Seit Ende März läuft der unbefristete Handling-Streik bei Groundforce an vier kanarischen Flughäfen. Koffer blieben liegen, Flüge verspäteten sich, die Gewerkschaften sprachen von «Kollaps». Derzeit ruhen die Paros für Verhandlungen — aber eine Einigung gibt es nicht, und die Gewerkschaften haben klargestellt: Ohne Fortschritte werden die Streiks sofort wieder aufgenommen. Ab morgen, 17. April, kommt ein zweiter Konflikt dazu: Die Fluglotsen der Firma SAERCO legen an fünf Kanaren-Flughäfen die Arbeit nieder — unbefristet. Zwei offene Streiks im Flugverkehr eines Archipels, das vollständig vom Fliegen abhängt. Wenn die Groundforce-Verhandlungen scheitern, stehen die Kanaren vor einem beispiellosen Doppelstreik.
Was gerade passiert
Auf den Kanarischen Inseln laufen zwei voneinander unabhängige Arbeitskonflikte im Luftverkehr — und ab morgen drohen sie sich zu überlappen.
Streik 1: Groundforce (Bodenpersonal) — unbefristet ausgerufen seit dem 30. März 2026. Paros waren jeden Montag, Mittwoch und Freitag in drei Schichten: 05:00–07:00, 11:00–17:00 und 22:00–00:00 Uhr. Am 8. April wurden die Paros für Verhandlungen pausiert — eine erste Gesprächsrunde fand am 10. April statt. Eine Einigung wurde nicht erzielt. Die Gewerkschaften CCOO, UGT und USO haben erklärt: «Wenn keine echten Fortschritte kommen, werden die Mobilisierungen wieder aufgenommen.» Der Streik ist nicht beigelegt — er ist offen. Die Servicios-Mínimos-Verfügung des Ministeriums gilt bis zum 29. April. Betroffen: Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote und Teneriffa. Rund 1.000 Beschäftigte auf den Kanaren, landesweit 5.578. Groundforce ist das Bodenabfertigungsunternehmen (Handling) der Globalia-Gruppe und bedient unter anderem Air Europa, KLM, Lufthansa, Air France, Turkish Airlines und SAS.
Streik 2: SAERCO (Fluglotsen) — beginnt am 17. April um 00:00 Uhr, unbefristet. Betroffen: Lanzarote, Fuerteventura, La Palma, El Hierro und La Gomera. SAERCO ist der private Anbieter für die Flugsicherung an diesen Kontrolltürmen. Die Gewerkschaften USCA und CCOO haben den Streik nach gescheiterten Verhandlungen ausgerufen. Die Flughäfen von Gran Canaria und Teneriffa sind nicht betroffen — dort übernimmt der staatliche Anbieter ENAIRE die Flugsicherung.
Wenn die Groundforce-Verhandlungen scheitern und die Handling-Streiks wieder aufgenommen werden, streiken an den kanarischen Flughäfen gleichzeitig die Leute, die die Koffer verladen, und die Leute, die die Flugzeuge auf die Landebahn leiten.
Warum Groundforce streikt
Der Konflikt bei Groundforce dreht sich um Geld. Das Unternehmen hat die Gehaltstabellen für 2026 einseitig angepasst und dabei bestimmte Berufsgruppen — Verwaltungskräfte und Agenten — mit einer Erhöhung von 4,58 Prozent bedacht. Laut Tarifvertrag stünden ihnen jedoch 7,82 Prozent zu, basierend auf der kumulierten Inflation seit 2022. Die Gewerkschaften CCOO, UGT und USO sehen darin einen Verstoss gegen den geltenden Tarifvertrag.
In den ersten Streiktagen am 30. und 31. März blieben über 40 Flüge ohne Gepäck. In der Abfertigungszone stauten sich Tausende Koffer. An jedem Streiktag bis zum 8. April wiederholte sich dieses Muster. Dann pausierten die Gewerkschaften die Paros, um einer ersten Verhandlungsrunde am 10. April Raum zu geben. Die Servicios Mínimos liegen bei 60 Prozent — die Gewerkschaften kritisieren das als «missbräuchlich», weil es das Streikrecht faktisch aushöhle.
Auf den Kanaren berichten die Gewerkschaften von überwiegender Beteiligung der Belegschaft während der aktiven Streiktage. Gleichzeitig hat Groundforce laut UGT Disziplinarverfahren gegen streikende Mitarbeiter eingeleitet — ein Schritt, den die Gewerkschaften als Einschüchterung werten.
Die Verhandlungspause ist fragil. Eine Einigung gibt es nicht. Die Servicios-Mínimos-Verfügung des Ministeriums für Verkehr gilt bis zum 29. April 2026 — das Ministerium rechnet also selbst damit, dass der Konflikt andauern könnte.
Warum die Fluglotsen streiken
Der SAERCO-Streik hat einen anderen Hintergrund. Hier geht es nicht um Prozente, sondern um Personal — oder genauer: um das Fehlen von Personal.
SAERCO ist ein privater Anbieter für Flugsicherungsdienste, der nach der Liberalisierung des spanischen Kontrollturm-Marktes die Türme an 14 Flughäfen betreibt. Die Gewerkschaften USCA und CCOO werfen dem Unternehmen vor, seit Jahren systematisch Personal abzubauen, ohne Stellen nachzubesetzen. Genehmigte Urlaubstage würden gestrichen, Schichtpläne kurzfristig geändert, Ruhezeiten nicht eingehalten.
