Dieser Guide wird monatlich aktualisiert. Letzte Aktualisierung: 25. März 2026

36,8 % — Anteil des Tourismus am BIP der Kanarischen Inseln (2024) — Allzeithoch

Eine Wirtschaft ohne Alternativen: Warum die Kanaren am Tourismus hängen

Die Wirtschaft der Kanarischen Inseln besteht zu 86,83 Prozent aus Dienstleistungen — und der größte Teil davon ist Tourismus. 2024 erreichte der Tourismusanteil am regionalen BIP mit 36,8 Prozent sein Allzeithoch: 21,4 Milliarden Euro flossen direkt und indirekt aus dem Fremdenverkehr in die kanarische Wirtschaft. Fast 40 Prozent aller Arbeitsplätze auf den Inseln sind vom Tourismus abhängig. Die Steuereinnahmen aus dem Sektor deckten 2023 rund 39,7 Prozent aller regionalen Steuern — genug, um fast die gesamten Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen zu finanzieren.

Die Landwirtschaft, einst der wichtigste Wirtschaftszweig der Inseln, macht heute nur noch 1,77 Prozent des BIP aus. Plátano (die kanarische Banane), Tomaten, Gurken und Blumen sind die verbliebenen Exportprodukte. Der Plátano macht rund 20 Prozent des landwirtschaftlichen Gesamtwerts aus und ist kulturell bedeutend, doch im Gesamtbild der Wirtschaft marginal. Die Industrieproduktion ist mit 5,57 Prozent des BIP fast inexistent — es gibt keine Rohstoffe, kein Hinterland und keine nennenswerte Fertigung. Die Exportdeckungsrate liegt bei mageren 17,9 Prozent: Die Inseln importieren fast sechsmal mehr als sie exportieren.

2024 kamen rund 18 Millionen Touristen auf die Kanarischen Inseln — bei einer Wohnbevölkerung von 2,26 Millionen. Die Arbeitslosenquote lag trotzdem bei 13,5 Prozent, und 33,8 Prozent der Bevölkerung waren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze — aber nicht genug und nicht gut genug bezahlte, um alle mitzunehmen. Für Gran Canaria, insbesondere den Süden rund um Maspalomas, Playa del Inglés und Meloneras, ist diese Abhängigkeit existenziell: Ohne Tourismus bricht das gesamte wirtschaftliche Fundament zusammen.

18 Mio. — Touristen besuchten die Kanaren 2024 — bei nur 2,26 Mio. Einwohnern

Wer regiert die Kanaren: Die politische Landkarte Insel für Insel

Die Politik auf den Kanarischen Inseln ist komplex: Neben der Regionalregierung (Gobierno de Canarias) hat jede der sieben bewohnten Inseln ihren eigenen Cabildo — eine Art Inselregierung mit erheblicher Autonomie und eigenem Budget. Dazu kommen die Gemeinden (Ayuntamientos) und das regionale Parlament. Das Ergebnis ist ein fragmentiertes System, in dem regionale, insulare und lokale Interessen ständig kollidieren.

Seit Juli 2023 regiert Fernando Clavijo von Coalición Canaria (CC) als Präsident der Kanarischen Inseln — zum zweiten Mal (erstmals 2015–2019). Sein Koalitionspartner ist die konservative Partido Popular (PP) unter Vizepräsident Manuel Domínguez, ergänzt durch die Agrupación Herreña Independiente (AHI) aus El Hierro. CC kontrolliert sechs Ministerien, PP fünf, AHI eines.

Die Parteilandschaft der Kanaren im Überblick:

Parteien der Kanarischen Inseln — Politisches Spektrum

Coalición Canaria (CC) — Mitte-Rechts. Kanarisch-nationalistische Sammelpartei, gegründet 1993. Definiert sich selbst als „nationalistisch-progressiv", koaliert aber regelmäßig mit dem konservativen PP und hat 2023 für die (gescheiterte) Investitur von PP-Chef Feijóo im spanischen Parlament gestimmt. CC regierte die Kanaren von 1993 bis 2019 praktisch ununterbrochen — nur der „Pacto de las Flores" (2019–2023, PSOE-geführt) unterbrach diese Dominanz. Wirtschaftspolitisch liberal, steuerlich konservativ, kulturell ambivalent.

