Vor ein paar Wochen stand ich morgens am Strand von Maspalomas, 25 Grad, klare Sicht, leichter Wind. Eine Stunde später war ich oben in Tejeda, 10 Grad, Nebel zog durch die Pinien, und die Wanderer im Café trugen Daunenwesten. Dazwischen liegen 50 Kilometer Strasse und etwa 1.500 Höhenmeter. Wer auf Gran Canaria lebt, gewöhnt sich daran. Wer zu Besuch kommt, ist meistens ratlos.
Genau deshalb funktioniert hier die Erzählung vom "Inselchen des ewigen Frühlings" nur halb. Die Insel hat tatsächlich 2.700 Sonnenstunden pro Jahr im Süden. Sie hat aber auch Atlantikstürme, Saharastaub, Wolkendecken über Las Palmas und manchmal Schnee auf dem Pico de las Nieves. Wer das nicht weiss, plant entweder die falschen Schuhe ein oder erlebt böse Überraschungen.
Der Miniatur-Kontinent
Gran Canaria misst 1.560 Quadratkilometer. Das ist weniger als das Saarland. In dieser Fläche sind mindestens vierzehn unterschiedliche Mikroklimazonen dokumentiert — Wüste im Süden, Lorbeerwald in der Höhe, mediterrane Zonen im Westen. Der Grund ist die Geografie: Im Zentrum erhebt sich die Insel auf 1.949 Meter (Pico de las Nieves) und bildet damit eine Mauer mitten im Atlantik.
Die Passatwinde, los alisios, kommen konstant aus Nordost. Sie tragen feuchte Luft an die Berge, dort steigt sie auf, kühlt ab, kondensiert. Daraus entsteht das mar de nubes — das Wolkenmeer, das die Nordseite in Grün taucht. Der Süden, also Maspalomas, Playa del Inglés und Meloneras, liegt im Windschatten dieser Berge. Hier fällt mancherorts unter 100 Millimeter Regen pro Jahr. Im Inneren können es über 800 sein.
Das ist der Grund, warum dieselbe Insel in der Werbebroschüre wie eine Sahara-Erweiterung aussieht und auf einer Wanderkarte wie ein subtropisches Bergland wirkt. Beides stimmt.
Was 300 Sonnentage wirklich bedeuten
Die Tourismusbranche hat eine Lieblingszahl: über 300 Sonnentage pro Jahr im Süden. Stimmt. Und ist trotzdem unvollständig.
Maspalomas und Playa del Inglés gehören tatsächlich zu den trockensten und sonnigsten Orten Europas. Die Tagestemperatur liegt das ganze Jahr über zwischen 20 und 28 Grad. Im Januar mit 21 Grad tagsüber, im Juli mit 28. Die Wassertemperatur schwankt zwischen 18 Grad im Februar und 23 Grad im Oktober. Wintergäste brauchen tagsüber eine Sonnenbrille und nachts einen Pullover, mehr nicht.
Was die Broschüren weglassen: Zwischen November und März können mehrtägige Regenphasen kommen. Selten, aber wenn sie kommen, dann ordentlich. Der Wind zwischen San Agustín und dem Flughafen bläst im Sommer fast permanent — Windsurfer lieben das, Strandlieger nicht. Und die Nächte im Winter sind kühler als viele erwarten. 14 Grad fühlen sich auf einer Atlantik-Terrasse anders an als in einem Hotelzimmer in Mitteleuropa.
Calima — wenn die Sahara zu Besuch kommt
Die spektakulärste Wettererscheinung hier ist die Calima. Heisse, trockene Winde tragen feinen Sand und Staub aus der Sahara über den Atlantik — die afrikanische Küste liegt nur 200 Kilometer entfernt. Der Himmel färbt sich orange-rot. Die Sicht sinkt auf unter drei Kilometer. Die Temperaturen können binnen Stunden um zehn Grad steigen.
Eine Calima dauert typisch drei bis fünf Tage. Sie kann jederzeit kommen, häufiger aber im Winter und Frühling, wenn die Passatwinde schwächer sind. Die Supercalima im Februar 2020 hat alle acht kanarischen Flughäfen lahmgelegt, 120.000 Passagiere betroffen und den Karneval gekippt. Im September 2025 erreichten die Temperaturen bei einer Calima 38 Grad — die AEMET, der spanische Wetterdienst, hat damals Rote Warnung ausgegeben.
