Die nationalen Zahlen: Kanaren gehört zu den Aufsteigern
Das Innenministerium veröffentlichte Ende Februar 2026 die Kriminalitätsbilanz für das Gesamtjahr 2025. Das Ergebnis: Die Kriminalität in Kanarien stieg um 3,1 Prozent.
Damit liegt der Archipel deutlich über dem spanischen Durchschnitt (+0,8 Prozent) und gehört zu den zehn Autonomen Gemeinschaften mit dem stärksten Anstieg — hinter Castilla y León (+5,8), Balearen (+5,6) und Asturien (+5,4). Zum Vergleich: Katalonien (-2,9) und Madrid (-1,7) verzeichneten sinkende Zahlen.
Das ist nicht neu. Der Trend läuft schon länger. Die Fiscalía Superior de Canarias schrieb in ihrer Memoria 2025, dass in der Provinz Las Palmas die Zahl der eingeleiteten Ermittlungsverfahren 2024 um 20,59 Prozent gestiegen war — von knapp 54.000 auf über 65.000 Fälle. Das war mehr als der Regionalschnitt von 14,65 Prozent.
Die Hauptstadt: Erste Mordfälle seit Jahren
Besonders auffällig ist Las Palmas de Gran Canaria. Die Stadt registrierte 2025 insgesamt 19.798 Straftaten, ein Plus von 1 Prozent gegenüber 2024. Die Zahl klingt klein. Dahinter verbergen sich aber dramatische Verschiebungen in den schweren Delikten.
Acht vorsätzliche Tötungsdelikte und vollendete Morde. 2024 waren es null. Versuchte Tötungsdelikte stiegen von 10 auf 11. Die Cyberkriminalität legte um 3,6 Prozent zu, von 3.741 auf 3.877 Fälle.
Das ist das Problem, das die Innen-Statistik immer hat: Der Gesamttrend kann moderat aussehen, während die Gewaltkriminalität explodiert. In der ersten Jahreshälfte 2025 war das Muster bereits sichtbar — auf Kanaren-Ebene stiegen vorsätzliche Tötungen und Morde um 223,3 Prozent, Entführungen um 100 Prozent, Raubüberfälle mit Gewalt um 14 Prozent.
Der Sureste: Wo die Zahlen zuerst kippten
Im Sureste — Ingenio, Agüimes, Santa Lucía de Tirajana — waren die Warnsignale schon früh da. Canarias7 berichtete im September 2024, dass die Kriminalität im ersten Halbjahr in Ingenio um 14,2 Prozent und in Agüimes um 11,6 Prozent gestiegen war. Raubüberfälle mit Gewalt und Einschüchterung verdreifachten sich in Ingenio von 3 auf 9 Fälle.
2025 ging es weiter. Santa Lucía de Tirajana schloss das Jahr mit knapp 4.977 Straftaten ab — Niveau vor der Pandemie. Ende Juni 2025 wurden 15 Raubüberfälle mit Gewalt allein in 45 Tagen gezählt. Statistisch ein Ausbruch.
Im März 2026 schnappte die Guardia Civil einen Serientäter, der seit Mitte Februar Metzgereien, Handyläden, Süsswarengeschäfte und Kosmetikstudios in Santa Lucía, Ingenio und Agüimes überfallen hatte. Schaden: über 6.300 Euro.
Knapp vier Wochen später, am 14. April, der organisierte Überfall auf die Juwelerie Horacio in Carrizal. Fünf Täter, schwarze Kapuzen, Hämmer und Äxte. Ein in Puerto Rico gestohlener Mietwagen. Gezielt Gold, Silber liessen sie liegen. Der Inhaber warf sich auf einen Angreifer — und verhinderte die komplette Räumung.
25 Sekunden. Dann stiegen die Täter in ein zweites Fluchtfahrzeug um und verschwanden.
Die Bewohner selbst beschreiben, was sie sehen. In Vecindario — dem urbanen Kern von Santa Lucía — beklagen Nachbarn in sozialen Netzwerken «fehlende sichtbare Streifen, mangelhafte Strassenbeleuchtung, ein Gefühl der Verwahrlosung in problematischen Zonen». Vorfälle werden gemeldet aus Schulumgebungen, Parks, Hauptstrassen.