Partido Popular (PP) — Mitte-Rechts bis Rechts. Spanische Konservative, klassisch wirtschaftsliberal. Auf den Kanaren seit 2023 erstmals seit 13 Jahren wieder in der Regierung.

PSOE (Partido Socialista) — Mitte-Links. Sozialdemokraten. Stärkste Einzelpartei im kanarischen Parlament (23 von 70 Sitzen), aber seit 2023 in der Opposition.

Nueva Canarias (NC) — Mitte-Links. Nationalistisch-linke Partei, 2005 als Abspaltung von CC gegründet. Dominiert auf Gran Canaria.

Vox — Rechtsaußen. Seit 2023 erstmals im kanarischen Parlament (4 Sitze) und im Cabildo von Gran Canaria (3 Sitze). Populistisch, anti-immigration, zentralistisch.

Podemos / Sí Podemos Canarias — Links. 2023 aus dem kanarischen Parlament und allen Cabildos geflogen. Praktisch bedeutungslos auf den Inseln.

ASG (Agrupación Socialista Gomera) — Mitte-Links. Die Partei von Casimiro Curbelo, seit Jahrzehnten unangefochtener Herrscher über La Gomera. Absolute Mehrheit im Cabildo.

AHI (Agrupación Herreña Independiente) — Mitte. Lokalpartei auf El Hierro, traditionell CC-nahe, koaliert im Gobierno de Canarias.

Gran Canaria: Antonio Morales (Nueva Canarias, Mitte-Links). Seit 2015 im Amt, dritte Amtszeit. Koalition NC + PSOE. Gran Canaria ist die einzige große Insel, die nicht von CC oder PP kontrolliert wird — der Cabildo unter Morales setzt auf Energiewende und „Ecoísla"-Konzept mit Projekten wie dem Pumpspeicherwerk Salto de Chira.

Tenerife: Rosa Dávila (Coalición Canaria, Mitte-Rechts). Erste Frau an der Spitze des Cabildo von Tenerife. Koalition CC + PP, nachdem PSOE-Vorgänger Pedro Martín seinen Posten aufgab, bevor eine Moción de Censura nötig war.

Fuerteventura: Coalición Canaria (Mitte-Rechts), Koalition CC + PSOE — eine der wenigen Institutionen, wo CC nicht mit PP koaliert. Lanzarote: Coalición Canaria (Mitte-Rechts), Koalition CC + PP. La Palma: Coalición Canaria (Mitte-Rechts), absolute Mehrheit. La Gomera: Agrupación Socialista Gomera (Mitte-Links), Casimiro Curbelo, absolute Mehrheit. El Hierro: PSOE (Mitte-Links), nach Moción de Censura gegen AHI.

Die politische Realität: Coalición Canaria kontrolliert die Regionalregierung plus drei bis vier Cabildo-Präsidentschaften. Nueva Canarias hält Gran Canaria. Die Kanaren sind politisch kein monolithischer Block, sondern ein Flickenteppich aus insularen Eigeninteressen, in dem jede Insel ihre eigene politische Dynamik hat.

Die Anti-Tourismus-Bewegung: „Canarias tiene un límite"

Am 20. April 2024 kam es zu den größten Protestdemonstrationen in der Geschichte der Kanarischen Inseln. Unter dem Motto „Canarias tiene un límite" (Die Kanaren haben eine Grenze) gingen auf allen Inseln zusammen rund 200.000 Menschen auf die Straße — eine beispiellose Mobilisierung für einen Archipel mit 2,26 Millionen Einwohnern.