Die gesundheitlichen Folgen sind nicht zu unterschätzen. Studien der Universität Las Palmas zeigen einen Anstieg der Krankenhauseinweisungen wegen Atemwegserkrankungen um 23 Prozent während Calima-Tagen. Wer Asthma oder eine Lungenerkrankung hat, sollte FFP2-Maske tragen und Fenster schliessen. Für Gesunde gilt: viel Wasser, Mittagshitze meiden, und sich nicht wundern, wenn das Auto am nächsten Morgen unter einer feinen rotbraunen Schicht steht. Die Calima zieht weiter, und meistens ist die Luft danach klarer als vorher.
Borrascas — der Atlantik wird laut
Die Borrasca Therese im März 2026 hat die Insel daran erinnert, dass wir mitten im Atlantik liegen, nicht im Mittelmeer. Zwischen Oktober und März können atlantische Tiefdruckgebiete die Kanaren treffen. Sie bringen Starkregen, Sturmböen bis 120 km/h und Wellen über fünf Meter. Die Saison 2025/2026 mit 19 benannten Borrascas war ein Rekord seit Einführung des Benennungssystems 2017.
Was passiert, wenn eine Borrasca durchzieht: Die Barrancos — die normalerweise trockenen Schluchten — füllen sich in Minuten mit reissendem Wasser. Strassen werden gesperrt. Strände abgeriegelt. Schulen geschlossen. Bei Therese mussten 3.000 Menschen evakuiert werden, das Militär war im Einsatz, die Talsperre Ayagaures lief über. Der Karneval von Maspalomas wurde zweimal verschoben — was die Cabalgata schliesslich auf den 28. März verlegte.
Wer in einer Sturmwarnung hier ist: Nicht in Barrancos wandern, Strände meiden, Mietwagen unten stehen lassen statt in den Bergen. Die AEMET kündigt Borrascas Tage im Voraus an — Gelb, Orange, Rot. Die App heisst "AEMET" und ist kostenlos. Wer hier lebt, hat sie auf dem Handy.
Die gute Nachricht: Borrascas sind selten. Fast nur im Winter. Und der Süden trifft es fast immer milder als den Norden.
Panza de Burro — der Eselbauch
Im Sommer hängt regelmässig eine graue Wolkendecke über der Nordküste und über Las Palmas. Die Einheimischen nennen das liebevoll Panza de Burro, Eselbauch. Das Phänomen entsteht durch das Azorenhoch, das feuchte Passatwinde gegen die Berge drückt. Die Wolken bleiben hängen — auf der Nordseite. Der Süden bleibt sonnig.
Für Touristen im Süden ist das egal. Wer aber einen Tagesausflug nach Las Palmas plant, sollte wissen: Jacke einpacken. Der Temperaturunterschied zwischen Maspalomas und Las Palmas kann im Sommer acht bis zehn Grad betragen. Ich habe Freunde aus Zürich, die im August in Maspalomas im Bikini waren und drei Stunden später in Las Palmas in einer Strickjacke. Sie waren nicht amüsiert.
Die anderen Inseln
Sieben Inseln, ein Atlantik, dieselben Passatwinde — und trotzdem hat jede Insel ihr eigenes Klima. Höhe, Grösse und Ausrichtung machen den Unterschied. Wer das versteht, versteht auch, warum der Süden Gran Canarias eine Sonderstellung hat.
Teneriffa hat als einzige Insel ein echtes Hochgebirge. Der Teide misst 3.718 Meter und erzeugt die extremste Klimatrennung im Archipel. Im Norden, rund um Puerto de la Cruz und das Orotava-Tal, fällt doppelt so viel Regen wie im Norden Gran Canarias — die Vegetation ist üppiger, die Temperaturen kühler. Der Süden um Los Cristianos ist fast identisch mit Maspalomas: trocken, sonnig, windgeschützt. Über 2.000 Meter herrscht alpines Klima, im Winter fällt Schnee.
