Das Manifest: Übergabe an der Plaza Rafael O'Shanahan

Am Vormittag des 9. April 2026 versammelten sich Vertreter dutzender kanarischer Organisationen auf der Plaza Rafael O'Shanahan in Las Palmas de Gran Canaria. Ihr Ziel: die formelle Einreichung des Manifests „Por una Canarias Neutral" — eines Dokuments, das den Stopp der militärisch-industriellen Zusammenarbeit auf den Inseln fordert und ein verbindliches Neutralitätsstatut für den gesamten Archipel verlangt.

Das Manifest ist das Ergebnis einer monatelangen Mobilisierung. Bereits am 1. März 2026 hatten 20 Organisationen ein erstes Positionspapier veröffentlicht, in dem sie angesichts eines internationalen „Horizonts totaler Kriege" ein Neutralitätsstatut für die Kanaren forderten. Seitdem hat sich die Bewegung auf über 50 Unterzeichner ausgeweitet — von Gewerkschaften wie CCOO Gran Canaria, Cobas und der Intersindical Canaria über politische Parteien wie Podemos Canarias, IUC und Nueva Canarias bis hin zu Kulturinstitutionen wie dem Centro de la Cultura Popular Canaria.

Auslöser: Der Clúster Canario de la Industria de Defensa

Direkter Auslöser der Bewegung war die Berichterstattung über die geplante Gründung eines „Clúster Canario de la Industria de Defensa". Am 30. März 2026 berichtete die kanarische Tageszeitung Canarias7, dass CEOE Tenerife in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma PwC, der Regionalregierung (über Proexca), dem Cabildo de Tenerife und dem Wissenschaftspark PCTT die Bildung eines Verteidigungsclusters vorantreibe.

Die Initiatoren sprachen von einer „realen Chance", die Wirtschaft der Inseln über den Tourismus hinaus zu diversifizieren. PwC hatte der CEOE eine Analyse vorgelegt, die Canarias als potenziellen Standort für Verteidigungstechnologie positionierte — angesichts eines spanischen Verteidigungssektors, der 2024 um 16,2 Prozent auf 16,15 Milliarden Euro Umsatz gewachsen war.

Die vier Kernforderungen des Manifests

  • Sofortiger Stopp aller institutionellen Kooperationen mit dem militärisch-industriellen Komplex und Paralysierung bestehender Abkommen mit Rüstungsunternehmen der NATO und Israels
  • Suspendierung und Audit des Clúster Canario de la Industria de Defensa durch das kanarische Parlament — mit voller Transparenz über Kapitalherkunft und Technologieziele
  • Soziale Reconversión der Forschung: Wissenschaft und Technologie sollen ausschließlich ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit dienen, nicht militärischer Überwachung
  • Neutralitätsstatut: Anerkennung der Kanaren als Friedensterritorium, frei von offensiven Militärstrukturen und Rüstungsproduktion

ARQUIMEA: Der Schlüsselakteur im Hintergrund

Im Zentrum der Kritik steht das Technologieunternehmen ARQUIMEA. Das auf Teneriffa ansässige Unternehmen wurde im November 2025 als prioritärer Partner in den CIDIHUB aufgenommen — den „Canary Islands Digital Innovation Hub", der als European Digital Innovation Hub (EDIH) im Rahmen des EU-Programms „Digital Europe" anerkannt ist. Über diesen Hub hat ARQUIMEA Zugang zu Programmen des Europäischen Verteidigungsfonds und zur EU-Strategie für strategische Autonomie.

Der CIDIHUB ist ein Konsortium aus Einrichtungen wie dem Instituto Tecnológico de Canarias (ITC), der Universidad de La Laguna (ULL), der Universidad de Las Palmas (ULPGC), dem Instituto de Astrofísica de Canarias (IAC) und der Plattform PLOCAN. Zusammen haben diese Institutionen über 50 Millionen Euro an EU-Geldern für Digitalisierungsprojekte mobilisiert. Die Kritiker argumentieren, dass Gelder für Dual-Use-Infrastruktur umgewidmet werden — offiziell für Innovation, faktisch für militärische Kapazitäten.

