Kapitel 1

Warum Gran Canaria zum Wandern gehört

Gran Canaria ist die drittgrösste Kanareninsel, aber die mit dem höchsten Wanderwege-Anteil pro Quadratkilometer. Über 300 Kilometer markierte Pfade, mehrheitlich auf alten Caminos Reales — den Königswegen, die seit dem Mittelalter Berg- und Küstendörfer verbanden, bevor die Strassen kamen. Die Pfade sind Trockensteinmauerwerk auf Trockensteinmauerwerk, manche über 500 Jahre alt und so gut gebaut, dass sie heute noch tragen.

Die Insel ist gleichzeitig UNESCO-Biosphärenreservat (47 % der Fläche) und seit 2019 UNESCO-Welterbe «Risco Caído und die Heiligen Berge», ein Schutzstatus, der genau die Region rund um Roque Nublo umfasst. Wer hier wandert, läuft durch geschützte Landschaft mit Kanarenkiefern, Tabaibal-Cardonal-Buschland und in höheren Lagen sogar noch Reste subtropischer Laurisilva.

Die Höhenstaffelung macht den Unterschied: Maspalomas ist auf Meereshöhe, Pico de las Nieves erreicht 1.949 m. Auf 30 Kilometern Luftlinie zwischen Süd-Strand und Insel-Gipfel überquert man drei Klimazonen. Das ist der Grund, warum die Insel auch im August wandertauglich bleibt — wenn man früh genug aufbricht und in die Höhe geht.

Kapitel 2

Roque Nublo — die Schritt-für-Schritt-Anleitung

Roque Nublo ist Gran Canarias Wahrzeichen. Ein 80 Meter hoher Vulkanmonolith, vor 4,5 Millionen Jahren bei einer Explosion entstanden, auf 1.813 Meter Höhe. Davor war er das Heiligtum der Guanchen, den Ureinwohnern. Der kürzeste Trail (S-70) ist 1,5 Kilometer ab Goleta-Parkplatz, etwa 150 Höhenmeter, in einer guten Stunde hin und zurück. Aber die Anreise ist seit Februar 2025 anders, als die meisten Online-Reiseführer noch beschreiben.

Der alte Parkplatz an der Degollada de La Goleta direkt am Trailbeginn ist permanent geschlossen. Der Cabildo de Gran Canaria hat ihn zurückgebaut, um die Schäden durch jährlich über 300.000 Wanderer einzudämmen. Wer mit Auto kommt, parkt heute an einem von zwei zentralen Punkten:

Cruz de Los Llanos ist die nächste Option (5 km vom Trail, an der Kreuzung von GC-600 und GC-150 oberhalb von Ayacata). Vom Parkplatz aus entweder zu Fuss zum Trailbeginn (3,7 km, ca. 1 Stunde, sanfter Anstieg durch Kiefernwald) oder mit dem Shuttle Linie 18 in 10 Minuten für 1,40 €.

Tejeda Ortskern (15 km vom Trail) ist die zweite Option. Mehr Parkplätze, dafür längere Shuttle-Fahrt (ca. 30 Min). Sinnvoll, wenn man Tejeda als Tagesziel mit Mandel-Süssigkeiten-Probieren ohnehin auf der Liste hat.

Wildes Parken an der GC-600 entlang der Strecke ist mit Schildern und Bodenmarkierungen verboten. Die Guardia Civil kontrolliert systematisch. Bussgeld 150–600 €, je nach Schwere.

Roque Nublo Gran Canaria

Roque Nublo, 80-Meter-Vulkanmonolith auf 1.813 Metern, Wahrzeichen der Cumbres. Foto: Paloma Montoto / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 ES).

Kapitel 3

Reservierung und Shuttle Linie 18

Seit dem 3. Februar 2025 ist der Roque-Nublo-Trail während der Hauptöffnungszeit reservierungspflichtig. Die Reservierung ist kostenlos, wird über reservasroquenublo.com getätigt, und jeder Wanderer kann bis zu fünf Genehmigungen beantragen (für Begleitpersonen).

Wann gilt die Reservierungspflicht: 9:00 bis 17:00 Uhr. Aussen rum (vor 9 oder nach 17 Uhr) ist freier Zugang, vorbehaltlich Kapazität. Wer also Sonnenaufgang erleben will, kann ohne Reservierung früh starten — muss aber rechtzeitig vor 9 Uhr durchgegangen sein (Goleta liegt 5 km von Cruz de Los Llanos entfernt).

