Die Zahlen auf einen Blick Anträge Kanaren 2025: 108 Pflegekräfte beantragten das «certificado de buena conducta» für die Arbeit im Ausland
Rang: fünfthöchster Wert Spaniens (hinter Katalonien 271, Madrid 225, Valencia 217, Andalusien 149)
Landesweit: 1.356 Anträge (2024: 1.134) — ein Plus von rund 20 Prozent
Hauptziele: Norwegen, USA, Schweiz, Irland
Personalschlüssel Kanaren: 7,71 Pflegekräfte je 1.000 Einwohner — dritthöchster Wert Spaniens
Vergleich: Spanien 6,45 · EU-Schnitt 8,12 · Spanien fehlen rund 100.000 Pflegekräfte
Quellen: Consejo General de Enfermería («Informe de ratios 2025», 1.7.2026), SATSE Kanaren, Canarias7, Diario de Avisos, COPE

Es ist eine Zahl, die auf den ersten Blick nach Alarm klingt: 108 Pflegekräfte von den Kanaren haben 2025 die Bescheinigung beantragt, die viele Länder verlangen, bevor sie ausländisches Gesundheitspersonal einstellen. Das sogenannte «certificado de buena conducta» gilt inzwischen als Gradmesser dafür, wie viele spanische Pflegekräfte den Absprung planen.

Landesweit stellten 1.356 Menschen diesen Antrag, gut 20 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Kanaren liegen damit auf Platz fünf aller Regionen.

Die bevorzugten Ziele: Norwegen, die USA, die Schweiz und Irland.

Das Paradox: gut ausgestattet, trotzdem auf dem Sprung

Doch die Geschichte, die sich hinter der Zahl verbirgt, ist eine andere als erwartet. Denn die Kanaren leiden nicht unter einem zahlenmässigen Pflegemangel — jedenfalls nicht im spanischen Vergleich.

Laut dem «Informe de ratios 2025» des Consejo General de Enfermería, der spanischen Pflegekammer, kommen auf den Inseln 7,71 Pflegekräfte auf 1.000 Einwohner. Das ist der dritthöchste Wert des Landes, klar über dem nationalen Schnitt von 6,45.

Nur Navarra (8,97) und das Baskenland (8,21) stehen besser da.

Der europäische Durchschnitt liegt allerdings bei 8,12. Um dorthin zu gelangen, fehlen Spanien nach Berechnungen der Kammer rund 100.000 Pflegekräfte.

Die Kanaren stehen im Inland also gut da, im europäischen Vergleich aber weiterhin unter dem Mittel.

Wenn die Personaldecke relativ dicht ist und die Leute trotzdem gehen wollen, dann liegt das Problem nicht bei den Stellenzahlen. Es liegt bei den Bedingungen.

Was die Gewerkschaft beklagt

Yoel Hernández, Generalsekretär der Pflegegewerkschaft SATSE auf den Kanaren, nannte die Lage in einem Radiointerview «besorgniserregend». Er warnt zugleich davor, die 108 Anträge isoliert zu lesen: Man müsse sie ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Pflegekräfte im Archipel setzen — dann habe das Problem «eine etwas grössere Dimension».

Das ist eine Gewerkschaftsposition, aber methodisch nachvollziehbar.

Konkret nennt SATSE mehrere Punkte. Erstens die Befristung: Verträge über Tage oder Wochen, kaum Zugang zu festen Stellen.

Zweitens die Vergütung von Bereitschafts- und Nachtdiensten, die laut Hernández bei etwa vier Euro pro Stunde liegt.

Drittens ein Punkt, der besonders schwer wiegt: Die Kanaren seien die einzige Region Spaniens, die Pflegekräften ihre Fachweiterbildung nicht vergüte. Wer sich spezialisiert, absolviert sechs Jahre Ausbildung — vier Jahre Studium, zwei Jahre Spezialisierung.

Entsprechende Stellen und Zulagen gebe es nicht. Man könne, so Hernández sinngemäss, nicht Fachpflegekräfte einsetzen wollen, ohne etwas dafür zu zahlen.

Hinzu kommen Schichten von bis zu 24 Stunden — Hernández betont, dass diese Belastung nicht nur Ärztinnen und Ärzte trifft — sowie die insel-spezifischen Faktoren: doppelte Insellage, einer der teuersten Warenkörbe Spaniens, die Wohnungs- und Mobilitätskrise.

Die Position der Pflegekammer

Auch der Präsident der spanischen Pflegekammer, Florentino Pérez Raya, führt die Abwanderung auf Prekarität zurück. Es sei dramatisch, dass spanische Universitäten jährlich Tausende Pflegekräfte mit einer der besten Ausbildungen der Welt hervorbrächten, die dann wegen schlechter Bedingungen und Arbeitsüberlastung ins Ausland gingen.

Die Kammer fordert vom Gesundheitsministerium und den Regionen stabile Verträge, ein Ende der Kettenbefristung und die Anerkennung der Fachqualifikationen.

