Wie wirkt sich die neue Oxfam-Studie auf die Armutszahlen aus?
Die NGO Oxfam Intermón hat am Montagabend die Studie «Wenn Arbeit nicht reicht: Die Auswirkungen der Wohnkosten auf die Armut unter Erwerbstätigen» veröffentlicht. Sie zeigt: Auf den Kanaren leben 104.527 Erwerbstätige bereits vor Abzug der Wohnkosten unter der Armutsgrenze.
Nach Zahlung von Miete oder Hypothek steigt diese Zahl auf 130.859 Personen. Das bedeutet: 26.332 Menschen auf den Inseln fallen erst durch die Kosten für ihr Dach über dem Kopf in Armut.
Die Armutsquote der Erwerbstätigen klettert damit um fast drei Prozentpunkte auf 14,71 Prozent. Landesweit rutschen nach Abzug der Wohnkosten weitere 770.000 Erwerbstätige unter die Armutsgrenze.
Alejandro García-Gil, Leiter der Abteilung für Wohnen, Beschäftigung und Sozialpolitik bei Oxfam Intermón, beschreibt die Lage so: «Menschen, die arbeiten und sich jeden Monat gerade so die Miete leisten können, denen aber selbst dann noch das nötige Einkommen für ein menschenwürdiges Leben fehlt.»
Warum trifft es Mieter besonders hart?
Die Auswertung von Oxfam Intermón zeigt grosse Unterschiede zwischen Eigentümern und Mietern. Bei Immobilienbesitzern mit Hypothek steigt der Anteil der Arbeitnehmer in Armut von 6,14 auf 8,80 Prozent.
Auf dem freien Mietmarkt ist die Lage deutlich dramatischer. Die Armutsquote der Arbeitnehmer schiesst nach der Mietzahlung von 16,21 auf 27,70 Prozent – ein Anstieg um 11,49 Prozentpunkte.
Anders ausgedrückt: Auf den Kanarischen Inseln lebt jeder vierte Arbeitnehmer, der zur Miete wohnt, in Armut. Das Mieten zu aktuellen Marktpreisen treibt die Armutsquote damit weit stärker in die Höhe als eine Hypothek.
Die Zahlen von Canarias7 bestätigen den Trend. Der durchschnittliche monatliche Mietaufwand stieg von 339 Euro im Jahr 2014 auf 588 Euro im Jahr 2025 – ein Anstieg von 73,5 Prozent.
Welche Folgen haben die Wohnkosten für Residenten und Expats?
Für Residenten, ausländische Arbeitnehmer und Besucher nennt der Bericht keine neue verbindliche Regel und keinen neuen Antragstermin. Die Zahlen beschreiben die soziale Lage, ändern aber weder Mietverträge noch Aufenthalts- oder Besuchsregeln.
Besonders gefährdet sind laut Cáritas alleinstehende Frauen mit Kindern. Sieben von zehn betreuten Familien hatten eine aussereuropäische Staatsangehörigkeit.
In der Provinz Las Palmas unterstützte Cáritas 2025 insgesamt 1.604 wohnungslose Menschen und 306 Familien, die ihre Wohnung zu verlieren drohten. Bis einschliesslich September 2026 kamen 1.038 weitere wohnungslose Menschen und 256 Familien mit Problemen beim Erhalt ihrer Wohnung hinzu.
Bei 23 Prozent der 2025 von Cáritas betreuten Menschen ohne Wohnung oder mit drohendem Wohnungsverlust bestand ein Arbeitsverhältnis. Das unterstreicht: Ein Job allein garantiert auf Gran Canaria kein Zuhause mehr.
Welche Hilfen gibt es?
Das Programm Canarias Pro Hogar sieht laut Gobierno de Canarias Mietzuschüsse von bis zu 900 Euro pro Familie und Monat vor. Zusätzlich sind bis zu 200 Euro für Instandhaltung, Versicherung, Grundversorgung oder Internet möglich.
Die zitierte Meldung nennt jedoch keine vollständigen Zugangsvoraussetzungen und keine konkrete Antragsfrist. Auch eine Gran-Canaria-spezifische Umsetzung wird nicht beschrieben.
Für junge Menschen bis einschliesslich 35 Jahren sieht die Ausschreibung zum Bono Alquiler Joven 2025 einen Zuschuss von 250 Euro monatlich vor. Insgesamt sind das 6.000 Euro über 24 Monate.
Die kanarische Regierung hat zudem im April 2025 das Decreto ley 3/2025 zur Beschleunigung von Baugenehmigungen verabschiedet. Es schafft bezahlbare geförderte Wohnungen in privater Trägerschaft mit Mietobergrenzen.
Wie geht es auf den Kanaren weiter?
Eine für den 11. November 2026 angekündigte Generalstreik-Initiative von Gewerkschaften und wohnungspolitischen Organisationen war zum Berichtszeitpunkt politisch umstritten. Arbeitgeberverbände bezweifelten ihre rechtliche Einordnung.
Ob der Streik tatsächlich stattfindet, war laut Canarias7 offen.
Die Ende 2025 veröffentlichte Ley 6/2025 ordnet die touristische Nutzung von Wohnungen neu. Neue Wohnungen sollen grundsätzlich zehn Jahre lang nicht touristisch genutzt werden.
Die Regierung will damit das langfristige Mietangebot erhöhen. Ob das die Preise auf Gran Canaria spürbar senkt, bleibt abzuwarten.