Wer in diesen Wochen auf den Kanaren ärztliche Hilfe braucht, sollte mit Verzögerungen rechnen. Denn das öffentliche Gesundheitswesen des Archipels steht gleich an mehreren Fronten unter Druck — und die Konflikte verschärfen sich, kurz bevor die Sommersaison mit ihrem hohen Patientenaufkommen beginnt. Wichtig ist, die Stränge auseinanderzuhalten: Es handelt sich nicht um einen einzigen Streik, sondern um zwei voneinander unabhängige Arbeitskämpfe, die zufällig zeitgleich kulminieren.
Erster Strang: die Rettungssanitäter
Der erste Konflikt betrifft den Krankentransport — also die Ambulanzen und ihre Besatzungen. Hier geht es um einen klassischen Tarifstreit. Die Gewerkschaften CCOO, CSIF und USO haben für 2.000 Beschäftigte Streiks angekündigt: konkret für den 8. und 19. Juni, danach unbefristete Arbeitsniederlegungen an jedem Freitag.
Der Grund: Der vierte Tarifvertrag der Branche ist seit dem 31. Dezember 2024 ausgelaufen, die Löhne sind seither eingefroren. Die Gewerkschaften fordern eine Anhebung um 21 Prozent für den Zeitraum 2019–2025 plus 4 Prozent für 2026. Die Arbeitgeberseite (der Verband ARTS) bietet nach Gewerkschaftsangaben 13 Prozent plus 4 Prozent — allerdings gekoppelt an künftige Verwaltungsentscheidungen und neue Ausschreibungen. Genau diese Kopplung kritisieren die Gewerkschaften scharf: «Der Lohn wird im Tarifvertrag verhandelt, nicht über externe Ausreden erbettelt», so der CCOO-Verantwortliche für den Ambulanzsektor. Die Regionalpartei Nueva Canarias-Bloque Canarista hat sich hinter die Forderungen gestellt und die Regionalregierung aufgefordert, einen einstimmigen Parlamentsbeschluss vom April endlich umzusetzen.
Zweiter Strang: die Ärzte
Der zweite, völlig getrennte Konflikt betrifft die Ärzteschaft im öffentlichen Gesundheitsdienst (SCS). Er ist Teil eines landesweiten Arbeitskampfs: Ärzte in ganz Spanien fordern ein eigenes Berufsstatut (das «Estatuto Marco» bzw. ein eigenes Ärztestatut), das ihre besonderen Arbeitsbedingungen — etwa die Bereitschaftsdienste — gesondert regelt. Auf den Kanaren kommen eigene Forderungen hinzu: die Einhaltung der Vereinbarung, mit der der Streik 2023 beendet wurde, eine bessere Vergütung der Bereitschaftsstunden, die Freiwilligkeit der Dienste und eine 35-Stunden-Woche.
Federführend sind hier die Ärztegewerkschaften SEMCA, MUD und AME. Ihre jüngste Eskalationsstufe ist heikel: Sie setzen die freiwilligen Überstunden aus, mit denen normalerweise die Wartelisten abgebaut werden. Genau dieser freiwillige Mehraufwand hält das System in Spitzenzeiten am Laufen. Fällt er weg, verlängern sich die Wartelisten für Operationen, Untersuchungen und Facharzttermine.
Über die Wucht des Konflikts gibt es naturgemäss unterschiedliche Angaben: An früheren Streiktagen bezifferten die Gewerkschaften die Beteiligung auf 63 Prozent, die Gesundheitsverwaltung dagegen auf knapp 16 Prozent. Unstrittig ist, dass der monatelange Konflikt bereits Spuren hinterlässt: Der Direktor des kanarischen Gesundheitsdienstes, Adasat Goya, sprach von Kosten in «Höhe von Hunderten Millionen» und tausenden verschobenen Terminen und Operationen.
Der Streit um die Zuständigkeit
Pikant ist die Schuldfrage. Die Regionalregierung verweist nach Madrid: Das Gesundheitsministerium habe die Kompetenz, mit den Ärzten einen Rahmen auszuhandeln, weshalb der Konflikt eigentlich auf nationaler Ebene gelöst werden müsse. Die Ärztegewerkschaften wiederum halten dagegen, «80 Prozent» ihrer Forderungen fielen in die Zuständigkeit der Region — und machen die Gesundheitsberaterin Esther Monzón sowie Gesundheitsdienst-Chef Goya direkt verantwortlich. Dieser Schwarze Peter zwischen Region und Zentralregierung zieht den Konflikt in die Länge.