Der Kernvorwurf ist gravierend: Die Gewerkschaften sagen, dass die Personaldecke so dünn ist, dass die Sicherheit im Flugverkehr gefährdet ist. «Die aeronautische Sicherheit kann nicht auf einer Belegschaft aufgebaut werden, die unter Dauermüdigkeit, Stress und permanenter Unsicherheit arbeitet», heisst es im Streikaufruf.
Bevor der Streik ausgerufen wurde, haben USCA und CCOO versucht, mit SAERCO zu verhandeln. Laut den Gewerkschaften hat das Unternehmen geplante Verhandlungstermine wiederholt verschoben oder abgesagt. Daraufhin wurde die obligatorische Mediation beim SIMA (Servicio Interconfederal de Mediación y Arbitraje) beantragt. SAERCO hat sich bisher nicht öffentlich geäussert.
Welche Flughäfen betroffen sind
Die Verteilung ist kompliziert, weil die beiden Streiks unterschiedliche Flughäfen betreffen — und sich bei zweien überlappen:
Nur Groundforce (Bodenpersonal): Gran Canaria, Teneriffa
Nur SAERCO (Fluglotsen): La Palma, El Hierro, La Gomera
Beide Streiks gleichzeitig: Lanzarote, Fuerteventura
Lanzarote und Fuerteventura sind damit ab morgen doppelt betroffen: Groundforce-Streik beim Handling (Mo/Mi/Fr) und SAERCO-Streik bei der Flugsicherung (unbefristet, täglich). Für diese beiden Inseln, die keine Fährverbindung zum Festland haben und vollständig vom Flugverkehr abhängen, ist das eine besonders kritische Situation.
La Palma, El Hierro und La Gomera — die drei kleinsten Inseln mit den geringsten Alternativen — sind ausschliesslich vom Fluglotsen-Streik betroffen, aber gerade dort ist der Flughafen die einzige realistische Verbindung zur Aussenwelt.
Was das für Passagiere bedeutet
Wer in den kommenden Tagen von oder nach den Kanaren fliegt, muss mit Folgendem rechnen:
Verspätungen bei der Gepäckabfertigung an Groundforce-Flughäfen, besonders an Streiktagen (Mo/Mi/Fr). Die ersten drei Wochen haben gezeigt: Flüge starten teilweise ohne Koffer, Passagiere erhalten ihr Gepäck mit Stunden oder Tagen Verspätung.
Mögliche Einschränkungen im Flugplan an SAERCO-Flughäfen (Lanzarote, Fuerteventura, La Palma, El Hierro, La Gomera) ab dem 17. April. Die Auswirkungen hängen von den noch festzulegenden Servicios Mínimos ab.
Keine direkte Beeinträchtigung der Flugsicherung an den Flughäfen Gran Canaria und Teneriffa — diese werden von ENAIRE betrieben, nicht von SAERCO.
Airlines, die Groundforce als Handling-Partner nutzen: Air Europa, KLM, Lufthansa, Air France, Turkish Airlines, SAS und weitere. Wer mit diesen Airlines fliegt, ist potenziell betroffen. Airlines wie Ryanair und EasyJet nutzen Menzies — dort wurde der Streik Ende März beigelegt.
Die dritte Huelga, die niemand erwähnt
Was in der Berichterstattung meist untergeht: Es gibt noch einen dritten Streik. Menzies, der andere grosse Handling-Anbieter auf den Kanaren (Ryanair, EasyJet, Canaryfly, Norwegian), hatte ebenfalls für Semana Santa einen unbefristeten Streik angekündigt. Dieser wurde am 31. März nach einer Einigung mit UGT desconvocado — also abgesagt. Die Einigung betraf die Gehaltsgarantien für subrogierte Mitarbeiter.
Das zeigt: Verhandlungen können funktionieren. Bei Menzies haben sie funktioniert. Bei Groundforce und SAERCO bisher nicht.
Kanaren: Inseln ohne Plan B
Die Kanarischen Inseln haben keine Eisenbahn zum Festland. Keine Brücke. Keine schnelle Fährverbindung, die den Flugverkehr ersetzen könnte. Für Touristen — die wichtigste Einnahmequelle des Archipels — und für Residenten, die Verwandte auf dem Festland besuchen, ist das Flugzeug das einzige realistische Transportmittel.
Im März 2026 passierten über 5 Millionen Passagiere die kanarischen Flughäfen. Jeden Tag landen und starten Hunderte von Flügen. Die gesamte Wirtschaft des Archipels — Tourismus, Handel, Logistik — hängt davon ab, dass dieser Betrieb funktioniert.
Zwei gleichzeitige, unbefristete Streiks in diesem System sind kein Randthema. Sie betreffen direkt die Lebensader der Inseln. Und sie fallen in eine Zeit, in der die Kanarischen Inseln ohnehin unter Druck stehen: Der Nahost-Konflikt leitet mehr Touristen auf die Inseln um, die Infrastruktur ist ausgelastet, und die Passagierzahlen haben im März erstmals seit Monaten leicht nachgegeben.