Wie funktioniert das System: Datum auswählen, Zeitslot (1 Stunde), Anzahl Personen. Nach Buchung kommt ein QR-Code per Mail. Der wird am Eingang Degollada de La Goleta gescannt. Maximal 60 Personen pro Stunde. Falls man nicht erscheint, gibt es eine Sperre von einem Monat für weitere Buchungen.

Shuttle Linie 18: Global betreibt einen Rundkurs mit fünf neuen Hybrid-Bussen (je 80 Personen Kapazität). Der Bus stoppt bei Tejeda, Cruz de Tejeda, Degollada de Becerra, Cruz de Los Llanos, Degollada de Goleta (Trailbeginn!), Ayacata, zurück nach Tejeda. Frequenz alle 30 Minuten 9:30–18:00. Standard-Ticket-Preis 1,40 € pro Fahrt von Cruz de Los Llanos.

Direkt aus dem Süden: Linie 18 fährt vom Faro de Maspalomas drei Mal täglich direkt zum Roque-Nublo-Trailbeginn (über Campo Internacional und San Fernando). Abfahrten Faro de Maspalomas: 8:00, 9:00, 15:00. Rückfahrten Goleta: 11:00, 13:30, 18:00. Preis 6 € pro Person. Der praktische Tipp: Wer ohne Mietwagen reist, nimmt diesen direkten Bus.

Kapitel 4

Pico de las Nieves und Cruz de Tejeda

Direkt nach dem Roque Nublo lohnt sich der Stop am Pico de las Nieves — mit 1.949 m der höchste Punkt Gran Canarias. Anders als am Roque Nublo führt eine asphaltierte Strasse direkt zum Aussichtspunkt, Parkplatz vor Ort, kein Wandern erforderlich. An klaren Tagen sieht man von hier den Teide auf Tenerife (3.718 m) als perfektes Dreieck am Horizont. Wer hochaktiv ist, kann von hier den S-72 Richtung Roque Nublo absteigen (ca. 6 km, 2,5 Stunden, mittel).

Cruz de Tejeda (1.514 m) ist die historische Kreuzung der Inselwege. Hier treffen sich Caminos Reales aus allen Himmelsrichtungen. Vom kleinen Parador-Hotel aus starten mehrere klassische Routen: Loop nach Tejeda über Camino del Sao (5 km, 2 Stunden, leicht), Aufstieg zum Roque Nublo (10 km hin und zurück, anspruchsvoll), Weiterweg auf GR131 Richtung Tamadaba.

Direkt unterhalb von Cruz de Tejeda liegt auch der Trail zu den Cuevas del Caballero — alten Höhlenwohnungen mit Felszeichnungen, die zur UNESCO-Welterbe-Zone gehören. 3 km Wanderung, leicht, lohnend kombiniert mit dem Roque-Nublo-Trail oder als alleine Tageswanderung.

Panorama Pico de las Nieves Gran Canaria

Panorama vom Pico de las Nieves auf 1.949 Metern, im Hintergrund der Teide auf Tenerife. Foto: Victor R. Ruiz / Wikimedia Commons (CC BY 2.0).

Kapitel 5

GR131 und Camino de Santiago

Wer nicht nur Tageswanderungen, sondern echtes Trekking will: GR131 oder der parallele Camino de Santiago de Gran Canaria. Beide kreuzen die Insel von Süden nach Norden, beide starten am Faro de Maspalomas. GR131 endet im Hafen Agaete, Camino de Santiago in Galdar. Die beiden Wege überlappen sich auf den ersten zwei Etappen.

GR131 ist 74–90 Kilometer lang (je nach Quelle), Teil des europäischen Fernwanderwegs E7, der von Ungarn bis Portugal führt. Empfohlene Etappierung in 3–5 Tagen:

Etappe 1: Faro de Maspalomas → Ayagaures (18 km, 6 Std). Stadt-Auslauf, kein Schatten, viele wählen Taxi für die ersten 10 km.

Etappe 2: Ayagaures → Tunte / San Bartolomé de Tirajana (15 km). Hier beginnt der eigentliche Bergauf-Camino, durch Barranco de Fataga über Arteara (mit aboriginer Nekropolis).

Etappe 3: Tunte → Cruz de Tejeda (16 km). Die berühmte Etappe — über Cruz Grande (1.215 m), Paso de La Plata, Ventana del Nublo, Degollada de los Hornos (1.719 m, höchster Punkt). Wer den Roque-Nublo-Trail dazunehmen will, muss vorher reservieren.