Eine Zeugin aus der Juwelerie Horacio brachte es auf den Punkt:
«Llevamos más de una década con robos continuos.»
*(«Wir haben seit über einem Jahrzehnt ununterbrochen Überfälle.»)*
Der Süden: Hotels, leere Zentren, Touristenstadt

Im Tourismussüden — Playa del Inglés, Maspalomas, San Bartolomé de Tirajana — zeigen die Zahlen ein ähnliches Bild. Das Centro Comercial Ronda gehört noch zu den aktiven Zentren — und wurde trotzdem gleich zweimal zum Tatort.
Am 20. Februar stürmten drei Maskierte mit grossen Messern eine Spielhalle und nahmen bis zu 100.000 Euro Tageseinnahmen mit. Sie kannten die internen Abläufe, steuerten gezielt die Kasse an. Im April dann der nächste Schlag im selben Zentrum.
Viele andere Einkaufszentren sind gar nicht mehr aktiv.
Das Centro Comercial Metro wurde bereits vor Jahren zugemauert, um Drogenhandel und illegale Nutzung zu stoppen. Das Centro Comercial Plaza war von Februar 2022 bis 2024 behördlich versiegelt. Die Partei Primero Canarias verwies im September 2025 auf den Zustand der Zentren — Metro und Plaza geschlossen oder in Trümmern, Gran Chaparral, La Sandía und das C.C. Cita in «bedauerlichem und heruntergekommenem» Zustand. «Hunderte leerstehende Lokale, Familien ohne Arbeit, Touristen, die den Verfall wahrnehmen.»
Genau in diesem Umfeld passierte im März der Mord an dem 84-jährigen Touristen. Der Täter hatte laut Polizei Dating-Apps systematisch benutzt, um Touristen auszurauben — wohl wissend, dass viele das Land verlassen würden, ohne Anzeige zu erstatten. Einem anderen Opfer stahl er 20.000 Euro.
Auch auf Teneriffa sieht es kaum besser aus. Gerade wurde bekannt, dass vier Männer, bewaffnet mit Baseballschlägern, Messern und Hämmern, ein Hotel in Adeje gestürmt haben — sie schlugen Fensterscheiben ein, um sich Zutritt zu verschaffen. Wer glaubt, das Sicherheitsproblem sei auf Gran Canaria beschränkt, irrt.
Die umstrittenste Frage: Was ist mit den Migranten?

Hier wird die Debatte schnell toxisch — also halten wir uns an das, was belegbar ist.
Fakt 1: Die kanarische Regierung betreut über 5.000 minderjährige Migranten ohne Begleitung, sogenannte MENA (Menores Extranjeros No Acompañados). Die meisten in Gran Canaria und Teneriffa. Sie sind in Zentren untergebracht, die von NGOs betrieben werden — manche funktionieren, andere nicht.
Fakt 2: Die Fiscalía Superior de Canarias hat 2025 und 2026 mehrfach öffentlich gemacht, dass es «einen Anstieg der Kriminalität nach Ankunft der unbegleiteten Minderjährigen» gibt. Aber — so die staatlichen Anklägerinnen wörtlich vor einer Delegation des EU-Parlaments im September 2025: «Die Straftaten werden hauptsächlich gegen sie begangen.»
Die beiden Fiscales, María Farnés Martínez (Kanaren) und Teresa Gisbert (Oberster Gerichtshof), räumten ein, dass einige Minderjährige Delikte begehen — aber die Mehrheit seien Opfer: von sexueller Ausbeutung, Arbeitsausbeutung, Prügeleien und Beleidigungen, die häufig in den Aufnahmezentren selbst stattfinden.
