Fehlzeiten auf den Kanaren: 9,4 Prozent, zweithöchster Wert Spaniens
Auf den Kanaren wurden im ersten Quartal 2026 9,4 Prozent der vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden nicht geleistet. Das ist der zweithöchste Wert aller spanischen Regionen, hinter dem Baskenland mit 9,9 Prozent und vor Asturien mit 9,3 Prozent. Die Zahl stammt aus dem Quartalsbericht des Adecco Group Institute zu Fehlzeiten, Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten, über den am 7. September 2026 unter anderem ABC, Expansión, El Día und der öffentliche Sender RTVC berichteten.
Foto: Sdkb, CC BY-SA 4.0 (Symbolbild).
Die Zahl ist allerdings weder eindeutig noch selbsterklärend. Eine zweite Auswertung, die von Randstad Research auf Grundlage der vierteljährlichen Arbeitskostenerhebung des Statistikamts INE, kommt für denselben Zeitraum auf 8,9 Prozent. Und die Quote misst etwas anderes, als der Begriff Absentismus im Alltag nahelegt.
Die Zahl und die Rangliste
Laut dem Bericht des Adecco Group Institute entfielen von den 9,4 Prozent auf den Kanaren 8,1 Prozentpunkte auf krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit (incapacidad temporal, kurz IT) und 1,3 Prozentpunkte auf Abwesenheiten ohne ärztliche Krankschreibung. Der spanische Durchschnitt lag im selben Quartal bei 7,62 Prozent, die IT-Quote bundesweit bei 5,90 Prozent. Infobae berichtete unter Berufung auf den Bericht, das sei ein Rekordwert für ein erstes Quartal.
An der Spitze der Rangliste stehen nach den in der Presse wiedergegebenen Daten das Baskenland (9,9 Prozent), die Kanaren (9,4), Asturien (9,3) und Kantabrien (9,1). Am unteren Ende liegen die Balearen mit 6,2 Prozent, gefolgt von Madrid (6,5), La Rioja (6,7) und Extremadura (7,0). Die Balearen weisen laut Diario de Mallorca auch die niedrigste IT-Quote auf, 4,6 Prozent.
Im Jahresvergleich hat sich auf den Kanaren wenig bewegt: RTVC berichtet, die Gesamtquote sei gegenüber dem Vorjahresquartal unverändert geblieben, während die krankheitsbedingte Komponente um eine Zehntelstelle auf 8,1 Prozent zulegte. Für den Dienstleistungssektor des Archipels nennen die Berichte 9,5 Prozent.
Was die Quote misst und was nicht
Gemessen wird der Anteil der vereinbarten Arbeitsstunden (horas pactadas), der nicht gearbeitet wurde. Urlaub und Feiertage zählen nicht mit, weil in diesen Stunden keine Arbeitspflicht besteht; sie fallen aus dem Nenner heraus. Erfasst werden dagegen ärztlich bescheinigte Krankschreibungen, bezahlte gesetzliche Freistellungen, persönliche Gründe, Verspätungen und unentschuldigtes Fehlen. Die Berichte trennen dabei ausdrücklich zwischen IT und den übrigen Ursachen.
Damit ist die Quote kein Maß für Drückebergerei. Von den 9,4 Prozent auf den Kanaren sind 8,1 Prozentpunkte ärztlich bescheinigt, beruhen also auf einer Diagnose und nicht auf dem Willen der Beschäftigten. Zur Behandlung von Streiktagen machen die in der Presse veröffentlichten Zusammenfassungen der beiden Berichte keine Angabe; wer das genau wissen will, muss die Originalberichte heranziehen.
Zur Einordnung nennt Adecco laut Infobae auch absolute Werte für Spanien: Von durchschnittlich 142,63 vereinbarten Stunden pro Beschäftigten und Monat gingen 10,87 Stunden verloren, davon 8,41 Stunden durch Krankschreibungen.
Zwei Zahlen, zwei Methoden
Neben den 9,4 Prozent kursiert für dasselbe Quartal eine zweite Zahl. Randstad Research stützt sich auf die vierteljährliche Arbeitskostenerhebung des INE (Encuesta Trimestral de Coste Laboral) und kommt für die Kanaren auf 8,9 Prozent bei einem spanischen Durchschnitt von 7,2 Prozent. In dieser Lesart sind die Inseln die dritthöchste Region, hinter dem Baskenland (9,4) und Asturien (9,1), stehen bei den Krankschreibungen aber an erster Stelle.
