In Costa Calma steht María Lirola in der Tür ihrer Cafetería. Die Tische vor dem Lokal sind leer. Die Hotels nebenan sind voll. Sie weiss nicht, wie lange sie noch durchhält.
Im Centro Comercial El Palmeral, einem der grössten Einkaufszentren von Costa Calma, sind aus 20 Geschäften 5 geworden. Bis zu 50 Läden mussten in den letzten Jahren schliessen — das schätzt Excelfuert, der Hotelverband Fuerteventura selbst.
Was passiert hier eigentlich?
Die Geschichte ist überall die gleiche
Du läufst durch Costa Calma, durch Caleta de Fuste, durch Morro Jable. Hotels überall. Voll überall. Und dazwischen: leere Restaurants, geschlossene Souvenir-Läden, Schilder "Se traspasa" — Geschäft zu vermieten.
Touristen sind da. Sehr viele Touristen. 18 Millionen kamen 2025 auf die Kanaren. Sie haben über 23 Milliarden Euro ausgegeben.
Aber bei den kleinen Geschäften kommt nichts an.
Warum?
Von 100 Euro bleiben 20 auf der Insel
Hier wird es interessant. Wenn ein Tourist mit All-Inclusive-Paket bucht, geht das Geld so:
Er zahlt zu Hause an einen Reiseveranstalter — oft TUI, Jet2, FTI. Der Veranstalter zahlt eine Pauschale an die Hotelkette. Die Hotelkette ist meistens international — Riu, Barceló, Iberostar, Meliá. Booking, Expedia und Konsorten kassieren ihre Provision. Und dann kommt erst der Rest auf der Insel an.
Akademische Schätzungen rechnen vor: Bei All-Inclusive-Touristen bleiben weniger als 20 von 100 Euro auf der Insel. Beim normalen Tourismus, der draussen isst und einkauft, sind es 30 bis 35 Euro.
Heisst im Klartext: Von 100 Euro, die ein All-Inclusive-Gast ausgibt, verschwinden 80 wieder ins Ausland. In die Buchungsplattformen, in die Hotelketten-Zentralen, in die Reiseveranstalter-Konzerne.
Was bleibt, bleibt im Hotel
Dein Hotel-Gast frühstückt im Hotel. Mittagessen im Hotel. Cocktail am Pool. Abendessen am Buffet. Show-Programm. Bett. Frühstück. Wiederholen.
In den 4-Sterne-Hotels — die häufigste Kategorie — bucht etwa die Hälfte der Gäste All-Inclusive. Tendenz steigend.
Das heisst nicht, dass sie nie rausgehen. Aber wenn sie raus gehen, dann ohne Hunger und ohne Durst. Was draussen verkauft werden kann, ist begrenzt: ein Magnet, ein Strandtuch, vielleicht ein Eis.
Vom Geschäft des Restaurants nebenan? Wenig. Vom Geschäft des Bauern, der das Gemüse liefert? Noch weniger — die Hotelketten kaufen zentral, oft im Ausland, mit Mengenrabatten, an die ein Bauer auf Fuerteventura nicht herankommt.
Die andere Seite: Was passiert ohne All-Inclusive?
Hier kommt das Argument der Hoteliers. Und es ist nicht abwegig.
Ein deutscher Familienurlauber, der zwei Wochen Sonne mit den Kindern sucht, vergleicht Preise. Fuerteventura mit All-Inclusive für 1.200 Euro. Türkei mit All-Inclusive für 900 Euro. Ägypten für 800. Karibik für etwas mehr.
Wenn die Kanaren All-Inclusive abschaffen, ist die Rechnung schnell anders. Der Familienvater bucht in Antalya, nicht in Corralejo.
Das spanische Verfassungsrecht und das EU-Wettbewerbsrecht erlauben ein Verbot von All-Inclusive ohnehin kaum. Unternehmerfreiheit. Konsumfreiheit. Ein direktes Verbot würde vor Gericht wahrscheinlich kassiert.
Heisst: Die Frage ist nicht "All-Inclusive abschaffen — ja oder nein?" Die Frage ist: Wie sorgen wir dafür, dass mehr Geld auf der Insel bleibt?
Was die Politik sagt
Hier verläuft die Linie nicht zwischen Parteien, sondern zwischen Generationen und Stimmen.
Die Vorsichtigen: Fernando Clavijo (Coalición Canaria, Präsident der kanarischen Regionalregierung) und Ángel Víctor Torres (PSOE, Ex-Präsident, jetzt Minister in Madrid) sagen beide: Modell verbessern, ja. Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen, nein.
Die Tourismus-Beauftragten: Yaiza Castilla (vorher) und Jéssica de León (jetzt) konzentrieren sich auf eine andere Zahl — wieviel jeder einzelne Tourist ausgibt. Sie wollen Qualität, nicht Quantität.
Die Klareren: Blas Acosta auf Fuerteventura geht weiter. Er sagt: Es geht nicht darum, wie viele Touristen kommen. Sondern darum, wie viel von ihrem Geld auf der Insel bleibt.
Das ist im Kern dieselbe Frage. Aber sie wird vorsichtig formuliert. Niemand der Verantwortlichen will als der dastehen, der die Tourismus-Goldgrube zerstört hat.
