Das Muster: Kriminelle erstellen Fake-Profile auf Dating-Apps wie Grindr, verabreden sich mit schwulen Männern — meist in deren Privatwohnung — und rauben sie aus. Manche Opfer werden dabei getötet.

Dokumentierte Fälle: Maspalomas 2026, Bilbao 2021 (5+ Tote, Täter zu 25 Jahren verurteilt), Almería 2026 (organisierte Bande), London 2014–2015 (4 Tote), USA (mehrere Fälle)

Warum Touristen: Kriminelle bevorzugen Urlauber, weil diese oft abreisen, ohne Anzeige zu erstatten

Gran Canaria: Maspalomas/Playa del Inglés ist eines der größten LGBTQ+-Reiseziele Europas — über 30 Gay-Bars im Yumbo Centre, zwei Pride-Events pro Jahr, Grindr/Scruff extrem aktiv in der Region

Der Fall Maspalomas: März 2026

Ein 84-jähriger Tourist verbrachte seinen Urlaub im Süden Gran Canarias. Er lud sich eine Dating-App herunter und kam mit einem Mann ins Gespräch. Man traf sich in der Ferienwohnung des Touristen. Doch der Mann hinter dem Profil wollte nur eins: stehlen. Als der ältere Herr den Diebstahl bemerkte und sich wehrte, stieß ihn der Täter zu Boden. Der Tourist stürzte, schlug mit dem Kopf auf und starb.

Der Verdächtige floh nach Teneriffa, wo ihn der Grupo de Homicidios der Policía Nacional im April 2026 festnahm. Die Ermittlungen ergaben: Er hatte Männer über Dating-Apps systematisch bestohlen. Einem anderen Opfer entwendete er 20.000 Euro. Selbst nach dem tödlichen Vorfall in Maspalomas hatte er auf Teneriffa bereits neue Apps installiert, um sein nächstes Opfer zu suchen.

Das Muster: Immer die gleiche Masche

Der Fall Maspalomas ist kein Einzelfall. In ganz Europa und darüber hinaus nutzen Kriminelle Dating-Apps als Werkzeug, um gezielt schwule Männer auszubeuten. Das Muster ist dabei erschreckend gleichförmig:

Erstens: Der Täter erstellt ein Fake-Profil auf einer Dating-App — oft mit gestohlenen Fotos. Zweitens: Er kontaktiert ein Opfer, baut Vertrauen auf und verabredet ein Treffen. Drittens: Das Treffen findet an einem privaten Ort statt — in der Regel die Wohnung des Opfers. Viertens: Dort wird das Opfer überwältigt, betäubt oder bedroht und ausgeraubt. In den schlimmsten Fällen endet die Begegnung tödlich.

Kriminelle wählen bewusst schwule Männer als Ziel — aus zynischem Kalkül: Viele Opfer schämen sich, schrecken vor einer Anzeige zurück oder befürchten, outen zu müssen, wie der Kontakt zustande kam. Touristen sind besonders beliebte Ziele, weil sie die Inseln oft verlassen, bevor sie zur Polizei gehen.

Bilbao 2021: Der Grindr-Serienmörder

Der bisher gravierendste Fall in Spanien ereignete sich in Bilbao. Nelson David Moreno Bolaños, ein 25-jähriger Kolumbianer, nutzte die Apps Grindr und Wapo unter dem Fake-Namen „Carlos", um schwule Männer zu kontaktieren. Er besuchte sie in ihren Wohnungen, betäubte sie mit der Droge GHB (auch bekannt als „Liquid Ecstasy") oder würgte sie mit der sogenannten Mataleón-Technik — und plünderte anschließend ihre Bankkonten.

Mindestens fünf Männer starben. Die Todesfälle wurden zunächst als natürliche Tode eingestuft — erst als ein Opfer im Dezember 2021 einen Angriff überlebte und die Polizei alarmierte, kam die Serie ans Licht. Der Überlebende fand den Rucksack des Täters mit GHB und persönlichen Dokumenten.

Im Mai 2025 wurde Moreno von einem Schwurgericht in Bilbao des Mordes an einem 43-jährigen Musiklehrer schuldig gesprochen. Das Urteil: 25 Jahre Haft. (EITB) Er saß bereits wegen eines versuchten Mordes eine 10-jährige Strafe ab. Weitere Verfahren zu den anderen Todesfällen stehen noch aus.

Almería 2026: Organisierte Hinterhalte über Grindr

Im Februar 2026 deckte die Guardia Civil im südspanischen Almería eine organisierte Bande auf, die systematisch schwule Männer über Grindr in Hinterhalte lockte. Ein 20-Jähriger erstellte Fake-Profile mit gestohlenen Fotos, verabredete Treffen an abgelegenen Orten — und dort warteten bereits mehrere Komplizen mit Kapuzen.

