Was passiert: Die Umweltverträglichkeitsprüfung (DIA) für den Tren de Gran Canaria wurde einstimmig genehmigt
Die Strecke: 58 km, 11 Stationen, Santa Catalina bis Meloneras, bis zu 160 km/h
Kosten: 2 Milliarden Euro geschätzt — kein Cent finanziert
Antrieb: 100 % Windenergie — eigener Windpark mit 26,4 MW
Zeitplan: Seit 2004 geplant, Baubeginn frühestens 2028
Wird Gran Canaria jemals eine Eisenbahn bekommen? Seit über zwei Jahrzehnten wird geplant, präsentiert, versprochen — und nicht gebaut. Jetzt hat das Projekt eine entscheidende Hürde genommen: Das Umweltamt von Gran Canaria hat die Umweltverträglichkeitsprüfung einstimmig genehmigt. Aber die eigentliche Hürde steht noch bevor: 2 Milliarden Euro, für die kein einziger Cent bereitsteht.
Was genehmigt wurde
Die Declaración de Impacto Ambiental (DIA) umfasst nicht ein einzelnes Projekt, sondern 25 Teilprojekte: die sieben Streckenabschnitte, elf Stationen, Werkstätten, Abstellanlagen und den Windpark. Das Gremium hat das Vorhaben in 28 Sitzungen geprüft, sechs Nachbesserungen verlangt und 21 Einwendungen sowie 23 Fachgutachten ausgewertet. Das Ergebnis: Keine erheblichen Umweltauswirkungen zu erwarten — sofern alle Auflagen eingehalten werden.
Für den Mobiltätsbeauftragten des Cabildo, Teodoro Sosa, ist das ein „historischer Moment“. In den drei Jahren des aktuellen Mandats habe das Projekt mehr Fortschritte gemacht als in den 25 Jahren davor. Das Cabildo kann nun mit den Enteignungen beginnen — Budget: 16,67 Millionen Euro.
Die Strecke: Santa Catalina bis Meloneras
Der Tren de Gran Canaria soll die Ostküste der Insel erschließen — dort, wo 81 Prozent der Bevölkerung lebt und 85 Prozent des Tourismus stattfindet. Die Strecke führt von Santa Catalina in Las Palmas über San Telmo, das Krankenhaus-Viertel, Jínámar, Telde, den Flughafen, Carrizal, Arinaga, Vecindario und Playa del Inglés bis nach Meloneras. Doppelgleis auf der Hauptstrecke, Eingleisig an den Enden. Maximale Geschwindigkeit: 160 km/h. Las Palmas nach Maspalomas in rund 30 Minuten — statt 45 bis 90 Minuten auf der chronisch verstopften Autobahn GC-1.
Jede Station ist als intermodaler Knotenpunkt geplant: mit Parkplätzen, Busanbindung und Fahrradstationen. Die gesamte Energie kommt aus einem eigenen Windpark mit 26,4 Megawatt auf der Montaña de Piletas bei Vecindario.
Das Finanzierungsproblem
Hier wird es ernst. Die geschätzten Kosten von 2 Milliarden Euro stammen im Kern aus dem Jahr 2011. Die Baukosten für Stahl und Beton sind seitdem massiv gestiegen. Kritiker wie der Dekan der Ingenieure von Las Palmas, Carlos Medina, schätzen die realen Kosten auf das 2,5-fache — also bis zu 5 Milliarden Euro. Medina nennt das gesamte Vorhaben „einen kompletten Unsinn“ und bezweifelt, dass die bestehenden Pläne überhaupt noch der aktuellen Baunorm entsprechen.
Madrid hat zwar im September 2025 ein Protokoll unterzeichnet, das den Tren de Gran Canaria ins staatliche Eisenbahnnetz aufnimmt. Aber: Ohne verabschiedeten Staatshaushalt gibt es kein Geld. Ein Finanzierungsantrag bei der EU (Programm „Conectar Europa“) wurde bereits abgelehnt. Das Cabildo versucht es erneut — für die erste Phase (Flughafen bis Vecindario, 390 Millionen Euro) hofft man auf 190 Millionen aus Brüssel.
22 Jahre Planung, kein Meter Schiene
Die Geschichte des Tren de Gran Canaria ist eine Geschichte von Ankündigungen. 2004 wurde das Konzept erstmals vorgestellt. 2009 genehmigte die Regionalregierung die Pläne — Betriebsbeginn sollte 2015 sein. Die öffentliche Gesellschaft Ferrocarriles de Gran Canaria wurde gegründet. Die Kosten wurden zunächst auf 1,5 Milliarden, dann auf 1,65 Milliarden, jetzt auf 2 Milliarden geschätzt. Gebaut wurde: nichts.
Gran Canaria hat das höchste Fahrzeugaufkommen pro Straßenkilometer in ganz Europa und die höchste Motorisierungsrate Spaniens. Die GC-1 zwischen Las Palmas und dem Flughafen steht täglich im Stau. Die Nachfrage wäre da: Studien schätzen 22 bis 26 Millionen Fahrgäste im ersten Betriebsjahr, 81 Prozent davon Umsteiger vom Auto. Die CO2-Einsparung wäre erheblich, der Energieverbrauch dank Windkraft und Schienenreibung um 70 Prozent niedriger als beim Auto.
Wie es weitergeht
Mit der genehmigten DIA kann das Cabildo die Grundstücksenteignungen einleiten. Eine Begleitkommission mit Vertretern des Cabildo, der Regionalregierung, des Staates und der betroffenen Gemeinden muss innerhalb von sechs Monaten eingerichtet werden. Der nächste große Schritt wäre ein Finanzierungsabkommen mit Madrid — das Cabildo schlägt einen 10-Jahres-Vertrag mit jährlichen Zahlungen von 100 bis 170 Millionen Euro vor.
Präsident Antonio Morales sagt, die Verabschiedung des Staatshaushalts sei „entscheidend“ für die Finanzierung. Die Frage ist nur: Wann kommt dieser Haushalt? Und wenn er kommt — stehen die Kanaren dann wirklich auf der Prioritätenliste?
Die 11 Stationen (Nord nach Süd):
1. Santa Catalina (unterirdisch, Las Palmas)
2. San Telmo (Las Palmas, Meerseite)
3. Hospitales (Klinikviertel)
4. Jínámar
5. Telde
6. Aeropuerto (Flughafen, unterirdisch)
7. Carrizal
8. Arinaga (Industriegebiet)
9. Vecindario (Werkstätten + Kontrollzentrum)
10. Playa del Inglés
11. Meloneras (Endstation Süd)
Der Tren de Gran Canaria hat gestern die wichtigste bürokratische Hürde genommen. Ob das bedeutet, dass irgendwann tatsächlich ein Zug zwischen Las Palmas und Maspalomas fährt, steht auf einem anderen Blatt. Die Inselbewohner haben schon zu viele Ankündigungen gehört. Was sie jetzt brauchen, ist kein weiteres Protokoll — sondern einen Spatenstich.