdón». Und doch hängen all diese Dinge — der Mietpreis, der Service, die Stimmung — an genau jenen Quartalsberichten, die seit Tagen durch die kanarischen Wirtschaftsteile geistern.
Die Kurzfassung: Die kanarische Wirtschaft, die seit 2023 Spaniens Aushängeschild war, schaltet einen Gang zurück. Das erste Quartal 2026 lief noch mit 3,0 % Wachstum — drei Zehntel über dem Festland, sagt das statistische Institut ISTAC. Aber die Regierung Clavijo erwartet für das Gesamtjahr nur noch 1,9 %, was bedeutet: ab Q2 wird gebremst. Und die Mehrjahresprognose bis 2029, über die El Día heute berichtet, sieht zusammen kaum mehr als 0,5 % zusätzliches Wachstum. Drei Jahre, eine knappe halbe Punktbewegung. Das ist nicht Krise, das ist Leerlauf.
Was heisst das für jemanden, der auf der Insel sitzt — oder vorhat, herzukommen?
Der Tourist: alles funktioniert noch, aber es knirscht
Der Tourist (eine Woche im Süden, alles inklusive) wird wenig direkt merken. Die Hotelbuchungen bleiben hoch, die deutschen Zahlen sind zwar im Frühjahr 16 % eingebrochen, aber die Briten, Iren und Polen füllen die Lücke. Was er vielleicht merkt: dass im Restaurant in Maspalomas das Bier 4,80 Euro kostet statt der 3,20, an die er sich erinnert. Dass die Mitarbeiter müder wirken. Dass beim Mietwagen-Schalter Schlangen sind, weil Personal fehlt — laut Cámara de Comercio nennen 52 % der kanarischen Unternehmen Personalmangel als grösstes Hemmnis. Touristisch gesehen: alles funktioniert noch, aber es knirscht an den Rändern.
Die Auswanderin auf Probe: 1.500 statt 950
Die Auswanderin auf Probe (gerade ein halbes Jahr in Las Palmas, Remote-Job, Nomad-Visum) spürt den Knick deutlicher. Ihre Wohnung im Risco wurde gekündigt — der Eigentümer will umziehen, in Wahrheit gibt er sie an Airbnb. Die nächste Wohnung kostet 1.500 statt 950, ein Drittel ihres Berliner Gehalts. Sie fragt im Kanaren-Forum, ob das normal sei. Sechs Antworten, alle in dieselbe Richtung: ja. Was ihr niemand sagt: der Mietpreis-Sprung hängt eben nicht am Wachstum, sondern am Mangel — Wohnungen werden nicht gebaut, weil die Baubranche stagniert, und die Baubranche stagniert, weil 90 Millionen Euro versprochener Wasserprojektmittel nicht auffindbar sind und die Next-Generation-Mittel nur schleppend abgerufen werden. Sie zahlt. Sie bleibt. Aber sie spart nicht mehr.
Der Langzeit-Resident: drei Geschichten überlagern sich
Der Langzeit-Resident (zwölf Jahre, eigenes Haus in Telde) kennt das Muster. Die Insel boomt in Wellen, fällt zurück, boomt wieder. Was ihn diesmal beunruhigt, ist nicht der Knick selbst, sondern wer mit ihm zusammenfällt: deutsche Touristen weg, Wirtschaftsministerium prognostiziert drei Jahre Stillstand, Hafen Granadilla kriegt keinen Bieter, Hantavirus-Schlagzeile in der internationalen Presse. Jede einzelne Geschichte überlebt die Insel locker. Aber sie überlagern sich gerade. Wenn er heute Morgen den Wirtschaftsteil von La Provincia liest, fragt er sich, ob sein Sohn auf der Insel bleibt, wenn er nächstes Jahr Abitur macht.
Der Unternehmer: 0,5 Prozent Wachstum, 8 Prozent Miete
Und der Unternehmer (Bar in Vegueta, sechs Festangestellte)? Er hat im April das Bier um 30 Cent erhöht. Im Juni wird er den Mittagstisch von 13,50 auf 14,50 erhöhen müssen. Strom, Gemüse, das neue ETS-System für Schiffsanlieferungen — alles kommt durch. Sein Vermieter hat angekündigt, im Herbst die Miete an den IPC anzupassen, was real 8 % bedeutet. Wenn er hochrechnet, was 0,5 % Wirtschaftswachstum über drei Jahre bei 8 % Mietsteigerung bedeuten, kommt er auf eine Zahl, die er lieber nicht weiterdenkt. Er denkt sie trotzdem.
Die Regierungslesart — und die Gegenstimmen
Die Regierung sieht das natürlich anders. Vizepräsident Manrique de Lara hat diese Woche gesagt, die Mischung aus Wachstum, Beschäftigung und Inflationsberuhigung bringe Canarias «in eine günstige Position, um 2026 weiter voranzukommen». Ihm gegenüber stehen BBVA Research, die Cámara de Comercio Tenerife und die unabhängige AIReF, die alle vorsichtiger sind, sowie das Beratungshaus EY, das schon im Januar von «moderiertem Wachstum mit hoher globaler Unsicherheit» sprach.
Was bleibt für den Leser auf der Terrasse
Was bleibt für den Leser auf der Terrasse? Keine Panik. Die Beobachtung, dass die Insel eine Phase betritt, in der man genauer hinschauen muss. Wer plant, herzuziehen, sollte mit höheren Mieten und niedrigeren Spielräumen rechnen. Wer schon hier ist, sollte das eigene Budget einmal durchgehen — und wenn die Bar gut läuft, vielleicht jetzt anfangen zu sparen statt nächstes Jahr. Und wer eine Woche Urlaub macht: trinkt das zweite Bier. Es kommt vielleicht etwas später als früher, aber es kommt.
Fragen und Antworten
- Wie stark wächst die kanarische Wirtschaft 2026?
- Die Regierung Clavijo erwartet 1,9 Prozent BIP-Wachstum 2026, BBVA Research nur 1,3 Prozent, AIReF 2,3 Prozent. Q1 lag noch bei 3,0 Prozent.
- Werden die Mieten weiter steigen?
- Ja. Bei stagnierender Baubranche und gleichzeitig hoher Nachfrage durch Tourismus und Auswanderer rechnen Marktbeobachter mit jährlichen IPC-Anpassungen von 6 bis 8 Prozent über die nächsten drei Jahre.
- Lohnt sich der Umzug auf die Kanaren jetzt noch?
- Für Remote-Arbeiter mit gutem Einkommen und Sprachkenntnissen weiterhin ja — aber die Spielräume schrumpfen. Wer mit Pufferbudget rechnet, sollte 30 Prozent mehr Wohnkosten einplanen als noch vor zwei Jahren.
- Müssen Touristen mit Preiserhöhungen rechnen?
- Punktuell ja. Restaurants in Maspalomas, Playa del Inglés und Las Palmas haben Frühjahr 2026 zwischen 5 und 12 Prozent erhöht. Mietwagen und Hotels sind dagegen relativ stabil.