Nach der Fahrt von Las Palmas nach Guía trifft man kurz hinter dem Ortseingang auf eine Tankstelle. Natürlich, wenn man tanken muss — aber auch zum Auftanken von Leib und Seele.
In der Cafeteria steht Paula hinter dem Tresen, lächelt, sieht einem an den Augen ab, dass man eine Stärkung braucht, und macht einen doppelten Espresso, ohne dass man fragen muss.
Sie schiebt die Tasse mit einer kleinen Drehung über das Holz, lacht kurz, redet schnell, und der Kaffee weckt tatsächlich die Seele und auch den müden Geist. Sie wollte nicht fotografiert werden. Aber wenn ich nochmal nach Guía fahre — und das werde ich — dann wieder zu ihr.
Die Strasse von Las Palmas über Arucas hinauf nach Guía ist an diesem Sonntagmorgen erfahrungsgemäss verkehrsarm, wie es eben am Sonntag so ist. Die Landschaft wird Kilometer für Kilometer grüner. Nichts hier oben erinnert an die Strandhotels im Süden.
Wer in einer Stadt im Süden wohnt, wo es belebter zugeht, und glaubt, Gran Canaria zu kennen, kennt die Insel bei Weitem nicht.
Auf dem Weg zur Plaza
Vom Parkplatz hoch zum historischen Zentrum sind es zehn Minuten zu Fuss durch enge Gassen. Holpriges Pflaster, flache Schuhe sind Pflicht.
Auf halbem Weg kommt mir Francesco entgegen, in voller Tracht, weisses Hemd, dunkle Weste, der Rest der Folkloregruppe ist schon weiter oben. Wir sprechen kurz. Er tanzt seit Jahren, gleich gehe es los an der Iglesia Matriz. Er lächelt herzlich, drückt mir die Hand, geht weiter.
Erste Beobachtung des Tages: die Wärme, mit der einen hier Fremde anschauen, ist keine Touristen-Höflichkeit. Sie ist die normale Tonart.
Oben auf der Plaza Grande ist der Andrang grösser, als ich erwartet hatte. Die Veranstalter hatten 12 Käsereistände, 24 Handwerksstände und 13 Stände für regionale Lebensmittel angekündigt, verteilt auf die Plaza Grande, die kleinere Plaza Luján Pérez, die Calle Marqués del Muni und den Iglesia-Vorplatz.
Es wirkt mehr.
Die Veranstaltung trägt seit Jahren das Label „Fiesta de Interés Turístico de Canarias", aber das spürt man hier nicht als Etikett, sondern als Stimmung: Familien mit Hunden, ältere Paare am Stock, Kinder zwischen den Beinen der Erwachsenen, jemand entschuldigt sich für ein Schubsen, das gar keines war. Disculpe.
Drei Generationen auf einer Plaza, die kaum gross genug ist für eine.
Was hier verkauft wird, riecht und schmeckt
Der Käse, um den es eigentlich geht, ist der Queso de Flor de Guía, eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Sein Lab kommt nicht vom Tier, sondern aus den getrockneten Blütenblättern der wilden Artischocke (Cynara cardunculus). Das macht ihn weltweit fast einzigartig.
An den Ständen liegen Laibe in allen Reifegraden — von elfenbeinfarben und weich bis bronzefarben und brüchig. Die Käserinnen und Käser haben kaum Zeit für längere Gespräche. Der Andrang ist zu gross, es muss verkauft, abgewogen, eingewickelt werden.
Ich bleibe stehen und schaue zu, wie eine Frau mittleren Alters einen Laib schneidet — nicht ohne hinzuschauen, sondern mit der Routine einer, die das seit über zwanzig Jahren tut. Auf ihrem T-Shirt prangt der Schriftzug einer Rockband. Gute Wahl, Senora.
Direkt neben den Käseständen steht eine Maschine, die ich erst für eine alte Caipirinha-Presse halte.
Es ist eine Caña de Azúcar-Presse: Der Mann am Schwungrad steckt frisches Zuckerrohr zwischen die Walzen, kurbelt mit beiden Händen, und unten läuft der Saft in eine Schüssel, der mit Wasser, Limette und auf Wunsch einem Schuss Rum aufgegossen wird.
Die Schlange davor ist die längste auf dem Platz. Die Leute, die mit einem Becher zurückkommen, grinsen breit und sagen nichts ausser muy bueno. Mit Rum, vermute ich, wird es noch besser, aber dann sollte jemand anders fahren.
Daneben ein Likörstand mit hausgemachten Kreationen in bunten Glasflaschen, ein Marmeladenstand, und ein kleiner Steinofen, an dem zwei junge Männer Mini-Pizzen herausziehen, schneller als die Schlange davor schmilzt.
Ein paar Stände weiter ein Trachtenstand mit handgefertigten Trachten — und zwei Damen darin, die mich anlachen und ausdrücklich darum bitten, fotografiert zu werden. Sie tragen die Trachten so selbstverständlich, wie andere ein Sonntagskleid tragen. Ein wunderschöner Anblick.
Der Tisch mit den Knochen
Ich brauche zwei Anläufe, um zu verstehen, was auf diesem einen Klapptisch ausgestellt ist. Vor mir liegen Flaschenöffner, Pizzaschneider, kleine Küchenutensilien — und alles, alles ist aus Knochen. Aus Hörnern.
Aus dem, was bei Ziege und Schaf nach der Schlachtung übrigbleibt, nachdem das Fleisch verkauft, das Fell gegerbt und die Milch zu Käse verarbeitet ist. Das Schild über dem Stand sagt es nüchtern: Artesanía y cuernos. Handwerk und Hörner.