Fakt 3: Im Mai 2025 schloss das Amtsgericht Nr. 3 in Las Palmas das Zentrum La Fortaleza I in Gran Canaria, betrieben von der NGO Quórum 77, und liess neun Mitarbeiter verhaften. Vorwurf: Körperverletzung, Hassdelikte, Drohungen, Verletzung der Integrität der betreuten Kinder. Insgesamt wurden vier Zentren in Gran Canaria wegen ähnlicher Vorwürfe geschlossen. Im Oktober 2025 wurde zudem die Fundación Siglo XXI beschuldigt, 2,5 Millionen Euro an EU-Geldern, die für Minderjährigenzentren bestimmt waren, gewaschen zu haben.
Fakt 4: In Gran Canaria gibt es dokumentierte Bürgerinitiativen, die Migranten angegriffen oder aggressiv verfolgt haben. Im Dezember 2020 musste das Rote Kreuz den 6.000 in Hotels untergebrachten Migranten im Süden raten, die Unterkünfte nicht zu verlassen, nachdem Anwohner sich vor Hoteltüren versammelt hatten. WhatsApp-Gruppen, in denen Macheten gezeigt und «Kaperfahrten» gegen Marokkaner angekündigt wurden, sind dokumentiert.
Was also stimmt? Die Sache ist komplizierter als beide Extreme der Debatte behaupten. Es gibt Kriminalität, die Minderjährige begehen — etwa kleinere Delikte, wenn sie aus mangelhaft geführten Zentren weglaufen und im öffentlichen Raum stranden. Es gibt massive Kriminalität gegen sie — innerhalb der Zentren, durch Betreiber, durch Ausbeuter draussen. Und es gibt das Narrativ, das die politische Rechte erfolgreich gesetzt hat: Die MENA seien der Grund für die sinkende Sicherheit. Dieses Narrativ ist, gemessen an den Daten der eigenen Staatsanwaltschaft, nicht haltbar — jedenfalls nicht in der simplen Form.
Was sind die tatsächlichen Treiber?
Wer die Kriminalitätsdaten kanarienweit liest, sieht mehrere zusammenwirkende Faktoren, die oft nicht ins politische Narrativ passen:
Drogenhandel. Kanaren liegt auf der Atlantikroute zwischen Afrika und Europa. Der Drogenhandel stieg 2025 landesweit auf einen Rekordwert von 22.731 Fällen. Die Staatsanwaltschaft betont zwar, dass dies teilweise mehr Polizeiarbeit widerspiegelt — aber die Tendenz ist real. Las Palmas wurde 2024 zur Provinz mit der höchsten Konzentration von Drogenfällen im gesamten Archipel.
Wirtschaftliche Polarisierung. Der Süden Gran Canarias ist einer der reichsten Teile der Insel — und einer der ärmsten gleichzeitig. Wer in den Hotels arbeitet, verdient oft nicht genug, um in Playa del Inglés zu wohnen. Wer in den alten Wohnblocks von Vecindario wohnt, sieht die Touristen-Geld-Welle an sich vorbeigehen. Kriminologische Literatur — auch die Studien des spanischen Innenministeriums selbst — nennt Einkommensungleichheit als einen der stärksten Prediktoren für Kleinkriminalität.
Verfall der Einkaufszentren. Wo Räume verwaisen, ziehen Drogenhandel und Kleinkriminalität ein. Das gilt für Playa del Inglés genauso wie für den Sureste. Der Zustand der Zentren — Metro, Plaza, Sandía, Gran Chaparral — ist keine Nebenbemerkung. Es ist einer der Ursachen.
Migration — aber in differenzierter Form. Nicht die Anwesenheit von Migranten ist das Problem, sondern was mit ihnen passiert, wenn sie da sind. Wenn sie in Zentren verwahrt werden, die nicht funktionieren. Wenn sie mit 18 auf die Strasse gesetzt werden, ohne Papiere, ohne Beruf, ohne Netzwerk. Wenn sie Opfer von Ausbeutern werden, weil niemand sie schützt. Dann entsteht — nicht automatisch, aber statistisch erwartbar — mehr Kriminalität, Täterschaft wie Opferschaft.