Etappe 4: Cruz de Tejeda → El Hornillo / Tamadaba (16 km). Drei Stauseen (Soria, Las Niñas, Chira) entlang des Weges.

Etappe 5: El Hornillo → Agaete (12 km). Steil abwärts durch Barranco de Agaete, Kaffeeplantagen, dann das Hafenörtchen Puerto de Las Nieves mit Atlantik-Pool zum Füsse-Baden.

Camino de Santiago de Gran Canaria ist mit 66–67 km kürzer, endet in Gáldar an der Kirche Santiago de Los Caballeros, wo seit 1481 die erste Messe für den Heiligen Jakob auf den Kanaren gefeiert wird. Pilgerpass am Faro de Maspalomas erhältlich, Stempelstellen entlang des Wegs. Es ist der einzige Camino-de-Santiago-Pfad ausserhalb des europäischen Festlands.

Schlafen unterwegs: keine Albergues wie auf dem Camino Francés. Übernachtung in Hostales, ländlichen B&Bs, gelegentlich Hotels. Wildcampen ist auf Gran Canaria verboten — Ausnahme der Campingplatz im Tamadaba-Naturpark mit kostenloser Anmeldung beim Cabildo. Reservierungs-Link: cabildo.grancanaria.com/zonas-de-acampada.

Caminos Reales Wanderweg Gran Canaria

Caminos Reales zwischen Artenara und Cruz de Tejeda — typischer Trockenstein-Pfad im Inselinneren. Foto: Tamara k. / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 ES).

Kapitel 6

Kurze und mittlere Trails

Wer nicht den ganzen Tag wandern will, hat auf Gran Canaria fünf solide Halbtags-Optionen:

Barranco de los Cernícalos — 6 km Rundweg durch eine grüne Schlucht mit mehreren Wasserfällen (selten ganzjährig wasserführend, bestes Wasser nach Wintern). Trailbeginn in Valsequillo, etwa 30 Min von Las Palmas. Mittel, etwa 3 Stunden, schattig — eine der wenigen Trails, die im Sommer angenehm bleiben.

Tamadaba-Pinienwald — der ausgedehnteste Kiefernwald Gran Canarias. Mehrere markierte Rundwege ab Tamadaba-Campingplatz (1.180 m), 2–8 km, leicht bis mittel. Aussicht auf den westlichen Atlantik aus 1.000 m Höhe ist spektakulär. Auch bei Sommer-Calima oft eine der wenigen Insel-Optionen mit guter Luft.

Andén Verde — Küstenwanderung mit Klippenblick zwischen Agaete und La Aldea de San Nicolás. Linear, 4 km, leicht. Spektakulärer Sonnenuntergangs-Trail.

Doramas-Wald — letzte Reste der subtropischen Laurisilva, die einst weite Teile der Kanaren bedeckte. Spaziergang von Firgas, leicht, mit moosigen Lorbeerbäumen, Riesen-Eidechsen, blauen Buchfinken. Anders als der Rest der Insel: feucht und grün.

Cuevas del Caballero ab Cruz de Tejeda — wie oben erwähnt, 3 km, leicht, mit UNESCO-Welterbe-Bezug.

Kapitel 7

Ausrüstung, Saison und Wasser

Beste Saison: November bis Mai. Optimal Dezember bis März — kühl genug in den Gipfeln (oft 5–10 °C nachts), warm genug für T-Shirt-Wandern am Tag. Sehr stabile Wetterlage, wenig Regen. Juli/August besser meiden, wenn nicht zwingend nötig — Hitze und sehr wenig Schatten machen längere Wanderungen unangenehm. Eine Bekannte beschreibt es so: «Im August in der Sierra ohne Schatten — da kann man nicht wandern, man überlebt.»

Wasser: Es gibt fast keine natürlichen Wasserquellen entlang der Trails. Mindestens 2 Liter pro Person und Tag mitnehmen, im Sommer 3. Wer GR131 mehrtägig macht: vor jeder Etappe in der nächsten Ortschaft auffüllen. Tunte, Cruz de Tejeda, Tejeda, Agaete haben jeweils Supermärkte.

Schuhe: Festes Trekkingschuhwerk, Knöchel stützend. Viele Pfade sind grobblockiges Vulkangestein, das auf Sneakern brutal ist. Stöcke helfen, vor allem bei den steilen Abstiegen Richtung Agaete.