Die Fundación Ferrer-Dalmau: Ideologischer Rahmen

Der Journalist und Analyst José Manuel Rivero zeichnete in einem Meinungsbeitrag für elDiario.es Canarias ein größeres Bild. Hinter dem Cluster stehe ein Netzwerk, das über die regionale Wirtschaftsförderung hinausreiche. Die Fundación Ferrer-Dalmau — ein Think Tank mit Verbindungen zu Militäreliten, Adelskreisen und NATO-nahen Kreisen — liefere den ideologischen und relationalen Rahmen. Der Präsident von ARQUIMEA sei Patron dieser Stiftung.

Die Fundación ermögliche es, so Rivero, dass ein regionaler Verteidigungscluster als „lokale Initiative" präsentiert werden könne, obwohl er sich in die Logik der europäischen Aufrüstung und der Kontrolle der südatlantischen Flanke einfüge. Drohnen, unbemannte Systeme, Satellitenkommunikation und Cyberverteidigung — die Spezialgebiete von ARQUIMEA — seien Werkzeuge zur Überwachung von Migrationsrouten, Energiekorridoren und potenziellen Krisenregionen im Sahel, in Guinea und im Südatlantik.

40 Jahre nach dem NATO-Referendum

Für die Unterzeichner hat das Manifest eine historische Dimension. Im März 1986 stimmten die Kanaren im Referendum über den Verbleib Spaniens in der NATO mit 53,69 Prozent für das „Nein" — eine der vier autonomen Gemeinschaften (neben dem Baskenland, Katalonien und Navarra), die sich gegen die Mitgliedschaft aussprachen. Zum 40. Jahrestag im März 2026 gab es in Las Palmas erneut Demonstrationen, die das historische Nein bekräftigten.

Die Manifest-Unterzeichner argumentieren: Das damalige Votum sei nie respektiert worden. Die aktuellen Pläne — die Integration der Kanaren in NATO-Logistik und Verteidigungsproduktion — widersprächen dem Willen der Bevölkerung fundamental.

Der geopolitische Kontext: Iran, USA und die NATO-Debatte

Das Manifest fällt in eine Phase verschärfter internationaler Spannungen. Die militärische Konfrontation zwischen den USA, Israel und dem Iran hat seit Anfang März 2026 die geopolitische Lage drastisch verändert. Kanarenpräsident Fernando Clavijo (Coalición Canaria) erklärte öffentlich, er teile die Position der spanischen Regierung zum Iran-Konflikt nicht, äußerte sich aber vor allem besorgt über die wirtschaftlichen Folgen — steigende Energiepreise, Inflation, Transportkosten.

Für die Bewegung „Canarias Neutral" ist der Iran-Krieg eine Bestätigung ihres Arguments: Ein Archipel, der sich in die NATO-Infrastruktur einbindet, wird automatisch zur Zielscheibe. Die Kanaren lägen an einer geostrategisch entscheidenden Position zwischen Europa, Afrika und Amerika — und genau deshalb dürften sie nicht zur Logistikplattform werden.

Die wichtigsten Unterzeichner (Auswahl)

  • Gewerkschaften: CCOO Gran Canaria, Cobas Canarias, Intersindical Canaria, Frente Sindical Obrero de Canarias, Federación Sindical Canaria
  • Parteien: Podemos Canarias, Izquierda Unida Canaria, Nueva Canarias-Bloque Canarista, Partido Comunista de Canarias, Partido Comunista del Pueblo Canario, Verdes de Canarias
  • Bewegungen: Centro de la Cultura Popular Canaria, Canarias Insumisa, Red de Solidaridad Popular de Jinámar, Plataforma Canarias con Palestina, Plataforma Canaria por la Paz

Was kommt als Nächstes?

Mit der formellen Einreichung des Manifests beginnt eine neue Phase. Die Unterzeichner fordern vom Parlamento de Canarias eine öffentliche Debatte und ein Audit des Verteidigungsclusters. Ob die kanarische Regierung unter Clavijo darauf eingeht, ist offen — bislang hat sich der Ejecutivo regional nicht zur Cluster-Initiative positioniert, obwohl Proexca offiziell beteiligt ist.

Die Bewegung plant weitere Aktionen. Am 11. April steht bereits eine Protestaktion von „Canarias por Palestina" gegen die israelische Todesstrafe-Gesetzgebung für palästinensische Gefangene an — eine Demonstration, die thematisch an das Militarisierungsthema anknüpft.

Das Manifest endet mit einem Satz, der die Stimmung auf der Plaza Rafael O'Shanahan zusammenfasst: Der Frieden komme nicht aus der Diplomatie der Eliten, sondern aus der Mobilisierung der Völker.