Die Strasse hat eine andere Antwort
In Fuerteventura gehen die Leute regelmässig auf die Strasse. "Fuerteventura tiene un límite". "Toda Canarias a la calle". Die Forderungen sind klar:
- Tourismus-Moratorium — keine neuen Hotels mehr
- Regulierung der Ferienwohnungen
- Ökosteuer für Naturräume
- Wohnsicherheit für Bewohner
- Andere Verteilung des Tourismus-Gelds
Die Demonstranten sagen ausdrücklich: Wir wollen den Tourismus nicht abschaffen. Wir wollen, dass er fairer verteilt wird. Aktuell verwandele er die Insel in ein "Paradies für Besucher und einen Albtraum für die, die hier leben".
Was eigentlich helfen würde
Wer ehrlich auf das Problem schaut, sieht: All-Inclusive ist ein Symptom, nicht die Ursache.
Was den Geschäften in Costa Calma wirklich helfen würde:
Hotels und lokale Wirtschaft verbinden. Hotelketten werden nicht freiwillig lokal einkaufen — solange es nicht günstiger ist. Hier könnten Anreize ansetzen: Steuervorteile für Hotels, die nachweislich lokale Lieferanten nutzen. Verpflichtende Quoten für regionale Produkte im Buffet.
Touristen aus dem Hotel locken. Nicht durch Verbote, sondern durch Angebote. Stadtführungen, Erlebnisse, Genuss-Pakete, die das Hotel selbst empfiehlt — gegen Provision für die lokale Wirtschaft.
Ferien-Apartments regulieren statt verbieten. Der Apartment-Tourist kauft im Supermarkt, isst im Restaurant, mietet ein Auto vor Ort. Sein Geld bleibt eher auf der Insel. Aber unkontrollierte Vermehrung verdrängt die Bewohner.
Lokales Personal. Ein Hotel, das einheimisches Personal bezahlt, hält das Geld auf der Insel — über die Löhne, die hier ausgegeben werden.
Keine dieser Massnahmen verbietet etwas. Alle sind machbar. Der Wille fehlt.
Und jetzt mal direkt an dich: ja, an dich
Du planst Urlaub auf den Kanaren. Vielleicht hast du schon gebucht. All-Inclusive natürlich — günstiger Pauschalpreis, alles drin, keine Überraschungen.
Verständlich. Im stressigen Alltag will man im Urlaub nicht rechnen müssen. Die Kinder wollen Pommes wann sie wollen. Die Cocktails an der Poolbar gehören dazu. Wer möchte sich auch noch um Restaurantsuche kümmern.
Trotzdem. Wenn du das nächste Mal hier bist, ein paar ehrliche Worte:
Geh raus aus dem Hotel. Nicht zwei Mal in zwei Wochen. Mehrmals.
Iss in einer Bar in Lajares. Trink einen Café im kleinen Dorf statt am Pool. Kauf den Käse beim majorero, nicht den Magnet im Hotel-Shop. Lass ein paar Euro im Restaurant am Hafen, statt zum dritten Mal das Buffet zu plündern, das du ohnehin schon bezahlt hast.
Du hast 20 Euro für ein Mittagessen draussen? Lass sie da. Du hast nicht — kein Problem, dann bleib beim Buffet. Aber sag dann nicht, du hättest die "echte Insel" gesehen.
Das ist keine Moralpredigt. Das ist Mathematik.
Wenn nichts mehr ausserhalb des Hotels existiert — keine Bar, kein Restaurant, kein Tante-Emma-Laden — dann triffst du beim nächsten Urlaub nur noch das gleiche Hotel-Personal aus dem gleichen All-Inclusive-Komplex. Du bist im Bubble. Drumherum ist nichts mehr.
Das gilt nicht nur für die Kanaren. Genau das passiert in der Türkei, in Ägypten, in der Dominikanischen Republik. Überall dieselbe Spirale: Mehr Hotels mit All-Inclusive, weniger Leben drumherum, dann brauchen die Touristen erst recht das All-Inclusive, weil draussen nichts mehr ist.
Wenn du willst, dass die Insel, in die du fliegst, eine echte Insel bleibt — mit Bauern, mit Bäckern, mit Fischern, mit Restaurants — dann musst du Geld dort lassen. Nicht aus Mitleid. Aus Eigennutz. Weil du sonst beim nächsten Mal in eine Kulisse fliegst.
Worauf es hinausläuft
Die Frage ist nicht: All-Inclusive abschaffen?
Die Frage ist: Wie viele María Lirolas in Costa Calma wollen wir noch verlieren, bevor sich was ändert?
Wenn 30 Prozent der kanarischen Bevölkerung an der Armutsgrenze leben, wenn die Löhne zu den niedrigsten in Spanien gehören, wenn Wohnen unbezahlbar wird — und gleichzeitig 23 Milliarden Euro Tourismusgeld durch das Archipel fliessen, dann läuft etwas schief im Verteilungssystem.
Das Problem ist nicht, dass die Touristen kommen. Das Problem ist, dass das Geld so schnell wieder geht.
Der Centro Comercial El Palmeral wird seine fünf Geschäfte vielleicht noch verlieren. Vielleicht macht María Lirolas Cafetería bald zu. Vielleicht steht im Sommer noch ein Schild mehr "Se traspasa".
Und das Hotel daneben wird voll sein.