Wachsende Bevölkerung und Mobilität. Die Kanaren erleben seit Jahren ein Bevölkerungswachstum, verstärkt durch Zuzug vom Festland, von anderen EU-Ländern und durch Migration. Mehr Menschen auf derselben Fläche bedeutet mehr Gelegenheitsstraftaten — auch das ist ein international bekannter Effekt.
Was nicht passiert: eine ernsthafte Debatte
Was auf den Kanaren nicht passiert, ist ein ehrliches Gespräch über all diese Faktoren gleichzeitig. Stattdessen gibt es zwei Lager.
Das eine Lager — Vox klar, PP und Teile der CC inzwischen auch — reduziert die Unsicherheit auf die Migration und fordert härtere Abschiebungen, mehr Überwachung, mehr Kontrollen. Das andere Lager — PSOE, Teile der Regierung Clavijo, viele NGOs — weist den Zusammenhang komplett zurück und betont die Opferrolle der Migranten.
Beide haben teilweise recht. Beide ignorieren teilweise die Daten. Und vor allem: Beide lenken ab vom eigentlichen Problem, nämlich dass die kanarische Verwaltung seit Jahren zu wenig investiert in:
- Streifenpolizei im Sureste und in den Tourismuszentren des Südens
- funktionierende Aufnahmezentren für Minderjährige
- Integration für die 18-Jährigen, die aus der Obhut fallen
- Sanierung der verfallenen Einkaufszentren
- soziale Arbeit in den ärmeren Stadtteilen von Las Palmas und Vecindario
Sicherheit ist teuer. Sie entsteht nicht durch Statements in Pressekonferenzen, sondern durch Personal, Strukturen und langfristige Planung. Genau das fehlt.
Was bedeutet das für CITA-News-Leser?
Wer auf Gran Canaria lebt, arbeitet oder Urlaub macht, sollte die Zahlen kennen — ohne in Panik zu verfallen:
- Die Insel ist im spanischen Vergleich nach wie vor sicherer als viele Festlandregionen. Die Kriminalitätsrate ist «in der unteren Bandbreite der historischen Reihe», so das Innenministerium für Gesamt-Spanien.
- Der Trend der letzten zwei Jahre zeigt aber nach oben, und zwar schneller als im Landesdurchschnitt.
- Besonders betroffen sind: Sureste (Ingenio, Agüimes, Santa Lucía), Tourismuszonen mit verfallenen Einkaufszentren, Gewaltdelikte in der Hauptstadt.
- Weniger betroffen sind: Wohnviertel in Las Palmas wie Tafira oder Mesa y López, die Nordküste, die kleineren Dörfer im Landesinneren.
- Die üblichen Vorsichtsmassnahmen funktionieren weiter: keine Wertsachen sichtbar lassen, nicht allein durch verlassene Einkaufszentren nachts gehen, bei Treffen aus Dating-Apps an öffentlichen Orten treffen, bei Überfällen nicht den Helden spielen.
Die Frage, die niemand stellt
Die Frage, die in der kanarischen Debatte kaum je gestellt wird, ist die einfachste: Wenn die Kriminalität im Sureste seit 2024 steigt, die Staatsanwaltschaft schon 2024 warnte, die Fiscalía Superior 2025 eine volle Memoria dazu schrieb — warum hat die Politik nicht längst reagiert? Warum patrouilliert nicht mehr Polizei in Vecindario? Warum gibt es keine Task-Force für die verfallenen Einkaufszentren? Warum werden Minderjährigenzentren mit bekannten Problemen nicht repariert, bevor ein Gericht sie schliesst?
Die Antwort ist dieselbe wie bei vielen kanarischen Themen: Weil es niemandem politisch wehtut, nicht zu handeln. Die Bewohner des Sureste wählen traditionell eher PSOE und CC, beides Regierungsparteien. Die Touristen wählen gar nicht. Die Ladenbesitzer, die in zehn Jahren zehnmal überfallen werden, sind zu wenige, um eine Wahl zu entscheiden.
Genau deshalb reden wir darüber. Weil es jemand tun muss.