Wer am Samstagmorgen am Mercadona an der Avenida de Tirajana in Maspalomas an der Kasse steht, sieht die Lage schneller als jede Statistik. Eine Familienfüllung — Marca-blanca-Öl, Brot, Hähnchen, Kanarenbananen, kein Markenartikel — kommt heute auf rund 87 Euro. Vor fünf Jahren waren es 65. Genau diese Differenz beschreibt die Geschichte hinter den kanarischen Wirtschaftszahlen 2026.
Die Inseln sind 2025 um 3,5 Prozent gewachsen, über dem nationalen Schnitt. Fast 18 Millionen Touristen kamen, ein Rekord. Mindestlohn und Tariflöhne sind leicht gestiegen. Die Statistik zeigt nach oben. Und trotzdem leben die Beschäftigten heute mit weniger Kaufkraft als vor der Pandemie. Die Lohntüte wird nominal dicker, das Geld darin reicht für weniger.
Was ein Wocheneinkauf 2026 wirklich kostet
Die spanische Verbraucherorganisation OCU hat im Herbst 2025 die Hauptstädte des Landes nach den Kosten der Einkaufstüte verglichen. Las Palmas de Gran Canaria gehört zu den teuersten Städten Spaniens — die Familieneinkaufstüte kostet dort über 6.240 Euro im Jahr, in San Bartolomé de Tirajana 6.427 Euro, in Adeje 6.126 Euro. Die OCU-Daten finden sich im Bericht "Supermercados más baratos 2025" (OCU-Bericht).
In den letzten fünf Jahren ist die Einkaufstüte auf den Kanaren um rund 32 Prozent teurer geworden. Stark gestiegen: Eier (+30 Prozent), Kaffee (+54 Prozent), Kanarenbanane (+36 Prozent). Frische Lebensmittel allein +8 Prozent in 2025. Eine Familie zahlt heute pro Jahr rund 2.000 Euro mehr für genau dieselbe Tüte als 2021. Das ist mehr als ein Monatslohn vieler Hotelangestellter.
Mieten +40, Löhne −6,8
Eine viel zitierte InfoJobs-Analyse von 2025 hat die Schere quantifiziert: 6,8 Prozent Lohnverlust seit der Pandemie auf den Kanaren — gegenüber einem Mietpreisanstieg von 40,2 Prozent im selben Zeitraum. Der Mercadona-Kassiererin in Maspalomas, die sechs Stunden Bananen über den Scanner zieht, helfen 1.500 Euro Brutto im Monat nicht weiter, wenn die Einzimmerwohnung 900 Euro kostet.
Bei den Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung beziffert die Gewerkschaft CSIF den Kaufkraftverlust seit 2022 auf 5,8 Prozent — und seit den Spar-Massnahmen von 2010 auf mehr als 20 Prozent. Die jüngst zwischen Regierung, UGT und CCOO vereinbarten Lohnerhöhungen — 2,5 Prozent für 2025, 1,5 Prozent für 2026 — laufen der realen Kostensteigerung hinterher.
Was Frahija dazu sagt
Die Generalsekretärin von CCOO Kanaren, Vanesa Frahija, hat das Problem am 21. April auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit UGT-Generalsekretär Manuel Navarro auf den Punkt gebracht. Die beiden Gewerkschaften rufen zur Mai-Demonstration auf unter dem Motto "Derechos, no trincheras. Salarios, vivienda y democracia" — Rechte, keine Schützengräben. Löhne, Wohnen und Demokratie. Frahija zitierte ihren nationalen Generalsekretär Unai Sordo: Niemand sollte mehr als 30 Prozent seines Einkommens für eine würdige Wohnung aufwenden müssen. Die Realität auf den Kanaren liegt für viele Haushalte deutlich darüber.
Im offiziellen CCOO-Inflationsbericht für März 2026 (CCOO Canarias) heisst es nüchtern, dass die jüngste Verteuerung "den Bruch des Erholungsprozesses der Kaufkraft der Arbeitnehmer befürchten lässt". Die Wortwahl "Bruch" ist bemerkenswert — die Gewerkschaft hatte 2024 noch von "stabiler Erholung" gesprochen.
Der zweite Schlag: Verlangsamung
José Cristóbal García, Generalsekretär des kanarischen Unternehmerverbands CCE, weist darauf hin, dass die Flugreservierungen für den Sommer um 4,4 Prozent gefallen sind — beim nordischen Tourismus um 9 Prozent, beim deutschen um 8 Prozent. García sprach im COPE-Interview von "der ersten Veränderung der Tendenz seit der Pandemie". Wenn die Tourismuseinnahmen sinken, kommt der Druck von einer zweiten Seite: weniger Stunden, weniger Trinkgelder, mehr Saisonarbeit.
Was Beschäftigte und Auswanderer praktisch tun können
Die OCU hat im selben Bericht festgestellt, dass eine Familie in Las Palmas allein durch die Wahl des richtigen Supermarkts bis zu 2.000 Euro im Jahr sparen kann. Das ist keine Lohnerhöhung, aber messbares Geld. Wer mit dem Gedanken spielt, auszuwandern, sollte vor der Stellenzusage konkret prüfen: was kostet eine Einzimmerwohnung am gewünschten Wohnort, was kostet ein durchschnittlicher Wocheneinkauf, was bleibt nach Miete, Strom, Internet und Mobilität übrig. Die Tourismus-Hochburgen im Süden Gran Canarias und auf Tenerife haben die schlechteste Lohn-Mietkosten-Bilanz. Im ländlichen Norden Gran Canarias oder in Las Palmas-Stadt sieht es besser aus.
Die Frau am Mercadona hat ihre 87 Euro mit Karte bezahlt. Sie wird nächsten Samstag wiederkommen, mit derselben Liste, und vermutlich 90 Euro bezahlen. Das ist die Inflation, die in der offiziellen Statistik nicht steht. Sie ist aber das, was die Menschen meinen, wenn sie sagen, das Geld reiche nicht mehr.