Fernando Clavijo, Präsident des Gobierno de Canarias, hat am 27. April 2026 in Las Palmas eine über 80-köpfige Delegation aus der marokkanischen Region Souss Massa empfangen (Canarias7), angeführt von Karim Achengli, Präsident des Consejo Regional de Souss Massa. Der Besuch ist die zweite institutionelle Mission innerhalb von drei Monaten — im Januar 2026 hatte eine kanarische Delegation in Agadir zehn Kooperationsabkommen plus ein Memorando de Entendimiento unterzeichnet.

Im Hotel Santa Catalina von Las Palmas trafen Bilateral-Sitzung, Plenarversammlung und B2B-Wirtschaftstreffen aufeinander. Beim Ergebnis fällt eine Asymmetrie auf: Während die Marokkaner mit über 50 Wirtschaftsvertretern, Unternehmern und akademischen Repräsentanten nach Las Palmas reisten, hat Clavijo selbst auf die Frage konkreter Zahlen geantwortet, es sei «noch zu früh, um zu quantifizieren», was die Kooperation wirtschaftlich bringe. Die Lage zeigt: ein politisches Signal ohne Zahlen, eine Strategie ohne harte Erträge — bislang.

Welche zehn Abkommen wurden im Januar 2026 unterzeichnet?

Die zehn Kooperationsabkommen wurden am 26. Januar 2026 in Agadir bei einem ersten Besuch der kanarischen Delegation unterzeichnet. Sie decken folgende Bereiche ab: institutionelle Kooperation, ökonomische Investition, Universität und Forschung, Wissenschaft und Technologie, Gesundheit, Tourismus, Sport, Hafen-Infrastruktur, Logistik und blaue Wirtschaft. Das Memorando de Entendimiento zwischen Gobierno de Canarias und Region Souss Massa verbindet alle zehn Abkommen unter einem strategischen Dach.

Bei der Folge-Mission am 27. April 2026 wurde ein elftes Memorando de Entendimiento unterzeichnet — diesmal zwischen Proexca, der öffentlichen kanarischen Investitionsförderungs-Gesellschaft, und dem Centro Regional de Inversión de Souss Massa. Das Ziel: gegenseitige Investitionen fördern, Unternehmensansiedlungen erleichtern, den «Korridor Agadir–Kanaren» als strategische Wirtschaftsachse positionieren. Pablo Martín Carvajal, Geschäftsführer von Proexca, hat das Abkommen mit der marokkanischen Seite abgeschlossen.

Ein zwölftes Abkommen wurde zwischen dem Instituto Tecnológico de Canarias und der marokkanischen Universidad Ibn Zohr unterzeichnet, mit Fokus auf gemeinsame angewandte Forschung und Wissenstransfer. Im Detail werden auch Studierenden-Austausch und Forschungs-Projekte zwischen den zwei kanarischen öffentlichen Universitäten und marokkanischen Hochschulen geplant.

Was steckt hinter der Schiffsverbindung Las Palmas–Agadir?

Beatriz Calzada, Präsidentin der Autoridad Portuaria de Las Palmas, hat im Plenum am 27. April 2026 angekündigt, eine reguläre Schiffsverbindung Agadir–Las Palmas zu prüfen — «valorar», in den Worten der Behörde. Konkret heisst das: eine Bewertung von Routen-Modell, Reederei-Optionen und Wirtschaftlichkeit, ohne finanziellen Vorabversatz der Hafenbehörde.

Die Idee einer Direktverbindung Agadir–Las Palmas ist nicht neu. Wie das maritime Fachportal Canary Maritime in seiner kritischen Analyse zur 27.-April-Mission feststellt, wird über «dasselbe gesprochen, worüber schon in den 1990ern gesprochen wurde». Eine reguläre Linie kam damals nicht zustande, weil die Frachtvolumen die Investition nicht trugen.

2026 ist die Lage anders: Marokko hat im April 2026 die grösste Mission einer marokkanischen Delegation (Gobierno de Canarias) auf den Kanaren überhaupt entsandt. Die Wirtschaftsdaten beider Regionen — insbesondere die Agroindustrie und der Tourismus von Souss Massa — sind dynamischer als vor 30 Jahren.

Die Hafenbehörde Las Palmas positioniert sich unter dem Slogan «The Atlantic Hub for Global Trade». In den Wochen vor dem Souss-Massa-Besuch hatte Beatriz Calzada bereits über 30 Hafenvertreter aus Lateinamerika empfangen. Las Palmas will sich als Drehscheibe zwischen Europa, Afrika und Lateinamerika etablieren — Souss Massa ist dabei der Süd-Anker.

Welche Wirtschaftssektoren werden konkret angesprochen?