Die Forderungen der Bewegung: eine echte Tourismus-Steuer (Ecotasa), ein Moratorium für neue Hotels und Ferienwohnungen, ein Gesetz zur Beschränkung des Immobilienkaufs durch Nicht-Einwohner (Ley de Residencia), Stopp von Megaprojekten und Schutz der Naturräume. Im Oktober 2024 folgten weitere Proteste in den touristischen Zentren selbst — in Maspalomas, Playa de Las Américas, Corralejo und Puerto del Carmen. Im Mai 2025 erneut Massendemos unter dem Motto „Canarias dice basta".

Die Regierung Clavijo hat sämtliche Kernforderungen abgelehnt: keine Ecotasa, kein Moratorium, und das verabschiedete Ferienwohnungsgesetz wurde von Experten als unzureichend bewertet. Präsident Clavijo argumentierte, die Kanaren seien vom Tourismus abhängig und könnten nicht auf ihre wichtigste Einnahmequelle verzichten — eine Position, die faktisch schwer zu widerlegen ist, angesichts der Zahlen.

Die Anti-Tourismus-Bewegung selbst betont, sie sei nicht gegen Touristen, sondern gegen ein System, das die Inseln ausbeutet, ohne den Einwohnern genug zurückzugeben. Die Bewegung hat Wurzeln in den Umweltkämpfen der 1990er Jahre (Salvar Veneguera, Opposition gegen den Puerto de Granadilla) und verbindet ökologische, soziale und wirtschaftliche Forderungen. Die Unterstützung ist breit: von Umweltgruppen über Mieterinitiativen bis zu Künstlern und Influencern. Für Besucher auf Gran Canaria ist die Debatte allgegenwärtig — und ein wichtiger Kontext, um die soziale Stimmung auf den Inseln zu verstehen.

~200.000 — Demonstranten gingen am 20. April 2024 auf allen Kanarischen Inseln auf die Straße

Die Wirtschafts-Dynastien: Wer wirklich die Fäden zieht

Hinter der politischen Oberfläche liegt eine Wirtschaftsstruktur, die von einer Handvoll Familiendynastien dominiert wird. Diese Gruppen kontrollieren Hotels, Bau, Supermärkte, Airlines und zunehmend auch Infrastruktur wie Wasser und Energie.

Grupo Lopesan (Eustasio López): Der reichste Mann der Kanaren. Vermögen laut Forbes zwischen 880 Millionen und 1,3 Milliarden Euro. Das Imperium begann mit Bauunternehmen und wurde zum Hotelkonzern mit Fünf-Sterne-Häusern im Süden Gran Canarias (Costa Meloneras), Fuerteventura, Thailand, Dominikanische Republik. Dazu Golfplätze, Einkaufszentren, Landwirtschaft, erneuerbare Energien und über 4.000 Angestellte. Aktuell: der 85-Millionen-Euro-Deal für die Taurito-Hotels.

Grupo Satocan (Juan Miguel Sanjuán): 280 Millionen Euro Vermögen. Begann mit dem Bau des Hafens von Puerto de Mogán und diversifizierte in Immobilien, Tourismus, Energie, Agrarindustrie. War im Aufsichtsrat von Sacyr. Zusammen mit Martinón und Domingo Alonso übernahm Satocan 2025 45 Prozent von Canaragua — dem Unternehmen, das die Wasserversorgung auf Tenerife, La Palma, La Gomera und El Hierro kontrolliert.

Grupo Martinón (Invercan Grumasa): 210 Millionen Euro. Hotels international (Karibik, Mexiko, Aruba), Lebensmittelindustrie, Bau, Energie. Gründer Enrique Martinón Armas war historisch ein enger Verbündeter des kubanischen Castro-Regimes — eine Verbindung, die nach Castros Tod brüchig wurde. 2025 verlor Martinón den juristischen Kampf gegen Lopesan um die Taurito-Hotels.