Die Opfer wurden geschlagen, ausgeraubt und mit homophoben Beleidigungen beschimpft. Ein besonders schwerer Überfall ereignete sich in der Silvesternacht. Die Justiz stufte die Taten als Hassverbrechen ein. Der mutmaßliche Anführer sitzt in Untersuchungshaft.

London, USA und weltweit: Ein globales Problem

Das Phänomen ist nicht auf Spanien beschränkt. In London wurde Stephen Port 2016 zu lebenslanger Haft verurteilt — er hatte zwischen 2014 und 2015 vier Männer, die er über Grindr kennengelernt hatte, mit tödlichen GHB-Dosen getötet und ihre Leichen auf einem Kirchhof abgelegt. Der Fall deckte massive Ermittlungsfehler der Polizei auf.

In den USA wurden in den letzten Jahren zahlreiche Fälle dokumentiert: In Texas lockten zwei Männer neun schwule Männer über Grindr in eine Wohnung, wo sie entführt, sexuell missbraucht und ausgeraubt wurden. In San Antonio wurde ein Mann 2026 für drei Morde über Grindr zu 200 Jahren Haft verurteilt. In Kolumbien starben mehrere US-Touristen nach Treffen über Dating-Apps — die US-Botschaft gab eine offizielle Reisewarnung heraus.

Gran Canaria: Sicher, aber nicht naiv

Maspalomas und Playa del Inglés gehören zu den größten und beliebtesten LGBTQ+-Reisezielen Europas. Das Yumbo Centre beherbergt über 30 Gay-Bars und Clubs. Zweimal jährlich zieht der Maspalomas Pride Zehntausende Besucher an. Die Region ist grundsätzlich sicher — die Kriminalitätsrate im touristischen Süden Gran Canarias liegt unter dem europäischen Durchschnitt.

Dennoch zeigt der aktuelle Fall, dass auch hier Kriminelle Dating-Apps als Werkzeug nutzen. Die Kombination aus hoher Grindr-Aktivität, vielen alleinreisenden Touristen und privaten Ferienunterkünften schafft Gelegenheiten für Täter, die genau dieses Umfeld ausnutzen.

7 Sicherheitsregeln für Dating-App-Nutzer auf Gran Canaria

Die Policía Nacional und LGBTQ+-Organisationen empfehlen folgende Vorsichtsmaßnahmen:

1. Erstes Treffen immer an einem öffentlichen Ort. Das Yumbo Centre, eine Bar, ein Café — nicht die eigene Ferienwohnung. Wer sich dort wohlfühlt, kann immer noch woanders hingehen.

2. Profil prüfen. Wenige Fotos, kein verifiziertes Profil, ausweichende Antworten auf Videochat-Anfragen — das sind Warnsignale. Grindr, Scruff und Romeo bieten Verifizierungsfunktionen.

3. Jemandem Bescheid geben. Einem Freund oder einer Vertrauensperson mitteilen, wohin man geht und mit wem man sich trifft. Den Live-Standort teilen.

4. Wertgegenstände sichern. Bargeld, Reisepass, Kreditkarten und Elektronik nicht offen herumliegen lassen — schon gar nicht, wenn man einen Fremden in die Unterkunft lässt.

5. Keine Getränke von Unbekannten annehmen. GHB (Liquid Ecstasy) ist farb- und geruchlos und wurde in mehreren der dokumentierten Fälle eingesetzt.

6. Im Notfall: 112 anrufen. In Spanien funktioniert der Notruf 112 in mehreren Sprachen. Für Touristen gibt es die spezialisierten SATE-Dienststellen (Servicios de Atención al Turista Extranjero), die in Fremdsprachen betreuen.

7. Immer Anzeige erstatten. Auch wenn es unangenehm ist — nur durch Anzeigen kann die Polizei Muster erkennen und Serientäter stoppen. In Spanien ist die sexuelle Orientierung kein Grund für Diskriminierung durch die Behörden. Wer sich unwohl fühlt, kann sich an LGBTQ+-Organisationen wie FELGTBI+ oder die lokale Gruppe Colectivo Gamá in Las Palmas wenden.

Fazit: Nicht die Destination ist das Problem — sondern die Masche

Gran Canaria ist und bleibt eines der sichersten und einladendsten LGBTQ+-Reiseziele der Welt. Maspalomas hat eine der lebendigsten schwulen Szenen Europas, mit einer offenen Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Das Problem sind nicht die Inseln — das Problem sind Kriminelle, die Dating-Apps überall auf der Welt als Waffe einsetzen.

Wer mit offenen Augen unterwegs ist, grundlegende Vorsichtsmaßnahmen befolgt und sein Bauchgefühl ernst nimmt, kann Gran Canaria sicher genießen. Und wer etwas Verdächtiges erlebt: Nicht schweigen, sondern melden.