Die B2B-Treffen am Nachmittag des 27. April 2026 verteilten sich auf fünf Sektoren: Agroindustrie, maritime Industrie, Energie, Logistik, Wassermanagement, Gesundheit, Tourismus. Die Konfederación Canaria de Empresarios unter Pedro Ortega war auf der kanarischen Seite, die Confederación de Empresarios de Souss Massa unter Driss Boutti und die Cámara de Comercio de Souss Massa unter Said Dor auf der marokkanischen Seite.

Der Tourismus-Sektor wird besonders fokussiert. Jéssica de León, Consejera für Tourismus und Beschäftigung im Gobierno de Canarias, hat den Plan Estratégico Canarias Destino 2025-2027 vorgestellt, mit Schwerpunkten Daten-Management, Digitalisierung und Hoteles Escuela als Ausbildungsmodell für die Branche. Souss Massa ist seinerseits eine wachsende Tourismus-Destination — Agadir hat sein eigenes Investitionsprogramm zur Modernisierung von Hotels und Strand-Infrastruktur.

Der Sport-Sektor läuft im Vorfeld der Fussball-WM 2030, die Spanien, Marokko und Portugal gemeinsam austragen. Eine Delegation aus Souss Massa besuchte am Nachmittag des 27. April das Estadio de Gran Canaria, um Kooperation in Infrastruktur, Trainerausbildung, Frauenfussball und Sport-Management zu diskutieren. Antonio Morales, Cabildo-Präsident von Gran Canaria, hat das Estadio mit ausgegeben — bei aller politischer Differenz mit Clavijo.

Wo steckt die politische Spannung?

Antonio Morales, Cabildo-Präsident von Gran Canaria und Vorsitzender der Partei Nueva Canarias, hat im Januar 2026 Clavijos Reise nach Agadir öffentlich kritisiert. Die Hauptpunkte: die Westsahara-Frage und die Frage nach konkreten Zahlen für die Kanaren-Wirtschaft. Marokko betrachtet die Westsahara als marokkanisches Territorium; Spanien hat sich 2022 unter Pedro Sánchez der marokkanischen Position angenähert. Die Vereinten Nationen behandeln die Westsahara nach wie vor als nicht-selbstverwaltetes Territorium.

Clavijo hat am 27. April auf entsprechende Fragen geantwortet, er «teile und respektiere» die Position des spanischen Staats, die «auf einer Resolution der Vereinten Nationen basiert». Dem Vorwurf der Wirtschafts-Abstraktion hält er entgegen, ein «Protektionismus», ein «Sich-Verstecken oder Sich-Isolieren von der Welt» sei «falsch». Wer Globalisierung wolle — und die Kanaren brauchen sie — müsse Brücken bauen, nicht abbrechen.

Die Kritik aus der maritimen Fachpresse fasst die Lage trockener: «das wesentliche Exportprodukt dieser Gipfel ist offizielles Papier und Protokoll-Diäten», schreibt Canary Maritime über die fehlenden konkreten Zahlen. Die Schwäche der Kanaren-Marokko-Achse ist nicht das politische Signal, sondern die Lücke zwischen Signal und nachweisbarer Wirtschaftsleistung.

Was bedeutet die Achse strategisch?

Clavijo positioniert die Kanaren als «atlantische Plattform zwischen Europa und Afrika». Souss Massa wird als «prioritäre Region» in der Estrategia Canarias-África eingeordnet. Die Logik: die Kanaren liegen näher zu Westafrika als zu Madrid, ihre wirtschaftliche Zukunft hängt daran, ob sie die Brücken-Funktion ausspielen oder nicht. Die spanische Zentralregierung unter Pedro Sánchez unterstützt diese Linie, weil sie Spanien als Vermittler zwischen EU und Westafrika positioniert.

Die marokkanische Seite hat zugleich eigenes Interesse: Souss Massa bringt sich als bevorzugter wirtschaftlicher Partner der EU ins Spiel, mit Agadir als Drehscheibe für Agroindustrie und Tourismus. Das politische Signal ist gegenseitig — beide Seiten wollen sich als wirtschaftspolitisch aktiv präsentieren, beide haben hohe Kosten in Geld und Aufmerksamkeit für diese Mission aufgewendet.

Die Folge-Schritte: technische Kommissionen sind eingerichtet, eine Mesa Técnica überwacht die Umsetzung der zehn Abkommen. Die nächste grosse Etappe ist eine Bewertung Ende 2026 — bis dahin müssen messbare Resultate her. Wenn nicht, bleibt es das, was Canary Maritime «rauchige Liturgie der nachbarschaftlichen Kooperation» nennt.