Salvador Vizcaíno unterrichtet Bratsche. Interino. Seit über 30 Jahren. Er ist 62, und er weiss nicht, ob er nächstes Schuljahr noch einen Vertrag hat. Am Mittwoch stand er vor der Delegación del Gobierno in Las Palmas, zusammen mit ein paar Dutzend Kolleginnen und Kollegen, und rief etwas, das man auf den Kanaren immer öfter hört: «No somos de usar y tirar» — wir sind keine Wegwerfware.
Ein paar Kilometer weiter, zwischen Plaza de Las Ranas und Parque de San Telmo, zogen am selben Nachmittag mehr als 200 Ärzte durch Triana. Mit Batucada-Trommeln, damit die Leute in den Seitenstrassen wenigstens kurz vom Handy aufschauen. Auf ihren Plakaten: «Sin médicos no hay sanidad» — ohne Ärzte gibt es kein Gesundheitssystem. Und: «Consejería de Sanidad, asume tu responsabilidad» — Gesundheitsministerium, übernimm deine Verantwortung.
Zwei Demonstrationen, eine Stadt, ein Tag. Der 30. April 2026 ist der Tag, an dem auf den Kanaren beide Huelgas aufeinandertreffen — die nationale Ärzte-Huelga gegen die Reform des Estatuto Marco geht in ihren letzten von vier Tagen, und die autonome CESM-Huelga gegen den Servicio Canario de la Salud (SCS) startet. Gleichzeitig hallt der Lehrer-Streik vom Vortag nach, als INSUCAN landesweit Schulen bestreikte.
Die Ärzte: Zwei Gewerkschaften, null Verhandlungserfolg
Das Bild ist unübersichtlich, weil zwei Streikbewegungen parallel laufen, die sich überlappen, aber verschiedene Ziele verfolgen.
Auf nationaler Ebene streiken Ärzte seit dem 27. April gegen die geplante Reform des Estatuto Marco — des Rahmengesetzes, das die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Gesundheitswesen regelt. Die Forderung: ein eigener Verhandlungsrahmen für Ärzte, getrennt vom restlichen Gesundheitspersonal. Das klingt wie ein Luxusproblem, ist aber keins. Denn wenn Pfleger, Verwaltungsangestellte und Ärzte über denselben Kamm geschert werden, gewinnt in den Verhandlungen die grösste Gruppe — und das sind nicht die Ärzte.
Auf kanarischer Ebene hat die Gewerkschaft CESM Canarias — der Sindicato Médico Canario, nach eigenen Angaben die mitgliederstärkste Ärztegewerkschaft des Archipels — zwei zusätzliche autonome Streiktage ausgerufen: den 30. April und den 4. Mai. Der Grund: Seit Februar verhandelt CESM mit der Dirección del SCS über Gehaltsverbesserungen, offene Versetzungsverfahren, Laufbahnreformen. Am 6. April legte die Gewerkschaft einen Forderungskatalog vor und setzte eine Sieben-Tage-Frist. Die Frist verstrich. Nichts passierte.
«Das Ausbleiben echter Fortschritte zwingt uns, einen Schritt weiter zu gehen. Diese Streik-Ausrufung antwortet auf die Notwendigkeit, die Arbeitsbedingungen unserer Berufsgruppe zu verbessern und die Qualität der Gesundheitsversorgung in den Kanaren zu sichern.» — CESM Canarias, Pressemitteilung 16. April 2026 (übersetzt aus dem Spanischen)
Und als wäre das nicht genug, hat eine zweite Gewerkschaft — Semca, der Sindicato de Empleados Médicos de Canarias — die Streiktage auf die gesamte Woche plus den 4. Mai ausgedehnt. Der Auslöser: ein Treffen mit SCS-Direktor Adasat Goya, das nach Angaben des Semca exakt zwei Minuten dauerte. Zwei Minuten. Dann war Schluss, bevor es überhaupt angefangen hatte.
Ärzte-Huelga — Die Zahlen vom 29. April
| Offizielle Beteiligung (Consejería) | 13,68 % — 611 von 4.467 betroffenen Ärzten |
| Beteiligung laut CESM | 59 % |
| Gran Canaria (offiziell) | 17,59 % — 327 von 1.859 |
| Teneriffa (offiziell) | 12,96 % — 265 von 2.073 |
| Lanzarote | 8,42 % — 23 von 273 |
| Fuerteventura | 2,40 % — 7 von 292 |
| Weitere Streiktage | 30. April + 4. Mai 2026 |
Die Diskrepanz zwischen offiziellen 13,68 Prozent und den von CESM behaupteten 59 Prozent ist eklatant — und typisch für spanische Huelgas. Die Consejería zählt nur die Ärzte, die sich formal als streikend gemeldet haben. Die Gewerkschaft zählt alle, die nicht am Arbeitsplatz erschienen sind. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, aber näher an der Gewerkschaftszahl, als die Regierung zugeben möchte.