Was die Verwaltung anführt

Die Consejería de Sanidad der kanarischen Regierung verweist auf Verbesserungen der jüngeren Zeit. Im Juni 2025 führte der Servicio Canario de Salud (SCS) die fünfte Stufe der Berufslaufbahn ein — auch für befristetes und Vertretungspersonal.

Damit wurden die Kanaren nach Andalusien die zweite Region Spaniens mit fünf Laufbahnstufen.

Im März 2026 zahlte der SCS die variable Produktivitätszulage in voller Höhe an die gesamte Belegschaft aus. Seit 2024 stehen sieben Tage zur freien Verfügung zur Verfügung.

Für 2026 sind über 1.500 neue Stellen ausgeschrieben, ein grosser Teil davon in der Pflege. Dazu kommt ein Insularitätszuschlag zwischen etwa 150 und 220 Euro monatlich, je nach Insel, sowie der steuerliche Vorteil des IGIC gegenüber der Mehrwertsteuer auf dem Festland.

Diese Massnahmen entkräften die Kritik nicht — sie zeigen aber, dass die Debatte in Bewegung ist. Zu den zentralen Vorwürfen der Gewerkschaft, insbesondere zur fehlenden Vergütung der Fachweiterbildung und zum Stundensatz für Nachtdienste, lag zum Redaktionsschluss keine öffentliche Stellungnahme des SCS vor.

Einordnung Die 108 Anträge belegen die Absicht, im Ausland zu arbeiten — nicht, dass alle Betroffenen die Inseln tatsächlich verlassen haben. Die Zahlen stammen von der Pflegekammer (CGE), die Einschätzungen zu Ursachen von der Gewerkschaft SATSE; beides sind Interessenvertretungen der Beschäftigten und als solche zu lesen. Die Angaben der Consejería de Sanidad stammen aus offiziellen Mitteilungen. Ein vollständiges Bild ergibt sich erst, wenn beide Seiten gehört werden.

Warum das die Leser hier betrifft

Für Residenten, Auswanderer und Urlauber auf den Kanaren ist das keine abstrakte Personalfrage. Wer hier lebt, ist im Servicio Canario de Salud versichert und trifft im Krankenhaus oder im Centro de Salud genau auf diese Menschen.

Und die Richtung der Bewegung hat für deutschsprachige Leserinnen und Leser eine besondere Note: Kanarische Pflegekräfte wandern unter anderem in die Schweiz ab — also dorthin, woher viele Residenten auf den Inseln kommen. Der europäische Arbeitsmarkt für Gesundheitspersonal ist längst ein Wettbewerb, und die Kanaren stehen darin nicht am günstigsten Ende.

Was ist das «certificado de buena conducta»? Eine Bescheinigung, die viele Länder von ausländischem Gesundheitspersonal verlangen, bevor sie es einstellen. Sie bestätigt unter anderem, dass keine berufsrechtlichen Sanktionen vorliegen. Weil sie gezielt für die Arbeit im Ausland beantragt wird, gilt die Zahl der Anträge als Frühindikator für Abwanderung — auch wenn nicht jeder Antrag zu einem Umzug führt.

Häufige Fragen

Wie viele Pflegekräfte wollen die Kanaren verlassen?
108 beantragten 2025 die für eine Arbeit im Ausland nötige Bescheinigung. Das ist der fünfthöchste Wert unter Spaniens Regionen; landesweit waren es 1.356 Anträge, rund 20 Prozent mehr als 2024.
Haben die Kanaren zu wenige Pflegekräfte?
Im spanischen Vergleich nicht: Mit 7,71 Pflegekräften je 1.000 Einwohner liegen sie auf Platz drei, über dem nationalen Schnitt von 6,45. Der EU-Durchschnitt von 8,12 wird allerdings nicht erreicht.
Was sind die Hauptgründe für die Abwanderung?
Laut der Gewerkschaft SATSE vor allem Befristung, rund vier Euro Stundenlohn für Nacht- und Bereitschaftsdienste, fehlende Vergütung der Fachweiterbildung sowie hohe Lebenshaltungskosten und die Wohnungskrise auf den Inseln.
Wohin gehen die Pflegekräfte?
Die Hauptziele spanischer Pflegekräfte sind Norwegen, die USA, die Schweiz und Irland.
Was tut die kanarische Regierung?
Der SCS verweist unter anderem auf die fünfte Laufbahnstufe (seit Juni 2025, auch für befristetes Personal), die volle Produktivitätszulage im März 2026, sieben freie Tage jährlich, über 1.500 neue Stellen für 2026 und den Insularitätszuschlag.

Stand 10.07.2026. Quellen: «Informe de ratios 2025» des Consejo General de Enfermería (veröffentlicht am 1. Juli 2026), Angaben des CGE zu den Anträgen 2025 (8. Juli 2026), Interview mit Yoel Hernández (SATSE Kanaren) bei COPE Tenerife, Berichterstattung von Canarias7, Diario de Avisos und ConSalud sowie Mitteilungen der Consejería de Sanidad des Gobierno de Canarias. Die Zahl der Anträge belegt die Absicht zur Arbeit im Ausland, nicht die tatsächliche Auswanderung.