Atlántico Hoy berichtete auf Basis derselben Randstad-Auswertung, dass auf den Kanaren 7,6 Prozent der Arbeitsstunden auf Krankschreibungen entfielen, rund zwei Punkte über dem spanischen Mittel von 5,6 Prozent. Beide Auswertungen rechnen also in Anteilen vereinbarter Stunden, greifen aber auf unterschiedliche Datengrundlagen und Abgrenzungen zurück. Die Werte sind deshalb nicht gegeneinander austauschbar, auch wenn sie in dieselbe Richtung zeigen.
Für Spanien insgesamt gibt Randstad die Quoten nach Branchen mit 7,4 Prozent in der Industrie, 7,2 Prozent im Dienstleistungsbereich und 6,0 Prozent im Bau an.
Was dahintersteckt und wer wen verantwortlich macht
Die Arbeitgeberseite verweist auf die Verwaltung. Der Präsident von CEOE-Tenerife, Pedro Alfonso, spricht laut El Día und RTVC von einem ernsten Problem für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit und fragt, warum es so viele Krankschreibungen gebe, wie lange sie dauerten und warum die Kanaren so hohe Werte hielten. Er sieht laut El Día eine große Verantwortung der öffentlichen Verwaltung, weil diese die Mehrzahl der Krankschreibungen kontrolliere, betont zugleich aber, man müsse Fehlzeiten von Betrug unterscheiden und dürfe nicht einfach die Beschäftigten schuldig sprechen. Der Vizepräsident der Confederación Canaria de Empresarios, José Cristóbal García, nennt eine bessere Steuerung des Gesundheitswesens als Schlüssel.
Die Gewerkschaften widersprechen dieser Rahmung. CCOO und UGT lehnen es ab, ärztlich bescheinigte Krankschreibungen als Absentismus zu führen: Eine Arbeitsunfähigkeit beruhe auf einer Diagnose, nicht auf einer Entscheidung der Beschäftigten. Auf den Kanaren fordern beide Organisationen laut El Día von der Regionalregierung eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitswesens und kürzere Wartelisten. Eine Gewerkschaftsvertreterin erklärte gegenüber Cadena SER, die meisten Krankschreibungen zögen sich nicht wegen Facharztterminen in die Länge, sondern wegen der Wartezeiten auf Untersuchungen, Operationen und Reha.
Dazu passen die Zahlen des Gesundheitswesens: Nach von Efe verbreiteten Daten standen Ende Juni 2026 auf den Kanaren 34.382 Menschen auf der Warteliste für eine Operation, 7,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, bei einer durchschnittlichen Wartezeit von 107 Tagen und einem Median von 70 Tagen. Weitere 158.358 warteten auf einen Facharzttermin.
Häufig wird der Branchenmix des Archipels, Tourismus und Gastgewerbe, als Erklärung vermutet. In den hier ausgewerteten Berichten wird er als Begründung nicht angeboten, und die Daten stützen ihn nur bedingt: Bei Randstad liegt der Dienstleistungsbereich landesweit unter der Industrie, und auf den Kanaren war laut Atlántico Hoy ausgerechnet der Bau die Branche mit den wenigsten Fehlzeiten, mit 7,7 Prozent immer noch deutlich über dem spanischen Wert dieser Branche.
Was das für Beschäftigte auf den Inseln bedeutet
Bei einer Krankschreibung wegen allgemeiner Erkrankung (contingencias comunes) gilt in Spanien als Grundregel: Für die ersten drei Tage besteht kein gesetzlicher Anspruch auf Krankengeld, sofern der Tarifvertrag nichts Besseres vorsieht. Vom vierten bis zum zwanzigsten Tag werden 60 Prozent der Bemessungsgrundlage gezahlt, ab dem 21. Tag 75 Prozent. Die Tage vier bis 15 trägt das Unternehmen, ab dem 16. Tag die Sozialversicherung INSS oder die Mutua; ausgezahlt wird in der Regel über die Lohnabrechnung (pago delegado). Bei Arbeitsunfall oder Berufskrankheit gelten günstigere Regeln.
