Zur Einordnung vorweg, weil online beides kursiert: Die Scarabeo 9 ist kein Forschungsschiff, sondern eine halbtauchende Tiefsee-Bohrplattform der sechsten Generation — eine der grössten der Welt. Sie gehört dem italienischen Ölservice-Konzern Saipem (einer Gesellschaft im Umfeld des Energieriesen Eni), fährt unter der Flagge der Bahamas und bietet Platz für 200 Menschen. Sie kann in bis zu 3.600 Metern Wassertiefe arbeiten und bis zu 15.000 Meter tief bohren.

Und sie ist nun erneut im Hafen von Las Palmas — ein Ort, der in ihrer Geschichte schon mehrfach eine Rolle gespielt hat.

In China gebaut, mit norwegischem Design — und genau das ist der Clou

Das eigentlich Brisante an der Scarabeo 9 ist ihre Konstruktion. Sie wurde grösstenteils in China gebaut, nach einem norwegischen Entwurf (Typ Frigstad D90). Das klingt nach einer technischen Fussnote, ist aber der Kern der ganzen Geschichte: Weil kaum US-amerikanische Bauteile und kein US-Design an Bord sind, fällt die Plattform nicht unter jene US-Sanktionen, die die Verwendung amerikanischer Technologie — selbst durch nicht-amerikanische Firmen — beschränken.

2017 machte die Wirtschaftsagentur Bloomberg sie deshalb als «sanktionssichere» Plattform bekannt. Wie heikel dieses Detail war, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2014: Der US-Ausrüster National Oilwell Varco bestätigte gegenüber der US-Börsenaufsicht, einen sogenannten Blowout-Preventer — ein zentrales Sicherheitsbauteil — an die Scarabeo 9 geliefert zu haben. Sobald die Firma erfuhr, wo die Plattform eingesetzt werden sollte, stellte sie die Lieferungen ein.

Der heikelste Einsatz: Russlands Schwarzes Meer

Ihre erste Bohrung absolvierte die Scarabeo 9 vor Kuba. Berühmt — oder berüchtigt — wurde sie aber durch einen anderen Einsatz. Ende 2017 bohrte sie für den italienischen Eni-Konzern und den russischen Staatskonzern Rosneft im russischen Teil des Schwarzen Meeres, in über 2.000 Metern Wassertiefe. Es war, wie Bloomberg damals schrieb, die erste Bohrung eines westlichen Unternehmens in einem russischen Ölprojekt, das klar unter die 2014 verhängten US-Sektorsanktionen fiel — verhängt nach der Annexion der Krim.

Um überhaupt ins Schwarze Meer zu gelangen, musste die Plattform aufwendig umgebaut werden: Ihr Bohrturm wurde abgesenkt, damit sie unter den drei Brücken des Bosporus in Istanbul hindurchpasste. Ein Teil dieser Umbauten und Wartungsarbeiten fand über die Jahre in spanischen Häfen statt — unter anderem in Las Palmas und in Cartagena. Die Inseln sind in diesem globalen Offshore-Geschäft kein Zaungast, sondern eine etablierte Werkstatt.

Wichtig fürs Heute: Saipem ist längst raus aus Russland

Hier die entscheidende Einordnung, damit kein falscher Eindruck entsteht: Das Schwarzmeer-Projekt mit Rosneft wurde bereits im März 2018 beendet, als die Sanktionen Eni zum Ausstieg zwangen. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zog sich Saipem vollständig aus Russland zurück und schloss 2022/2023 auch seinen Ausstieg aus dem russischen Arctic-2-LNG-Projekt ab.

Die Scarabeo 9 selbst arbeitet heute, nach Angaben aus Saipems jüngstem Geschäftsbericht von Ende 2025, im Mittelmeer für Eni — zuletzt verlegt von Ägypten nach Libyen. Ihre Präsenz in Las Palmas hat also mit aktueller Sanktionsumgehung nichts zu tun; sie ist Teil des normalen Werft- und Wartungsbetriebs einer Plattform, die zwischen Aufträgen immer wieder einen Hafen braucht. Was bleibt, ist die bemerkenswerte Bauweise — und ein Stück Geschichte, das zeigt, wie löchrig internationale Sanktionen sein können, wenn Technik bewusst um sie herum konstruiert wird.