Dritter Faktor: der Sommer
Über beide Arbeitskämpfe legt sich ein struktureller Druck: der Personalmangel im Sommer. Wie jedes Jahr fahren viele Krankenhäuser ihre Belegschaft in den Ferienmonaten zurück — ausgerechnet dann, wenn das Patientenaufkommen durch Hitze und Touristenströme steigt. Die Gewerkschaften warnen, dass die Sommerkürzungen die ohnehin angespannte Lage zusätzlich verschärfen.
- Notfall: Im echten Notfall wirst du behandelt — die Notfallversorgung ist durch gesetzliche Mindestdienste gesichert. Notruf 112 gilt unverändert.
- Termine: Hast du an einem Streiktag (8./19. Juni, danach freitags) einen Termin oder nicht-dringenden Krankentransport, ruf vorab an und lass dir bestätigen, ob er stattfindet.
- Touristen: Gültige Auslandskrankenversicherung bzw. Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) mitführen — wie immer, unabhängig von den Streiks.
Was das für dich bedeutet
Für Residenten und Touristen ist die wichtigste Botschaft: Die Notfallversorgung bleibt durch gesetzliche Mindestdienste gesichert — bei Streiks im Gesundheitswesen schreibt das Gesetz vor, dass ein Grundbetrieb aufrechterhalten wird. Wer einen echten Notfall hat, wird also behandelt.
Spürbar werden dürften die Konflikte vor allem bei den planbaren Leistungen: Facharzttermine, nicht dringende Operationen, Routineuntersuchungen und der nicht-dringliche Krankentransport können sich verzögern oder verschieben. An den Streiktagen ist mit Einschränkungen beim Ambulanztransport zu rechnen. Wer in dieser Zeit einen Termin hat, sollte vorab telefonisch prüfen, ob er stattfindet. Und wer als Tourist herkommt, tut wie immer gut daran, eine gültige Auslandskrankenversicherung dabeizuhaben — unabhängig von den Streiks.
Ob sich die Lage entspannt, hängt nun von zwei Verhandlungstischen ab: dem Tarifpoker im Krankentransport und dem zähen Ringen um das Ärztestatut zwischen Region und Madrid. Bis dahin steht das kanarische Gesundheitswesen vor einem Sommer, der seine Belastbarkeit testet.
Häufige Fragen
- Sind das ein oder zwei Streiks?
- Zwei voneinander unabhängige Arbeitskämpfe, die zeitgleich kulminieren: der Tarifstreit im privaten Krankentransport (Ambulanzen) und der landesweite Ärztestreik um ein eigenes Berufsstatut. Dazu kommt der strukturelle Sommer-Personalmangel.
- An welchen Tagen wird gestreikt?
- Der Krankentransport streikt am 8. und 19. Juni, danach unbefristet an jedem Freitag. Der Ärztekonflikt läuft als landesweite Maßnahme seit Monaten; aktuell werden die freiwilligen Überstunden für den Wartelisten-Abbau ausgesetzt.
- Ist die Notfallversorgung gefährdet?
- Nein. Bei Streiks im Gesundheitswesen schreiben gesetzliche Mindestdienste einen Grundbetrieb vor. Echte Notfälle werden behandelt, der Notruf 112 gilt unverändert.
- Was kann sich verzögern?
- Vor allem planbare Leistungen: Facharzttermine, nicht dringende Operationen, Routineuntersuchungen und nicht-dringlicher Krankentransport. An Streiktagen sollte man Termine vorab telefonisch bestätigen lassen.
- Worum geht es im Kern?
- Beim Krankentransport um Lohnerhöhungen nach einem ausgelaufenen Tarifvertrag. Bei den Ärzten um ein eigenes Berufsstatut, bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste und deren Freiwilligkeit. Zwischen Region und Gesundheitsministerium ist zudem die Zuständigkeit umstritten.
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