Die Krankschreibung selbst (parte de baja) stellt nach dem Real Decreto 625/2014 der Arzt des öffentlichen Gesundheitsdienstes aus, der die Untersuchung vorgenommen hat; bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten kann die zuständige Mutua sie ausstellen. Seit der Reform von 2023 müssen Beschäftigte den Papierbeleg nicht mehr selbst im Betrieb abgeben, die Übermittlung an INSS und Arbeitgeber erfolgt elektronisch.
Für Selbstständige gibt es eine kanarische Besonderheit: Die Regionalregierung zahlt nach Berichten von Maspalomas News und Elapurón eine Beihilfe von bis zu 700 Euro, mit der die Sozialversicherungsbeiträge der ersten beiden Monate einer Krankschreibung übernommen werden, rückwirkend zum 1. Januar 2026. Voraussetzung sind unter anderem steuerlicher Wohnsitz und Tätigkeit auf den Kanaren sowie keine offenen Schulden bei Finanzamt, Sozialversicherung und kanarischer Steuerbehörde.
Selbstständige sollten prüfen, ob sie unter die kanarische Beihilfe von bis zu 700 Euro für die Sozialversicherungsbeiträge der ersten beiden Krankheitsmonate fallen; sie gilt rückwirkend zum 1. Januar 2026.
Die Quote misst keinen Betrug: 8,1 der 9,4 Punkte sind ärztlich bescheinigt. Und die genannten Euro-Beträge zu den Kosten sind gesamtspanische Werte, eine eigene Kostenzahl für die Kanaren enthalten diese Berichte nicht.
Zahlen im Überblick
- Kanaren, 1. Quartal 2026: 9,4 Prozent der vereinbarten Stunden nicht gearbeitet, davon 8,1 Punkte Krankschreibung und 1,3 Punkte andere Ursachen (Adecco Group Institute)
- Rangliste: Baskenland 9,9, Kanaren 9,4, Asturien 9,3, Kantabrien 9,1; am niedrigsten Balearen 6,2 und Madrid 6,5
- Spanischer Durchschnitt 7,62 Prozent, laut Infobae ein Rekord für ein erstes Quartal; IT bundesweit 5,90 Prozent
- El Día rechnet mit den 914.700 abhängig Beschäftigten der EPA: 1,3 Prozent entsprechen 11.891 Personen (rund 12.000 Arbeitstagen täglich), 8,1 Prozent rund 74.000, insgesamt etwa 86.000 volle Arbeitstage pro Tag
- Zweite Lesart: Randstad Research auf Basis der INE-Arbeitskostenerhebung nennt für die Kanaren 8,9 Prozent bei einem Landesmittel von 7,2 Prozent
- Kosten für ganz Spanien: 59,109 Milliarden Euro im Jahr 2025 laut dem Jahresbericht von Adecco und KPMG; die CEOE beziffert sie auf 33 Milliarden Euro
FAQ
- Was besagen die 9,4 Prozent genau?
- Sie geben den Anteil der vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden an, der im ersten Quartal 2026 auf den Kanaren nicht gearbeitet wurde, laut dem Quartalsbericht des Adecco Group Institute. Urlaub und Feiertage sind nicht enthalten.
- Heißt eine hohe Quote, dass viel blaugemacht wird?
- Nein. 8,1 der 9,4 Prozentpunkte entfallen auf ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit. CCOO und UGT weisen darauf hin, dass eine Krankschreibung auf einer Diagnose beruht und nicht auf dem Willen der Beschäftigten.
- Warum kursieren zwei verschiedene Werte?
- Das Adecco Group Institute kommt auf 9,4 Prozent, Randstad Research auf Grundlage der INE-Arbeitskostenerhebung auf 8,9 Prozent. Unterschiedliche Datenquellen und Abgrenzungen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
- Wer zahlt bei einer Krankschreibung was?
- Bei allgemeiner Erkrankung besteht für die ersten drei Tage grundsätzlich kein Anspruch, vom vierten bis zwanzigsten Tag 60 Prozent der Bemessungsgrundlage, ab dem 21. Tag 75 Prozent. Die Tage vier bis 15 zahlt das Unternehmen, danach INSS oder Mutua. Tarifverträge können mehr vorsehen.
- Muss ich den Krankenschein im Betrieb abgeben?
- Seit der Reform von 2023 nicht mehr: Der parte de baja wird elektronisch an INSS und Arbeitgeber übermittelt. Ausgestellt wird er nach dem Real Decreto 625/2014 vom Arzt des öffentlichen Gesundheitsdienstes, bei Arbeitsunfällen von der Mutua.
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