Die Schreinerei am Eingang von Vecindario, in der seit drei Jahrzehnten Carlos González Möbel auf Mass baut, schliesst Ende 2026. Carlos ist 64. Sein Sohn ist Lehrer auf Tenerife und hat keine Lust, zum Werkzeug zurückzukehren.

Eine Anzeige hat Carlos nie geschaltet. Er hat einfach drei Stammkunden gesagt, dass es im Dezember vorbei sei. So entstehen die Lücken, die in der nationalen Statistik als Generationenwechsel-Mangel auftauchen — leise, ohne Schlagzeile, betrieb für Betrieb.

Spanienweit zeichnet sich eine demographische Verschiebung im Selbstständigen-Bestand ab, die in den nächsten Jahren das wirtschaftliche Gewebe der Inseln verändern wird. Auf den Kanaren stehen 32.755 Selbstständige zwischen 56 und 65 Jahren vor dem Ruhestand.

Demgegenüber stehen nur 19.750 Selbstständige zwischen 26 und 35 Jahren, plus 4.314 unter 26. Selbst wenn alle Jüngeren übernehmen würden — was sie nicht tun — fehlten 8.700 Nachfolger.

Was die ATA-Daten national zeigen

Die Federación Nacional de Asociaciones de Trabajadores Autónomos (ATA) hat im Februar 2026 ihre Bilanz für 2025 vorgelegt. Wie das Branchenmedium Distrito Emprendedores die Zahlen zusammenfasst (Distrito Emprendedores), entfielen 73,1 Prozent des gesamten Selbstständigen-Wachstums in Spanien 2025 auf Personen über 56.

Innerhalb dieser Gruppe machten die über 65-Jährigen 35,2 Prozent des Netto-Zuwachses aus. Selbstständige über 46 erklärten 84,5 Prozent des gesamten RETA-Wachstums.

ATA-Präsident Lorenzo Amor formuliert die Lage ungewöhnlich scharf: "Trotz des globalen Wachstums sind wir nicht in der Lage, die Glocken zu läuten.

2025 war ein sehr kompliziertes Jahr für den kleinen Selbstständigen." Bei Lawandtrends fasst Amor die Stimmung Ende 2025 zusammen: 30 Prozent der Selbstständigen hätten das Jahr mit Verlusten abgeschlossen, wie das Magazin im Dezember 2025 berichtete (Lawandtrends).

Während die persönlichen Selbstständigen 2025 spanienweit um 21.406 Köpfe abnahmen und mitarbeitende Familienangehörige um 7.732, stiegen die Gesellschafter-Selbstständigen um 66.674. Übersetzt: Der klassische Familienbetrieb verschwindet, die Firmenstruktur wächst.

Welche Sektoren auf den Kanaren am stärksten betroffen sind

Drei Bereiche stechen hervor. Bau und Handwerk — Schreiner, Maurer, Elektriker, Klempner — sind seit Generationen Familienbetriebe. Wenn ein 62-jähriger Maestro aufhört, kommt selten ein 32-jähriger nach.

Gastronomie und kleiner Einzelhandel — Bars, Tienditas, Frutterías — finden keine Übernehmer; die jüngere Generation will nicht 70 Stunden hinter dem Tresen stehen. Landwirtschaft und Vieh — Cabreros, Kleinbauern, Käsereien — verlieren die Generation, die noch wusste, wie man Queso de Flor reift oder eine Banane pflanzt, ohne sie zu beschädigen.

Die Folgen sind im Alltag bereits sichtbar. Wer im Süden Gran Canarias schon einmal versucht hat, an einem Freitagnachmittag einen Klempner für ein dringendes Problem zu erreichen, kennt die Wartezeiten. Bestimmte Dienstleistungen — vom Schornsteinfeger bis zum Schuhmacher — verschwinden auf vielen Inseln langsam ganz. Reparatur wird teurer als Neukauf, weil weniger Fachleute verfügbar sind.

Was der Markt für Übernehmer öffnet

Wer ein bestehendes Geschäft übernehmen möchte, hat heute eine bessere Verhandlungsposition als noch vor fünf Jahren. Verkäufer sind oft motiviert: lieber ein vernünftiger Übergang an eine engagierte Person als die Aufgabe ohne Erbe. Das gilt in besonderer Schärfe für die Familienbetriebe, in denen die nächste Generation entweder fehlt oder andere Wege gegangen ist.

Wer mit dem Gedanken spielt, auf den Kanaren ein bestehendes Geschäft zu übernehmen, sollte vor allem die juristische Form klären. Eine Übernahme als Autónomo ist eine andere Konstellation als eine Übernahme als Sociedad Limitada. Beide haben Implikationen für IGIC, IRPF, RETA und Haftung.

Eine erste Beratung mit einem auf Kanaren spezialisierten Gestor oder Wirtschaftsanwalt ist Pflicht. Der Gobierno de Canarias hält Subventionen für die Aufnahme einer Selbstständigkeit bereit, einschliesslich der ausdrücklichen Möglichkeit der Übernahme eines Familienbetriebs nach Tod, Krankheit oder Renteneintritt des bisherigen Inhabers.

Wichtiger als die Form ist die Beziehung. Ein Familienbetrieb ist mehr als seine Bilanz. Kunden kennen den Maestro mit Vornamen. Wer übernimmt, übernimmt auch eine Vertrauensbeziehung — und muss sie pflegen oder verlieren. Eine sechsmonatige Übergabezeit, in der der scheidende Inhaber die Kunden persönlich an den neuen Eigentümer übergibt, ist Gold wert.

Warum sich die Lücke nicht von selbst schliesst

Die spanische Sozialversicherung hat seit April 2026 die "Jubilación Activa" für Selbstständige aufgewertet. Wer die Rente mit dem laufenden Betrieb kombiniert, bekommt jetzt 55 statt 45 Prozent der Bemessungsgrundlage (El Confidencial Digital), wenn mindestens ein Mitarbeiter unbefristet angestellt ist. Das soll Selbstständige dazu bewegen, länger weiterzumachen. Der Effekt: Der Renteneintritt wird verzögert, die Lücke nicht geschlossen.

Auf der nationalen Ebene reden ATA und Sozialministerium seit Jahren über steuerliche Anreize für die Übernahme bestehender Betriebe. Konkrete Massnahmen fehlen.

Solange die politische Lücke nicht geschlossen wird, bleibt der Generationenwechsel Privatangelegenheit zwischen scheidenden Maestros, ihren Kindern, die andere Pläne haben, und vereinzelten Übernehmern, die den Mut zur Anfrage finden. Carlos González in Vecindario ist einer von denen, die im Dezember zumachen, ohne dass jemand fragt. Wer fragt, könnte die Werkstatt günstig bekommen.

Martin Kosinski schreibt für CITA News über Wirtschaft, Tourismus und Service-Themen. Mehr über den Autor