Die Lehrer: 30 Jahre Bratsche und kein fester Vertrag
Der Lehrer-Streik hat einen anderen Ursprung, aber das gleiche Grundproblem: ein Staat, der seine eigenen Angestellten systematisch prekär hält.
Am 14. April 2026 fällte der Gerichtshof der Europäischen Union im Fall Obadal (C-418/24) ein Urteil, das in ganz Spanien einschlug. Kurzfassung: Spaniens Umgang mit befristet beschäftigten Beamten — den Interinos — verletzt EU-Recht. Die bestehenden Massnahmen gegen den Missbrauch von Kettenbefristungen sind unzureichend. Der Europäische Gerichtshof verlangt wirksame Sanktionen, und die naheliegendste Sanktion wäre: Festanstellung.
Auf den Kanaren sind nach Gewerkschaftsschätzungen rund 30 Prozent aller Lehrkräfte Interinos — 12.586 Menschen. Die Zielquote liegt bei 8 Prozent. Das heisst: Tausende Lehrerinnen und Lehrer arbeiten seit Jahren, manchmal Jahrzehnten, ohne festen Vertrag. Jeden Sommer warten sie, ob sie im September wieder gebraucht werden.
INSUCAN — Docentes de Canarias — rief für den 29. April einen landesweiten Schulstreik aus, verbunden mit Konzentration vor der Delegación del Gobierno in Las Palmas (18 Uhr) und der Subdelegación in Santa Cruz. 769 Lehrkräfte folgten dem Aufruf laut offiziellem Sondeo. Die Gewerkschaft zählt wie üblich anders.
«Ich bin seit 30 Jahren Lehrer und mit 62 stehe ich wahrscheinlich auf der Strasse. Am Konservatorium beginnt gleich ein Auswahlverfahren, das viele Lehrer mit 20 oder 30 Jahren Erfahrung auf die Strasse setzen könnte.» — Salvador Vizcaíno, Bratschen-Professor, Interino seit über 30 Jahren. Gegenüber Canarias7, 29. April 2026 (übersetzt aus dem Spanischen)
Evelin Díaz, Koordinatorin von INSUCAN, bringt das Problem auf eine Formel, die schwer zu widerlegen ist: Der letzte sogenannte Estabilización-Prozess — der Interinos eigentlich hätte fest anstellen sollen — habe am Ende Leute ohne Befristungs-Missbrauch zu Beamten gemacht, während die Langzeit-Interinos weiter auf der Strasse standen. Mehr als 42 Prozent der festen Stellen seien an Bewerber vom Festland gegangen. Das Ergebnis, so Díaz: «Todo se ha liado un poquito más todavía» — am Ende ist alles nur noch ein Stück verworrener geworden.
Zwei Konflikte, eine Diagnose
Auf den ersten Blick haben ein Bratschist mit 30 Jahren Berufserfahrung und ein Krankenhausarzt, der sich über blockierte Verhandlungen ärgert, wenig gemeinsam. Auf den zweiten Blick teilen sie dieselbe Frustration: Sie arbeiten für einen Staat, der ihre Arbeit braucht, aber nicht bereit ist, dafür verlässliche Bedingungen zu schaffen.
Die Ärzte-Huelga ist ein Verteilungskonflikt — wer verhandelt mit wem, und wer hat Anspruch auf einen eigenen Tarifrahmen. Die Lehrer-Huelga ist ein Gerechtigkeitskonflikt — wie kann es sein, dass jemand 30 Jahre lang für den Staat arbeitet und trotzdem keinen festen Vertrag hat.
Dass beides am selben Tag auf denselben Inseln passiert, ist Zufall. Aber es ist ein Zufall, der etwas sichtbar macht: Der öffentliche Dienst auf den Kanaren knirscht an mehreren Stellen gleichzeitig. Und die Menschen, die ihn am Laufen halten — die Ärztinnen in den Ambulatorios, die Lehrer im Conservatorio — sind es leid, darauf zu warten, dass jemand das Knirschen hört.
Der nächste Ärzte-Streiktag ist der 4. Mai. Die Lehrer behalten sich weitere Massnahmen vor. Und Salvador Vizcaíno wird vermutlich weiter Bratsche unterrichten. Solange man ihn lässt.