Die Energieversorgung auf Gran Canaria steht unter erheblichem Druck. Seit der Ausrufung des Energienotstands durch die Kanarische Regionalregierung im Oktober 2023 suchen Behörden und Energieversorger nach Wegen, die Versorgungssicherheit der Insel zu gewährleisten. Zwei neue Notfallkraftwerke im Gewerbegebiet El Goro in Telde sind nun ein konkreter Schritt in diese Richtung — wenn auch noch kein endgültiger.
Anlage „La Garita": Propangas und acht Otto-Motoren
Das erste der beiden Kraftwerke trägt den Namen „La Garita" und wird vom Energiekonzern DISA betrieben. Mit einer installierten Leistung von 14,8 Megawatt arbeitet es auf Basis von acht Otto-Motoren, die mit Propangas betrieben werden. Die Anlage ist an die Umspannstation Cinsa-REE angeschlossen — ein wichtiger Knotenpunkt im Hochspannungsnetz der Insel.
Die Wahl von Propangas als Brennstoff macht diese Anlage vergleichsweise emissionsärmer als klassische Dieselanlagen und ermöglicht einen flexiblen Betrieb: Die Motoren können bei Bedarf schnell hochgefahren werden, ohne dass längere Anlaufzeiten anfallen. Das ist besonders dann von Vorteil, wenn die Last im Netz innerhalb kurzer Zeit sprunghaft ansteigt — etwa in den frühen Abendstunden, wenn Industrie und Haushalte gleichzeitig einen Spitzenbedarf erzeugen.
Anlage „El Goro": 20 MW aus 15 containerisierten Dieselgeneratoren
Das zweite und leistungsstärkere Kraftwerk trägt denselben Namen wie das Gewerbegebiet: „El Goro". Es wird von GPM Generación, einer Tochtergesellschaft des Unternehmens Pérez Moreno, errichtet und betrieben. Sein Aufbau unterscheidet sich grundlegend von dem der La-Garita-Anlage: Statt eines kompakten Motorenblocks kommen hier 15 containerisierte Dieselgeneratoren mit je 1,4 Megawatt Leistung zum Einsatz — zusammen ergeben sie eine Gesamtkapazität von 20 Megawatt.
Das Gesamtbudget für das El-Goro-Projekt beläuft sich auf 15,1 Millionen Euro. Der Anschluss an das Stromnetz erfolgt über die Umspannstation CINSA, zu der eigens ein rund einen Kilometer langer unterirdischer Kabel verlegt wird. Die Nutzung von Containern als Gehäuse für die Generatoren hat praktische Gründe: Sie ermöglicht einen schnelleren Aufbau, einfachere Wartung und — falls nötig — eine unkomplizierte Verlagerung der Anlage.
Kennzahlen auf einen Blick
La Garita (DISA): 14,8 MW · 8 Otto-Motoren · Propangas · Umspannstation Cinsa-REE
El Goro (GPM Generación): 20 MW · 15 Diesel-Container à 1,4 MW · Budget: 15,1 Mio. € · Anschluss: Umspannstation CINSA via 1 km Erdkabel
Gesamt: 35 MW neue Kapazität für Gran Canaria
Bedarf Gran Canaria: 138 MW zusätzlich (Red Eléctrica, März 2025)
Energienotstand ausgerufen: Oktober 2023
Offiziell veröffentlicht: BOC (Boletín Oficial de Canarias), 27. März 2026, Expte. GE25/038
Hintergrund: Eine strukturelle Krise im Kanarischen Stromnetz
Um die Dringlichkeit dieser Maßnahmen zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Gesamtlage. Der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica (REE) stellte in einem Bericht vom März 2025 fest, dass Gran Canaria kurzfristig 138 Megawatt zusätzliche Erzeugungskapazität benötigt. Über alle kanarischen Inseln hinweg beläuft sich das Defizit auf 268 Megawatt — betroffen sind vor allem Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura.
Die Ursachen sind struktureller Natur: Ein Großteil der aktiven Erzeugungsanlagen auf den Inseln ist 30 bis 40 Jahre alt. Störungen und Ausfälle häufen sich, Reservekapazitäten schrumpfen. Hinzu kommt, dass der Anteil erneuerbarer Energien im kanarischen Netz trotz jahrelanger Versprechen erst 22,7 Prozent erreicht hat (Stand 2025, Red Eléctrica) — ein Wert, der weit unter dem spanischen Festlandsniveau liegt.
Die Kanarische Regionalregierung hatte im Oktober 2023 offiziell den Energienotstand ausgerufen, um den rechtlichen Rahmen für beschleunigte Genehmigungsverfahren zu schaffen. Seither laufen parallel mehrere Vergabeverfahren, um sowohl kurzfristige Überbrückungslösungen als auch langfristige Kapazitäten zu sichern.
Beide Anlagen sind temporäre Notlösungen
Ein wichtiger Punkt, der in der öffentlichen Diskussion häufig untergeht: Die neuen Kraftwerke in Telde sind ausdrücklich als temporäre Lösungen konzipiert. Sie sollen nur im Notfall oder bei Spitzenlast betrieben werden — nicht als Dauerbetrieb. Damit unterscheiden sie sich konzeptionell von den bestehenden Grundlastkraftwerken auf den Inseln.
Das Cabildo Gran Canaria, die Inselregierung, hat sich in der Vergangenheit wiederholt gegen den Ausbau starrer thermischer Kraftwerke ausgesprochen. Stattdessen setzt die Inselbehörde auf flexible Speicherlösungen und insbesondere auf das Pumpspeicherprojekt Salto de Chira — ein Großprojekt, das Gran Canaria langfristig in die Lage versetzen soll, erneuerbare Energien besser zu integrieren und Engpässe puffern zu können.
Langfristige Lösung: 1.000 MW für vier Unternehmen
Im Februar 2026 vergab das zuständige Ministerium Kapazitäten von insgesamt über 1.000 Megawatt an vier Unternehmen: Unelco, Sampol, DISA und Canary Carreteras. Diese Ausschreibung markiert den bisher größten Schritt in Richtung einer dauerhaften Lösung der kanarischen Energiemisere — aber die Anlagen werden noch Jahre brauchen, bis sie in Betrieb gehen.
Bis dahin müssen Anlagen wie La Garita und El Goro die Versorgungssicherheit sicherstellen. Die offiziellen Genehmigungsunterlagen wurden im Boletín Oficial de Canarias (BOC) (Gobierno de Canarias) am 27. März 2026 veröffentlicht (Expte. GE25/038). Für die Bevölkerung Gran Canarias bedeutet das zunächst: Die Gefahr von Stromausfällen wie in den vergangenen Jahren sinkt — wenn auch noch nicht auf null.
Die Diskussion über die Energiezukunft der Kanaren ist damit noch längst nicht abgeschlossen. Sie berührt fundamentale Fragen: Wie viel fossile Überbrückungskapazität ist vertretbar? Wie schnell können erneuerbare Energien tatsächlich ausgebaut werden? Und wer trägt die Kosten — die Inselbewohner, die Verbraucher auf dem Festland oder der Staat? Schwankungen in der Energieversorgung wirken sich auch auf die Lebenshaltungskosten aus — verfolge die aktuellen Benzinpreise auf Gran Canaria und wie sich die Energiekosten auf den Immobilienmarkt der Insel auswirken.