Wer in diesen Tagen die Nachrichten von den Inseln verfolgt, könnte meinen, die Wohnungspolitik habe einen Frühling erlebt. Innerhalb weniger Wochen meldeten gleich mehrere Inseln Fortschritte: Förderkredite für neue Sozialwohnungen, eine wiederbelebte Geistersiedlung, eine neue Steuer gegen Leerstand. Nach Jahren, in denen die Wohnungskrise vor allem ein Klagethema war, klingt das nach Aufbruch. Doch lohnt der genaue Blick — denn die Offensive trägt einen Widerspruch in sich.
Was gerade gebaut und gefördert wird
Auf Gran Canaria hat das staatliche Kreditinstitut ICO einen Kredit über 11,5 Millionen Euro für 88 geförderte Mietwohnungen (VPO) im Süden der Insel, in Santa Lucía de Tirajana, bewilligt. Zusammen mit einem Zuschuss von 2,5 Millionen Euro des kanarischen Wohnungsinstituts ICAVI summiert sich die öffentliche Förderung auf 14 Millionen — bei Gesamtkosten von 16,6 Millionen. Gebaut wird seit 2025, bezugsfertig sollen die Wohnungen Anfang 2028 sein. Bemerkenswert: Bauträger ist ein privates Unternehmen. Es ist also keine reine Sozialbau-Initiative, sondern ein öffentlich-privates Modell — der Staat macht ein Vorhaben rentabel, das sich für Private allein nicht rechnen würde.
Auf Teneriffa sorgt eine andere Geschichte für Aufsehen: In Granadilla de Abona kehren 277 Wohnungen ins Leben zurück, die seit der Immobilienkrise 2008 als Bauruine brachlagen. Nach rund zweijähriger Fertigstellung kommen sie nun als bezahlbare Mietwohnungen auf den Markt — finanziert über ein Modell, das private Investoren mit Steuervorteilen (der kanarischen Investitionsrücklage RIC) in den Wohnungsbau lenkt. Aus einem Symbol des geplatzten Baubooms wird so bezahlbarer Wohnraum.
Auf Lanzarote schließlich genehmigte der Stadtrat von Arrecife 290 neue Wohnungen im Viertel Los Geranios. Diese sind allerdings privat — nicht zu verwechseln mit den 201 öffentlichen Sozialwohnungen, die im selben Viertel bereits im Bau sind und Teil eines Plans für rund 700 öffentliche Wohnungen auf der Insel bilden.
Das Paradox: voller Markt, leere Wohnungen
Und hier kommt der Haken. Während neu gebaut wird, steht zugleich ein erheblicher Teil des Bestands leer. Das zeigt sich besonders deutlich in La Laguna auf Teneriffa: Laut einer Untersuchung der dortigen Universität stehen 5.123 der 74.091 Wohnungen der Stadt leer — knapp sieben Prozent, ermittelt anhand der Wasserverbrauchsdaten. Drei von vier dieser leeren Wohnungen konzentrieren sich auf nur drei Stadtbezirke.
Genau hier setzt das jüngste Instrument an: Das Rathaus von La Laguna beschloss Anfang Juni, einen Aufschlag auf die Grundsteuer (IBI) für dauerhaft leerstehende Wohnungen einzuführen — zwischen 50 und 150 Prozent mehr. Das erlaubt das spanische Wohnungsgesetz von 2023. Die Idee: Leerstand teuer machen, damit Eigentümer ihre Wohnungen vermieten oder verkaufen. Allerdings ist Vorsicht geboten, was den Zeithorizont angeht — beschlossen wurde zunächst nur ein «Fahrplan» binnen drei Monaten. Schon 2024 hatte der Stadtrat einen ähnlichen Beschluss gefasst, der dann versandete. Aus einer Absichtserklärung wird also nicht über Nacht eine fällige Steuer.
Der Widerspruch ist kein kanarisches Kuriosum, sondern Teil einer landesweiten Debatte. Die Bank von Spanien führt die explodierenden Preise vor allem auf ein Angebotsdefizit zurück — es werde zu wenig gebaut. Andere Fachleute halten dagegen: In Spanien standen 2021 rund 3,8 Millionen Wohnungen leer, etwa 14 Prozent des Bestands, weit über den fünf Prozent, die als gesund gelten. Das Problem sei also nicht nur ein Mangel, sondern auch eine Verteilungsfrage — Wohnraum existiert, kommt aber nicht dort an, wo er gebraucht wird.
