Wer zum ersten Mal auf die Kanaren kommt und in einer Bar eine kühle, leuchtend rosa Limonade bestellt bekommt, ahnt meist nicht, dass er gerade ein Stück Inselgeschichte in Händen hält. Clipper, vor allem in der Sorte Erdbeere (auf Spanisch «fresa»), ist hier kein Getränk wie jedes andere. Es ist, wie die Kanaren selbst sagen, eine «seña de identidad» — ein Erkennungszeichen.
Die Garage von Ciudad Jardín
Die Geschichte beginnt im Sommer 1956. In einer Garage im Stadtviertel Ciudad Jardín in Las Palmas de Gran Canaria begannen die Brüder Mario und Octavio Juan Gómez, ein eigenes Erfrischungsgetränk herzustellen. Es war die Zeit, in der es auf den Inseln einfacher und billiger war, Limonade selbst zu produzieren, als sie per Schiff vom Festland zu importieren — und so entstanden gleich mehrere lokale Marken. Der Werbespruch der ersten Stunde lautete schlicht: «Sencillamente increíble» — einfach unglaublich.
Dass eine bekannte Marke in einer Garage beginnt, kennt man von Apple, Google oder Amazon. Auf den Kanaren war es eben eine Garage in Ciudad Jardín — und das Produkt keine Software, sondern eine Brause.
Der Geschmack, den niemand kopieren konnte
Während die grossen Sorten Cola und Orange bald von internationalen Giganten wie Coca-Cola, Pepsi und Fanta beherrscht wurden, behauptete sich Clipper auf einem Feld, das ihm lange niemand streitig machen konnte: dem Erdbeergeschmack. Andere Sorten — Orange, Zitrone, später Apfel — kamen hinzu, verschwanden zeitweise wieder, doch die Fresa blieb. Sie wurde so sehr zum Markenzeichen, dass selbst der Weltkonzern Coca-Cola reagierte: In den 2000er-Jahren brachte Fanta eigens eine Erdbeer-Variante heraus, um Clipper auf seinem Heimatmarkt Paroli zu bieten. Ein Ritterschlag der besonderen Art.
In den 1980er-Jahren erlebte die Marke einen kräftigen Aufschwung und wurde endgültig als typisch kanarisches Produkt wahrgenommen. Bis heute gilt: Den klassischen Clipper Fresa gibt es vor allem auf den acht Inseln — genau das macht ihn für Auswärtige zum begehrten Mitbringsel.
Als die Kanaren ihre Limo zum Weltmeister wählten
Wie tief die Marke in der Inselseele steckt, zeigte sich im April 2020 auf besonders kanarische Weise. Mitten im Lockdown rief der asturische Influencer und Werber Corrales auf Twitter einen scherzhaften «Mundial de Refrescos» aus, eine Art Limonaden-Weltmeisterschaft per Abstimmung. Tausende Kanaren mobilisierten — und schickten den Clipper Fresa von Runde zu Runde. Im Achtelfinale holte er gegen Konkurrenten wie Fanta Erdbeere 64 Prozent von über 28.000 Stimmen, im Viertelfinale schlug er Nestea, und am Ende stand der Titel: Weltmeister.
Es war eine Wiederholung dessen, was kurz zuvor schon einer anderen kanarischen Marke gelungen war — der Schokolade Tirma, die zur «Weltmeisterin der Schokoriegel» gewählt worden war. «Schon wieder trollen mich die Kanaren», scherzte der Initiator. Hinter dem Spass steckte echter Lokalstolz: Wenn ein Inselprodukt gegen die Grossen antritt, schliessen die Kanaren die Reihen.
Eine Marke wird erwachsen — und reist aufs Festland
So traditionsreich Clipper ist, stehengeblieben ist die Marke nicht. 2006, zum 50-jährigen Jubiläum, gab es einen Image-Relaunch mit moderneren Etiketten. 2015 kamen zuckerfreie Zero-Varianten hinzu, 2019 die sommerlichen Sorten Wassermelone und Melone. Und 2021 geschah etwas, das lange undenkbar schien: Über die Supermarktkette Aldi schaffte es der Erdbeer-Clipper erstmals aufs spanische Festland, in Hunderte Filialen. Sogar in die Küche hat es die Limonade geschafft — eine Croquetería im Dorf Moya kreierte eine «Clipper-Sauce», die in den sozialen Netzen für Begeisterung und Stirnrunzeln zugleich sorgte.
Mehr als ein Getränk
Fast 70 Jahre nach jenem Sommer in der Garage von Ciudad Jardín ist Clipper weit mehr als eine Limonade. Es ist eine Kindheitserinnerung, ein Stück Heimat im Glas, ein kleiner Triumph des Lokalen über das Globale. Internationale Konzerne haben die Inseln längst erreicht — aber die rosa Erdbeerbrause aus Gran Canaria trinken die Kanaren immer noch am liebsten selbst. Manchmal ist Identität eben genau das: der Geschmack, mit dem man aufgewachsen ist.