Sonnenschutz: Sonnencreme, Hut, lange Hose-Option. Die UV-Belastung ist auf Höhe deutlich höher als am Meer. Index 9–11 in Sommermonaten.

Karten und Apps: Komoot, AllTrails, Mapy sind alle nutzbar. Offline-Karten vor dem Trail laden — Mobilfunk-Empfang in den Cumbres lückenhaft. Cicerone-Guide «Trekking in the Canaries» ist die ausführlichste gedruckte Quelle.

Kapitel 8

Sicherheit und was nicht geht

Wildcampen ist auf Gran Canaria offiziell verboten, ausser im designierten Tamadaba-Naturpark-Campingplatz. Eine Verordnung aus 1993 erlaubt zwar «vorübergehenden Schutz für Fussreisende», wird aber nicht für Freizeit-Camping ausgelegt. Bussgelder bis 600 €. Die Regelung gilt strenger seit den Bränden 2019.

Roadside-Parking entlang GC-600 zwischen Ayacata und Llanos de la Pez ist verboten und wird systematisch kontrolliert. Bussgeld 150–600 €.

Wetter: Hauptrisiko ist nicht Kälte, sondern Hitze und Sonneneinstrahlung — und im Winter gelegentlich Calima, die Sicht und Atmung gleichzeitig reduziert. Bei Sturmwarnungen (AEMET-App lädt) Wanderungen verschieben. Die Cumbres können bei Wintereinbrüchen wirklich schneien (daher «Pico de las Nieves» = Schneegipfel) — selten, aber 2024 zweimal passiert.

Notruf: 112 europaweit. Der Bergrettungsdienst (Grupo de Rescate de Montaña) ist auf der Insel professionell organisiert. Wer alleine wandert: jemandem die Route mitteilen, GPS-Position bei AEMET-Sturmwarnung aktiviert lassen.

Kapitel 9

Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

Brauche ich Reservierung für Roque Nublo?
Ja, von 9 bis 17 Uhr. Kostenlos auf reservasroquenublo.com, QR-Code per Mail. Davor und danach freier Zugang, vorbehaltlich Kapazität. Maximal 60 Personen pro Stunde, Slot 1 Stunde.
Wo parke ich heute, um zum Roque Nublo zu kommen?
Cruz de Los Llanos (5 km zum Trail, von dort 10 Min Shuttle für 1,40 €) oder Tejeda Ortskern (15 km, 30 Min Shuttle). Der alte Parkplatz am Trailbeginn ist permanent geschlossen.
Wie komme ich ohne Auto zum Roque Nublo?
Linie 18 vom Faro de Maspalomas direkt 3 × täglich (8:00, 9:00, 15:00), Rückfahrt 11:00, 13:30, 18:00. 6 € pro Person. Oder über Tejeda mit Anschluss-Shuttle.
Welche Wanderung am Sonnenaufgang?
Roque Nublo vor 9 Uhr (ohne Reservierung möglich), aber Cruz-de-Los-Llanos-Parkplatz ist nachts geöffnet. Alternative: Pico de las Nieves per Auto direkt am Aussichtspunkt — kein Wandern nötig.
Wann ist beste Saison?
November bis Mai, ideal Dezember bis März. Juli/August zu heiss, kein Schatten auf vielen Trails.
Wie lange brauche ich für den GR131?
3–5 Tage, je nach Tempo. Gepäcktransport-Services (TheNaturalAdventure, Natour, Stingy Nomads) helfen mit logistischer Planung. Ferry-Anschluss von Agaete nach Tenerife verfügbar.
Kann ich auf Gran Canaria wild zelten?
Nein, mit Ausnahme des designierten Campingplatzes in Tamadaba. Auch dort vorher beim Cabildo anmelden (kostenlos).
Welche App nutze ich?
Komoot oder AllTrails für Offline-Karten. Vorab laden, Mobilfunk in den Cumbres lückenhaft.
Was passiert bei Calima während meines Trips?
Hochlagen wie Tamadaba und Pico de las Nieves haben oft bessere Luft als die Küste. Bei AEMET-Warnung (PM10 hoch) ist Wandern nicht empfehlenswert, vor allem nicht mit Kindern oder Atemwegspatienten.

Bildnachweise

Roque Nublo: Foto von Paloma Montoto, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 ES.

Caminos Reales Artenara–Cruz de Tejeda: Foto von Tamara k., Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 ES.

Panorama vom Pico de las Nieves: Foto von Victor R. Ruiz, Wikimedia Commons, CC BY 2.0.