Warum es trotzdem hakt
Wer die Einzelmeldungen zusammensetzt, erkennt die eigentlichen Engpässe. Erstens das Bauland und die Bürokratie: Der Mangel an baureifem Grund und jahrelange Genehmigungsverfahren machen Projekte langsam und teuer — der Grund, warum selbst geförderte Wohnungen wie auf Gran Canaria erst 2028 fertig werden. Zweitens die Konkurrenz der Ferienvermietung: In den begehrten Küstenlagen verdrängt die kurzfristige Touristenvermietung das Dauerwohnen, ein Thema, das die Inseln derzeit besonders erhitzt. Drittens die Zeit: Viele der angekündigten Wohnungen sind noch im Bau oder erst in Planung; die Erleichterung kommt also frühestens in Jahren.
Hinzu kommt ein heikler Punkt im öffentlichen Bestand selbst. Auf den Inseln gibt es rund 4.500 Sozialwohnungen, etwa 1.000 davon in La Laguna. Ein Betroffenenkollektiv wirft der zuständigen öffentlichen Gesellschaft vor, einkommensschwachen Familien teils zu hohe Mieten und sogar die Grundsteuer in Rechnung zu stellen — obwohl ein Urteil des Obersten Gerichts Letzteres für solche Familien untersagt habe. Wohnungspolitik ist eben nicht nur eine Frage des Neubaus, sondern auch des fairen Umgangs mit dem, was schon da ist.
Die Bilanz
Die Wohnungs-Offensive ist real: Es fließt Geld, es entstehen Wohnungen, und mit der Leerstandssteuer wird ein bislang kaum genutztes Werkzeug zumindest in Angriff genommen. Das ist nach Jahren der Untätigkeit eine Wende. Doch die Zahlen mahnen zur Nüchternheit. Solange tausende Wohnungen leer stehen, Bauland knapp bleibt und die Ferienvermietung um dieselben Quadratmeter konkurriert, bleibt die Krise bestehen. Die eigentliche Aufgabe ist nicht nur, mehr zu bauen — sondern dafür zu sorgen, dass der vorhandene und der neue Wohnraum tatsächlich bei den Menschen ankommt, die auf den Inseln leben.
Häufige Fragen
- Werden auf den Kanaren gerade viele neue Wohnungen gebaut?
- Mehrere Projekte laufen: 88 geförderte Mietwohnungen auf Gran Canaria, 277 in Granadilla (Teneriffa), 201 öffentliche plus 290 private auf Lanzarote. Viele sind aber noch im Bau oder in Planung und erst in den kommenden Jahren bezugsfertig.
- Was ist die Leerstandssteuer in La Laguna?
- Ein geplanter Aufschlag auf die Grundsteuer (IBI) von 50 bis 150 Prozent für dauerhaft leere Wohnungen, erlaubt durch das Wohnungsgesetz von 2023. Beschlossen wurde Anfang Juni 2026 zunächst nur ein Fahrplan; ein ähnlicher Vorstoß von 2024 war versandet.
- Wie viele Wohnungen stehen leer?
- Allein in La Laguna 5.123 von 74.091 (knapp 7 %), laut einer Universitätsstudie auf Basis der Wasserverbrauchsdaten. Spanienweit waren es 2021 rund 3,8 Millionen, etwa 14 Prozent des Bestands.
- Warum löst der Neubau die Krise nicht sofort?
- Wegen knappen Baulands, langer Genehmigungsverfahren und der Konkurrenz durch die Ferienvermietung. Zudem sind viele Projekte erst 2028 fertig. Und ein Teil des Problems ist Verteilung, nicht nur Mangel.
- Wie komme ich an eine geförderte Wohnung?
- Über das kanarische Wohnungsinstitut ICAVI und die Gemeinden, geknüpft an Einkommensgrenzen und meist per Warteliste oder Vergabeverfahren.
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Stand 08.06.2026. Quellen u. a. Canarias7, Diario de Avisos, eldiario.es, El Economista, Gobierno de Canarias, Instituto de Crédito Oficial (ICO), Instituto Canario de la Vivienda (ICAVI) sowie eine Wohnungsstudie der Universidad de La Laguna. Die Leerstandssteuer in La Laguna befindet sich im Beschluss- und Planungsstadium. Zahlen und Zeitpläne können sich ändern.