Die Zahlen
Die Daten sind eindeutig — und schwer auszuhalten:
40,2 Prozent aller Kinder und Jugendlichen auf den Kanaren leben in Armut oder sind von sozialer Ausgrenzung bedroht. Das sind rund 132.000 Minderjährige. Die Kanaren sind damit die Region mit der zweithöchsten Kinderarmutsrate in ganz Spanien — und hätten als eigener Staat die höchste Rate in der gesamten Europäischen Union.
Spanien insgesamt steht schlecht da: Nur zwei OECD-Länder haben höhere Kinderarmutsraten. Aber die Kanaren liegen nochmals deutlich über dem Landesschnitt.
Der Rückgang gegenüber 2023 (damals 43 Prozent) ist zwar messbar, aber kein Grund zur Entwarnung. Die Armut hat sich strukturell verfestigt — sie ist, wie die Experten sagen, „chronifiziert".
→ 40,2 % der Minderjährigen auf den Kanaren in Armut/Ausgrenzung (AROPE-Rate)
→ Ca. 132.000 betroffene Kinder und Jugendliche
→ 28,3 % in monetärer Armut (Einkommen unter der Schwelle)
→ 31,2 % der Gesamtbevölkerung der Kanaren in Armut/Ausgrenzung (695.000 Personen)
→ 57,4 % der kanarischen Bevölkerung hat Schwierigkeiten, über den Monat zu kommen
→ Quellen: EAPN Canarias, INE (Encuesta de Condiciones de Vida 2024), Unicef España
Was das konkret bedeutet
Fernando Rodríguez, Vizepräsident der Europäischen Anti-Armuts-Plattform auf den Kanaren (EAPN Canarias), hat im kanarischen Parlament ein Beispiel genannt, das hängen bleibt: Kinder, die nicht zu Geburtstagsfeiern gehen, weil ihre Familien sich kein Geschenk leisten können.
Das ist keine Statistik. Das ist der Alltag von über 130.000 Kindern auf einer Inselgruppe, die gleichzeitig 4,2 Milliarden Euro an Hotelinvestitionen anzieht und deren Tourismusbranche Rekordzahlen meldet.
60 Prozent der kanarischen Bevölkerung — rund 1,28 Millionen Menschen — haben Schwierigkeiten, bis zum Monatsende zu kommen. Fast die Hälfte kann unerwartete Ausgaben nicht stemmen. Die Kinderarmut ist der sichtbarste Ausdruck eines strukturellen Problems: Die Kanaren wachsen wirtschaftlich, aber das Wachstum kommt bei den Familien nicht an.
Was Unicef sagt
María Ángeles Espinosa, seit Februar 2026 Präsidentin von Unicef Spanien, war diese Woche auf den Kanaren und hat sich mit dem kanarischen Präsidenten Fernando Clavijo getroffen. Ihre Einschätzung: Die Kinderarmutsraten in Spanien seien „beschämend" für ein Land, das die fünfzehntgrösste Volkswirtschaft der Welt ist. Auf den Kanaren sei die Lage besonders ernst.
Rosa Suárez, Präsidentin von Unicef auf den Kanaren, hat vor dem Parlament darauf hingewiesen, dass der Kinderzuschlag zum Ingreso Mínimo Vital (Mindesteinkommen) auf den Kanaren bisher nicht umgesetzt wurde — obwohl er vorgesehen ist. Rund 80 Prozent der Familien, die den IMV beziehen, hätten Anspruch auf diesen Zuschlag.
Was gefordert wird
Sowohl Unicef als auch EAPN Canarias fordern:
Einen Pakt zwischen allen Verwaltungsebenen — Zentralstaat, Autonome Gemeinschaft, Cabildos und Gemeinden — zur Bekämpfung der Kinderarmut.
Daten auf Insel- und Gemeindeebene. Bisher gibt es nur Gesamtzahlen für die Kanaren. Ohne Aufschlüsselung nach Inseln und Gemeinden können keine gezielten Massnahmen ergriffen werden.
Ein einheitliches Sozialdossier — ähnlich der elektronischen Patientenakte — das alle Hilfen und Massnahmen pro Familie bündelt und Doppelungen vermeidet.
Umsetzung des Kinderzuschlags zum Ingreso Mínimo Vital auf den Kanaren.
Stärkung der öffentlichen Bildung, Reduzierung des Schulabbruchs und individuelle Begleitprogramme — insbesondere für unbegleitete minderjährige Migranten.
Die Widersprüche
Die Kanaren sind ein Paradox. Eine Tourismusmaschine, die Milliarden generiert — und gleichzeitig eine Region, in der vier von zehn Kindern in Armut aufwachsen. Eine Inselgruppe, die weltweit als Ferienparadies vermarktet wird — und in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht weiss, wie sie den Monat überstehen soll.
Kinderarmut ist kein Randphänomen. Sie ist der Kern der sozialen Frage auf den Kanaren. Und sie wird sich nicht durch Tourismus allein lösen — sondern nur durch politische Entscheidungen, die lange überfällig sind.
Quellen: Canarias7 (12.4.2026), RTVC (3.3.2026), EAPN Canarias XV. Informe „El Estado de la Pobreza" (2025), AtlánticoHoy, Unicef España, INE Encuesta de Condiciones de Vida 2024.