Fuerteventura und Lanzarote sind die flachen Inseln. Ohne hohe Berge gibt es keine Wolkenstaus, keine Nebelwälder, kein Grün. Fuerteventura bekommt stellenweise unter 60 Millimeter Regen im Jahr — das ist technisch eine Wüste. Dafür endlose Strände, konstanter Wind, stabile Temperaturen das ganze Jahr. Lanzarote zeigt mit seiner Vulkanlandschaft, was passiert wenn Wasser fehlt — und hat das mit César Manriques Architektur zu einem Markenzeichen gemacht.
La Palma, La Gomera und El Hierro sind das Gegenteil. Grüner, feuchter, kühler. La Palma fängt mit der Caldera de Taburiente so viel Feuchtigkeit aus den Passatwinden, dass dichte Lorbeerwälder wachsen — laurisilva, Reliktvegetation aus dem Tertiär, die es sonst in Europa nicht mehr gibt. La Gomera überrascht mit subtropischen Tälern und dem Garajonay-Nationalpark, UNESCO-Welterbe. El Hierro, die kleinste Insel, ist seit 2014 zu hundert Prozent energieautark durch Wind und Wasserkraft. Ein Experiment, das international beachtet wird.
Was bedeutet das praktisch? Wer Strand und Sonnengarantie sucht, ist im Süden Gran Canarias oder Teneriffas am besten aufgehoben. Wer Wandern und Natur will, fährt nach La Palma oder La Gomera. Wer Wind und endlose Strände liebt, nach Fuerteventura. Die Kanaren sind nicht ein Reiseziel. Sie sind sieben.
Wasser ist hier nicht selbstverständlich
Was die meisten Besucher nicht wissen: Gran Canaria hat praktisch keine natürlichen Süsswasserquellen, die den Bedarf decken. Etwa 60 Prozent des Trinkwassers wird aus entsalztem Meerwasser gewonnen — die Insel ist einer der grössten Produzenten weltweit. In den Bergen stehen über 60 Stauseen. Viele sind nach trockenen Wintern fast leer.
Das ist kein abstraktes Problem. Es beeinflusst die Landwirtschaft, die Hotelpreise und die politische Debatte über Tourismus-Obergrenzen. Der Klimawandel verschärft die Lage: Regenmengen werden unberechenbarer, Borrascas heftiger aber kürzer, Dürreperioden länger.
Was die Forschung erwartet
Wissenschaftler der Universidad de Las Palmas und der AEMET dokumentieren klare Trends. Die Meerestemperatur um die Kanaren steigt seit Jahrzehnten messbar. Calima-Episoden werden häufiger und intensiver. Der Winter 2023/2024 war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen.
Was das für Reisende heisst: Das Grundklima bleibt hervorragend. Gran Canaria wird nicht plötzlich ungemütlich. Aber die Wahrscheinlichkeit, in einer Urlaubswoche eine Calima oder einen Regentag zu erwischen, steigt leicht. Flexibilität bei der Reiseplanung wird wichtiger. Und die Insel reagiert: Der Anteil erneuerbarer Energien lag 2025 bei 26 Prozent, das Pumpspeicherwerk Salto de Chira mit 320 Millionen Euro Investitionsvolumen soll die Energiewende beschleunigen.
Wann ist die beste Reisezeit?
Es gibt keine schlechte. Aber es gibt Unterschiede.
Oktober bis Dezember sind meine persönliche Lieblingszeit — warmes Wasser zwischen 22 und 23 Grad, wenig Wind, moderate Preise, die Insel atmet noch nach dem Sommer. Januar und Februar sind die kühlsten Monate, gelegentlich Regen, gelegentlich Calima — aber dann Karneval, und das macht alles wett. März bis Mai sind ideal, wenn man Wandern will: stabil warm, blühende Landschaft, weniger Touristen. Juni bis September ist Hochsaison, höchste Temperaturen, und an der Südostküste pfeift der Wind.
Was wirklich vermieden werden sollte? Eigentlich nichts. Aber wer empfindlich auf Hitze oder Wind reagiert, lohnt es sich, die AEMET-Warnungen vor Anreise zu prüfen. Eine Calima Ankündigung lässt sich gut umfahren, wenn man flexibel ist.
Die Insel funktioniert das ganze Jahr. Aber sie wechselt das Gesicht je nach Monat, je nach Tag, manchmal je nach Stunde. Wer das mitnimmt, wird sich schneller wundern, dass jemand anderes davon überrascht ist.
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