Die Frau hinter dem Tisch trägt einen breitkrempigen Hut und eine helle Bluse und antwortet höflich auf alles, was ich frage, aber das eigentlich Bemerkenswerte sind die Gegenstände selbst.
Hier steht das, was die kanarischen Bauern seit Jahrhunderten unter dem Wort aprovechar verstehen — vom Tier alles verwerten. Nicht aus Ideologie, sondern aus Knappheit. Die Tradition lebt nicht in einem Museum oder im Nachhaltigkeits-Marketing der Tourismusbehörde.
Sie lebt auf diesem Tisch, in Guía, an einem Sonntagmorgen.
Die Folklore am Iglesia-Vorplatz
Um elf beginnt das Folklore-Programm vor der Iglesia Matriz. Die Veranstalter haben die A.F. Araza aus Teneriffa und die hiesige A.C.R. Estrella y Guía angesetzt, eine der beiden Gruppen ist Francescos. Etwa zehn Tänze in anderthalb Stunden, Timple, Trommel, eine Stimme, die das Lied führt.
Was mich überrascht: das Publikum klatscht nicht nur, sondern wippt mit, summt mit, und nach drei oder vier Stücken ziehen die Tänzerinnen und Tänzer Passantinnen und Passanten in den Kreis. Eine ältere Dame, die eben noch ihren Stock fest in der Hand hatte, tanzt plötzlich mit.
Hand in Hand. Ein Anflug von Gänsehaut, an einem Sonntag um halb zwölf, an dem sonst nichts Aussergewöhnliches passiert. Francesco entdeckt mich am Rand und winkt mich noch einmal heran, para las fotos, und ich nehme an. Es sind die besten Bilder des Tages.
Eine Begegnung in der Gasse
Auf dem Rückweg, schon mit schmerzenden Füssen, biege ich in eine schmale Gasse hinter der Plaza ein.
Ein offener Innenhof, ein Tor, ein langer Holztisch, ein paar Stühle, eine alte Karaffe. Tamara und Antonio, beide aus Guía, halten an Festtagen ihre eigene kleine Tafel — nicht als Restaurant, sondern für Freunde, Bekannte und manchmal eine Reporterin, die hier zufällig vorbeikommt.
Sie reichen mir keinen Kaffee, sie zeigen mir keine Fotos.
Sie zeigen mir ihre Villa, ihre Einrichtung, ihre Lieblingsstücke — darunter einen dunklen Ledersessel mit geschwungenen Armlehnen, eine Antiquität, auf der sie mich bitten Platz zu nehmen, damit sie ein Foto machen können.
„Ein Zahnarztstuhl wäre auch noch eine Idee gewesen", sagt Tamara mit todernstem Gesicht, und der ganze Hof bricht in Gelächter aus. Sie haben Familie in Deutschland, in einem Ort, den ich nicht zuordnen kann, was beiden Seiten egal ist.
Was bleibt, ist die völlige Herzlichkeit, die Anteilnahme, das Offene — eine Gastfreundschaft, die nichts erwartet und nichts verkauft. Ich verteile Visitenkarten von CITA News, sie scannen den QR-Code, und Tamara nickt zufrieden, als sich die Seite öffnet.
Auf dem Weg zurück zum Auto sehe ich noch zwei ältere Herren auf einer Bank sitzen. Frisches Brot in der einen, ein Stück gekaufter Käse in der anderen Hand, langsam, genüsslich. Das Lächeln auf ihren Gesichtern sagt mehr als jede Pressemitteilung über die Frage, wie lohnend dieser Tag für die Leute hier war.
Die Bergfahrt, die einen leise macht
Mein letzter Plan war die Casa del Queso in Montaña Alta, das Käsemuseum oben in den Bergen, fünf Kilometer hinter Guía.
Die Strasse hinauf ist gut ausgeschildert und gut befahrbar, aber sie verlangt einen anderen Fahrstil als die GC-1 im Süden. Enge Kurven, Steilhänge auf der einen Seite, Mauern aus dunklem Vulkangestein auf der anderen.
Pferde am Wegrand, Aloe-Stauden in voller Blüte, dazwischen vereinzelt eine kanarische Casa rural, deren Dach gerade so über die Pinien reicht. Die Landschaft ist grüner, als der Süden es je sein wird, und sie macht einen leise.
Wer hier zum ersten Mal hochfährt, sollte rechts ranfahren und ein paar Minuten stehenbleiben, statt mit fünfzig durch die Kurven zu jagen. Es lohnt sich. Etwas vom Auenland steckt in diesen Hügeln.
Ich komme um Viertel nach zwei an. Geschlossen. Sonntags bis vierzehn Uhr offen, sagt mir ein freundlicher Herr am Parkplatz, und ohnehin sei das Personal heute unten am Fest. Wer das Museum sehen will, sollte am kommenden Sonntag, dem 3.
Mai, hochfahren — dann verlagert sich die Fiesta nach Montaña Alta selbst, in die Gassen rund um die Kirche, mit Folkloregruppen, Preisverleihung der XXVII. Cata Insular und einer Atmosphäre, die seit Jahren konstant um die 8.000 Besucher (Radio Faro) zieht.
Auch dorthin fährt Global einen Sonderbus, die Linie 107 ab Gáldar, im Viertelstundentakt.
Ich fahre zurück nach Süden. Der doppelte Espresso ist längst verflogen. Aber die Eindrücke, die ins Herz und in die Seele gehen, sorgen noch für lange Berührung: das freundliche Gelächter von Tamara und Antonio, der Tisch mit den Knochen, die ältere Dame, die ihren Stock losliess, um zu tanzen, und die zwei Herren auf der Bank mit Brot und Käse.