Weitere Schlüsselfiguren: Die Familie Del Castillo (220 Mio. €, kontrolliert die Interinsel-Airline Binter), die Brüder Domínguez Santana (400 Mio. €, DinoSol/Hiperdino — die Supermarktkette der Kanaren), Wolfgang Kiessling (370 Mio. €, Loro Parque, Siam Park — will einen zweiten Siam Park auf Gran Canaria bauen), und Grupo Domingo Alonso (Autohandel und Technologie).

Organisiert sind diese Wirtschaftseliten im Círculo de Empresarios de Gran Canaria, einer Art informellem Machtzirkel. Lopesan, Satocan, Martinón, Del Castillo, Domingo Alonso — alle sind Mitglieder. 2022 kauften sich elf der fünfzehn beteiligten Unternehmen in die Cámara de Comercio de Gran Canaria ein, die öffentliche Fördergelder in dreistelliger Millionenhöhe verwaltet. Die Grenze zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht ist auf den Kanaren fließend.

3,43 Milliarden. € — Gesamtvermögen der neun reichsten Personen der Kanarischen Inseln (2024)

Energiewende und Diversifizierung: Gibt es eine Zukunft jenseits des Tourismus?

Der Cabildo von Gran Canaria unter Antonio Morales propagiert seit Jahren das Konzept der „Ecoísla" — einer Modell-Insel für nachhaltige Energie. 2025 stammten 25,95 Prozent des Stroms auf Gran Canaria aus erneuerbaren Quellen, deutlich über dem Kanaren-Durchschnitt. Das Pumpspeicherwerk Salto de Chira (320 Mio. € Investition) ist im Bau und soll die Speicherproblematik der Inselsysteme lösen. Ziel bis 2030: 58,2 Prozent erneuerbar.

Das kanarische Steuersystem bietet mit dem REF (Régimen Económico y Fiscal) und der ZEC (Zona Especial Canaria) erhebliche Steuervorteile für Unternehmen — ein Instrument, das theoretisch Nicht-Tourismus-Branchen anlocken soll. Der Hafen von Las Palmas positioniert sich als Logistik-Hub zwischen Europa, Afrika und Amerika. Tech-Start-ups, Film- und Serienproduktionen und der wachsende Sektor der digitalen Nomaden bringen neue Wirtschaftsimpulse.

Trotz allem: Jeder Diversifizierungsversuch kämpft gegen die Gravitationskraft des Tourismus. Solange mit Hotels und Ferienwohnungen schneller und einfacher Geld zu verdienen ist als mit Tech oder Industrie, bleibt der Status quo attraktiv. Die Frage ist nicht, ob die Kanaren diversifizieren sollten, sondern ob sie es rechtzeitig tun — bevor Overtourism, Klimawandel oder der nächste externe Schock (wie die Pandemie 2020) die Verwundbarkeit dieses Modells erneut offenlegt.

Was das für Besucher und Einwohner bedeutet

Für Touristen auf Gran Canaria ist die wirtschaftliche und politische Situation kein abstraktes Thema. Sie erklärt, warum die Spritpreise auf den Inseln anders funktionieren, warum die Wohnungssuche für Einheimische katastrophal ist, warum es Demonstrationen gibt und warum trotzdem überall neue Hotels entstehen. Für Expats und potenzielle Einwohner erklärt sie die Steuervorteile, die sie nutzen können, aber auch die sozialen Spannungen, mit denen sie rechnen müssen.

Die Kanaren sind kein Paradies ohne Widersprüche. Sie sind ein faszinierendes Laboratorium, in dem europäische Randregion, touristische Monokultur, insulare Identität und globaler Kapitalismus aufeinandertreffen. Wer Gran Canaria wirklich verstehen will, muss neben den Stränden und Dünen auch diese Geschichte kennen — die Geschichte des Geldes, der Macht und der Frage, wem die Inseln eigentlich gehören.