Es ist ein Satz, der die Spannung auf den Punkt bringt. Als der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo im Mai den Jahresbericht des Wirtschafts- und Sozialrats der Kanaren (CES) entgegennahm, nannte er ihn ein «treues Röntgenbild» der Inseln — und bilanzierte zugleich, 2025 sei «ein gutes Jahr in jeder Hinsicht» gewesen, mit mehr Beschäftigung, höherem Pro-Kopf-Einkommen und besseren Sozialindikatoren. Das Problem: Dasselbe Röntgenbild zeigt einen Patienten, dem es in entscheidenden Punkten nicht gut geht. Und es ist nicht das einzige.
Was der CES-Bericht wirklich sagt
Der Wirtschafts- und Sozialrat ist kein Oppositionsverband, sondern ein offizielles Beratungsgremium aus Gewerkschaften, Arbeitgebern und Fachleuten. Sein jüngster Jahresbericht, vorgestellt im Mai 2026 mit sechzehn Empfehlungen, liest sich über weite Strecken wie eine Mängelliste: Die Kanaren litten unter einem akuten Wohnungsmangel, unter Löhnen, die durch eine niedrige Produktivität gedrückt würden, und unter einer Bürokratie, die unternehmerische Dynamik erstickt. Hinzu komme die hohe Abhängigkeit vom Tourismus als wichtigstem Wirtschaftsmotor.
Eine Zahl fasst das Dilemma zusammen: Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben Schwierigkeiten, bis zum Monatsende über die Runden zu kommen. Und obwohl das Armutsrisiko zuletzt leicht sank, liegt es weiterhin fast fünf Punkte über dem spanischen Durchschnitt. CES-Präsident José Carlos Francisco fordert deshalb, die Wirtschaft zu diversifizieren und krisenfester zu machen — weg von der einseitigen Abhängigkeit. Bemerkenswert: Selbst Clavijo räumte ein, die sozialen Verbesserungen seien «noch nicht ausreichend», und nannte die Wohnungsfrage ausdrücklich als eines der grössten Probleme, das inzwischen sogar den Arbeitsmarkt belaste.
Der zweite Befund: so reich wie Galicien, doppelt so ausgegrenzt
Noch deutlicher wird ein Bericht, den die Sozialorganisation Cáritas im Rahmen ihrer FOESSA-Stiftung Ende 2025 vorlegte — erarbeitet von rund 140 Forschenden aus 51 Universitäten und Institutionen. Er ordnet die Kanaren der Kategorie der «restriktiven Knappheit» zu und liefert einen Vergleich, der hängenbleibt: Obwohl die Kanaren ein ähnliches Pro-Kopf-BIP haben wie Galicien, weisen sie mehr als doppelt so viel soziale Ausgrenzung auf wie die nordspanische Region.
Mit anderen Worten: Es liegt nicht allein daran, dass zu wenig erwirtschaftet würde — sondern daran, dass der erwirtschaftete Wohlstand schlecht bei den Menschen ankommt. Besonders drastisch zeigt sich das bei der Wohnungskrise: Laut dem Bericht geraten fast 400.000 Menschen auf den Inseln mit Zahlungen rund ums Wohnen oder mit Ratenkäufen in Verzug. Die Wohnkosten, so die Kernaussage, machen arm.
Ein Muster, nicht nur ein Inselproblem
Die Kanaren stehen mit dieser Diagnose nicht allein. In ganz Spanien melden sich derzeit Ökonomen zu Wort, die warnen, dass regionale Wirtschaftsmodelle an ihre Grenzen stossen. In Katalonien etwa schlug der «Informe Fènix» Alarm — ein Bericht, an dem renommierte Ökonomen wie Jordi Galí beratend mitwirkten und der von einer «kontinuierlichen Verarmung» der Bevölkerung spricht. Auch wenn dieser konkrete Bericht Katalonien und nicht die Kanaren betrifft, zeigt er: Die Frage, ob Wachstum automatisch Wohlstand für alle bedeutet, wird in mehreren Regionen Spaniens neu und kritisch gestellt.
Im Fall der Kanaren kommt eine Besonderheit hinzu. Anders als das oft zitierte Beispiel Madrid — viel Reichtum, der sich schwer in Lebensqualität übersetzt — ist das kanarische Pro-Kopf-Einkommen gar nicht hoch. Die Inseln verbinden ein vergleichsweise niedriges Einkommensniveau mit hoher Ungleichheit und teurem Wohnen. Das ist die ungünstigste aller Kombinationen.
Warum das für Residenten zählt
Für viele, die hier leben — ob seit Generationen oder als Zugezogene — ist das keine abstrakte Statistik, sondern Alltag: hohe Mieten, schwankende Saisonlöhne, ein angespanntes Gesundheitssystem. Die Berichte benennen damit, was viele längst spüren. Sie liefern aber auch eine wichtige Differenzierung: Das Problem ist weniger ein Mangel an Wirtschaftsleistung als ein Verteilungs- und Strukturproblem — niedrige Produktivität, einseitige Tourismusabhängigkeit, zu wenig bezahlbarer Wohnraum.
Was daraus folgen soll, darüber gehen die politischen Lager erwartbar auseinander: Die einen fordern mehr öffentliche Wohnungs- und Sozialprogramme, die anderen weniger Bürokratie, mehr verfügbares Bauland und niedrigere Steuern. Der gemeinsame Nenner aller Berichte aber ist unmissverständlich — und er steht in bemerkenswertem Kontrast zur Erzählung vom «guten Jahr in jeder Hinsicht»: Das aktuelle Modell schafft Wachstum, aber noch zu wenig spürbaren Wohlstand für die, die auf den Inseln leben.
Häufige Fragen
- Worum geht es beim «kanarischen Paradox»?
- Die Wirtschaft wächst und der Tourismus boomt, doch der Wohlstand kommt bei vielen Menschen kaum an. Mehrere Berichte zeigen hohe Armuts- und Ausgrenzungsquoten trotz wirtschaftlicher Aktivität.
- Wer steht hinter den Berichten?
- Vor allem der Wirtschafts- und Sozialrat der Kanaren (CES), ein offizielles Beratungsgremium, sowie die FOESSA-Stiftung von Cáritas mit rund 140 Forschenden. Beide sind keine Oppositionsverbände.
- Stimmt es, dass Ökonom Jordi Galí die Kanaren untersucht hat?
- Nein. Galí wirkte am katalanischen «Informe Fènix» mit, der Katalonien betrifft. Für die Kanaren sind CES und FOESSA die einschlägigen Quellen. Wir nennen Galí nur als Beispiel für eine ähnliche Debatte in einer anderen Region.
- Was ist der stärkste einzelne Befund?
- Der Vergleich mit Galicien: Bei ähnlichem Pro-Kopf-BIP weisen die Kanaren mehr als doppelt so viel soziale Ausgrenzung auf. Das deutet auf ein Verteilungs- und Strukturproblem hin, nicht nur auf zu wenig Wirtschaftsleistung.
- Was schlagen die Berichte vor?
- Diversifizierung weg von der Tourismusabhängigkeit, mehr bezahlbarer Wohnraum und Massnahmen gegen Ungleichheit. Über den konkreten Weg — mehr Staat oder weniger Bürokratie — gehen die politischen Ansichten auseinander.
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