⚠ Einordnung statt Verdacht Die Scarabeo 9 ist ein legal operierendes Industrieobjekt eines börsennotierten EU-Konzerns. Ihr Russland-Kapitel ist Geschichte (2017/18). Wer heute von «Sanktionsumgehung» spricht, verwechselt die Vergangenheit der Plattform mit der Gegenwart. Beides sauber zu trennen, ist der ganze Punkt dieser Geschichte.

Der grössere Zusammenhang: die russische «Schattenflotte» vor den Kanaren

Dass die Geschichte einer «sanktionssicheren» Plattform gerade jetzt wieder Aufmerksamkeit bekommt, hat einen aktuellen Hintergrund. Vor den Kanaren ist die russische «Schattenflotte» (dark fleet) zu einem ständigen Thema geworden — ein Geflecht aus alternden Tankern mit häufig wechselnden Namen, Flaggen und undurchsichtigen Eigentümerstrukturen, das russisches Öl an den westlichen Sanktionen vorbeischleust.

Die spanische Regierung räumte in ihrem jüngsten Bericht zur Nationalen Sicherheit ein, dass jede Woche rund 50 solcher Schiffe in der Nähe der Kanaren entdeckt werden. Genannt werden Risiken von Unfällen und Umweltverschmutzung bis hin — als sehr unwahrscheinliches, aber erwähntes Szenario — zum möglichen Einsatz als Startplattform für Drohnen. Im Januar 2026 trieb ein von der EU sanktionierter russischer Tanker mit über 425.000 Barrel raffinierter Produkte vor Almería; er wurde nach Marokko eskortiert, ohne aufgebracht zu werden.

Die Scarabeo 9 gehört nicht zu dieser Schattenflotte — sie ist ein legal operierendes Industrieobjekt eines börsennotierten EU-Konzerns. Aber ihre Geschichte und die Schattenflotte erzählen dasselbe grössere Thema: Die Kanaren liegen mitten in einem atlantischen Knotenpunkt, an dem sich Energie, Geopolitik und die Grauzonen des internationalen Rechts kreuzen — und der Hafen von Las Palmas ist mittendrin.

Was das für die Inseln bedeutet

Die Offshore-Reparaturindustrie ist für Las Palmas ein wirtschaftlicher Pfeiler: Vor der Pandemie wurde ihr Volumen auf rund 400 Millionen Euro geschätzt, mit etwa 7.000 direkten Arbeitsplätzen. Plattformen wie die Scarabeo 9 sind für die Werften lukrative Gäste. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie eng Geschäft und Geopolitik hier beieinanderliegen — und warum der Hafen, an dem viele Residenten täglich vorbeifahren, mehr ist als ein Containerumschlagplatz.

Häufige Fragen

Ist die Scarabeo 9 ein russisches Schiff?
Nein. Sie gehört dem italienischen Konzern Saipem und fährt unter der Flagge der Bahamas. Der Russland-Bezug stammt aus einem Bohrauftrag von 2017/18 für Eni/Rosneft im Schwarzen Meer, der längst beendet ist.
Ist es ein Forschungsschiff?
Nein. Das ist eine Verwechslung, die im Umlauf ist. Die Scarabeo 9 ist eine Tiefsee-Bohrplattform, kein Forschungsschiff.
Umgeht die Plattform aktuell Sanktionen?
Nein. Saipem hat sich 2022/2023 vollständig aus Russland zurückgezogen. Die Plattform arbeitet heute im Mittelmeer für Eni. Der Sanktions-Aspekt ist historisch und betrifft die Bauweise und den Einsatz von 2017/18.
Wie konnte sie 2017 trotz Sanktionen für Russland bohren?
Weil sie in China nach norwegischem Design gebaut wurde und kaum US-Bauteile enthält. Damit fiel sie nicht unter US-Sanktionen, die amerikanische Technologie betreffen. Bloomberg nannte sie deshalb «sanktionssicher».
Was hat das mit den Kanaren zu tun?
Las Palmas ist ein wichtiger Standort für Offshore-Reparaturen. Die Scarabeo 9 wurde dort über die Jahre mehrfach gewartet und umgebaut. Hinzu kommt der aktuelle Kontext der russischen Schattenflotte, die regelmässig vor den Inseln auftaucht.