Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick beunruhigt: Die britische Zeitung The Sun, eines der meistgelesenen Blätter im Vereinigten Königreich, rät ihren Leserinnen und Lesern, in diesem Sommer bestimmte Strände in Spanien zu meiden – darunter auch mehrere Orte auf den Kanarischen Inseln. Die Schlagzeile ist typisch boulevardesk und spricht von „Stränden, die ihr diesen Sommer unbedingt meiden müsst“. Doch was steckt wirklich dahinter?

Die Grundlage für die Warnung ist kein plötzlich aufgetauchtes Gesundheitsrisiko, sondern ein Bericht, der jedes Jahr erscheint: die „Banderas Negras“ – zu Deutsch „Schwarze Flaggen“ – der spanischen Umweltschutzorganisation Ecologistas en Acción. Diese Liste zeichnet nicht etwa die schönsten Strände aus, sondern prangert die aus Sicht der Umweltschützer gravierendsten Fälle von Umweltverschmutzung, Naturzerstörung und schlechtem Küstenmanagement an der gesamten spanischen Küste an. Für 2024 wurden insgesamt 48 solcher Schwarzen Flaggen vergeben, vier davon gingen an die Kanaren.

Welche Orte auf den Kanaren genau genannt werden

Die Liste von The Sun nennt für die Kanarischen Inseln vier konkrete Orte, die mit einer Schwarzen Flagge bedacht wurden. Es handelt sich dabei nicht in allen Fällen um klassische Badestrände, was in der boulevardesken Aufbereitung schnell untergeht. Ein genauer Blick lohnt sich also.

Zum einen ist da die Playa de Las Teresitas in Santa Cruz de Tenerife. Der rund eineinhalb Kilometer lange, goldene Sandstrand mit den markanten Palmen ist einer der bekanntesten und meistbesuchten Strände der Insel. Ecologistas en Acción kritisiert hier vor allem Probleme bei der Wasserqualität und ein unzureichendes Management. Ebenfalls auf Teneriffa liegt Cuna del Alma in der Gemeinde Adeje. Hier geht es allerdings nicht um einen Badeort, sondern um ein Küstengebiet, das durch ein großes Tourismus- und Wohnprojekt massiv unter Druck geraten ist. Die Umweltschützer vergeben die Schwarze Flagge für die Umweltzerstörung und die aus ihrer Sicht verfehlte Küstenplanung.

Auf Gran Canaria stehen die Fischfarmen vor der Küste von Telde im Fokus. Die Aquakultur-Anlagen mit ihren Käfigen im Meer sind kein Ort, an den sich Urlauber zum Schwimmen begeben. Die Schwarze Flagge gilt hier den Umweltauswirkungen der Fischzucht, darunter die Belastung des Meeresbodens und die mögliche Verschmutzung des Wassers. Der vierte kanarische Ort auf der Liste ist die Kreuzfahrtzone von Arrecife auf Lanzarote. Auch dies ist kein Strand, sondern das Hafengebiet, in dem die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen. Kritisiert werden die Luft- und Wasserverschmutzung durch den Schiffsverkehr sowie die Belastung des empfindlichen Küstenökosystems.

Warum The Sun genau diese Orte nennt

Die Argumentation der britischen Zeitung folgt einer einfachen Logik: Was eine Schwarze Flagge von einer anerkannten Umweltorganisation bekommt, kann für Urlauber nicht gut sein. The Sun verweist in ihrem Artikel auf Probleme wie „Chemieunfälle und Abwasserprobleme“, „mangelhafte Kläranlagen“ sowie „Verschmutzung durch Chemikalien, Licht und Lärm“. Diese Aufzählung klingt dramatisch und erweckt den Eindruck, als sei das Baden an den genannten Orten akut gesundheitsgefährdend.

Tatsächlich bilden die jährlichen „Banderas Negras“ eine Mischung aus sehr unterschiedlichen Problemen ab. Es geht um klassische Wasserverschmutzung durch Einleitungen ebenso wie um die Zerstörung natürlicher Küstenlandschaften durch Bauprojekte, um die Folgen des Massentourismus oder um industrielle Aktivitäten wie die Fischzucht. Die Umweltschützer selbst betonen, dass es sich um eine symbolische Liste handelt, die auf Missstände aufmerksam machen soll – nicht um ein behördliches Badeverbot. The Sun hingegen verdichtet diese komplexe Botschaft zu einer klaren Handlungsanweisung: meiden.

Tipp Wenn ihr auf Nummer sicher gehen wollt, prüft vor dem Strandbesuch die aktuellen Wasserqualitätsdaten der Europäischen Umweltagentur – die sind oft viel aktueller als jährliche Kampagnenberichte.

Wie die spanische Seite die Sache sieht

In Spanien, und besonders auf den Kanaren, wird die Berichterstattung von The Sun mit einer Mischung aus Verständnis und Stirnrunzeln aufgenommen. Das kanarische Nachrichtenportal Canarias Ahora, das als erstes über die britische Liste berichtete, stellt die Sache deutlich differenzierter dar. Es verweist darauf, dass die Schwarzen Flaggen ein Kampagneninstrument sind, das jedes Jahr die aus Sicht der Umweltschützer schlimmsten Fälle anprangert – und zwar bewusst auf zwei Fälle pro Provinz begrenzt. Es ist also eine Zuspitzung, keine flächendeckende Bewertung aller Strände.

Zudem wird in der spanischen Berichterstattung der Zusammenhang zu einer breiteren Debatte hergestellt. Bereits im Jahr zuvor hatte der renommierte Reiseführer Fodor’s Travel die Kanarischen Inseln auf seine „No List“ gesetzt und vor den Folgen des Übertourismus und der Umweltbelastung gewarnt. Die aktuelle Meldung aus Großbritannien reiht sich in diese Diskussion ein. Es geht weniger um eine plötzliche Gefahr für Badende als vielmehr um grundsätzliche Fragen: Wie viel Tourismus vertragen die Inseln? Wie geht man mit den ökologischen Folgen um? Und wie ehrlich kommuniziert man Probleme?

Ist die Warnung fair oder nur Panikmache?

Diese Frage lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Auf der einen Seite sind die von Ecologistas en Acción dokumentierten Probleme real. An der Playa de Las Teresitas gab es in der Vergangenheit immer wieder Diskussionen über die Wasserqualität und die Sauberkeit. Das Bauprojekt Cuna del Alma ist seit Jahren ein Zankapfel zwischen Investoren, Politik und Umweltschützern. Die Fischfarmen vor Telde und der Kreuzfahrtverkehr in Arrecife haben unbestreitbar Auswirkungen auf die Meeresumwelt. Wer sich für diese Themen interessiert, findet in der Schwarzen Flagge einen wichtigen Hinweis.

Auf der anderen Seite ist die Darstellung von The Sun in mehrfacher Hinsicht irreführend. Drei der vier genannten kanarischen Orte sind keine klassischen Badestrände, an denen Urlauber ihren Sommer verbringen. Die Warnung, diese „Strände“ zu meiden, erweckt den Eindruck, die gesamte Küste der Kanaren sei betroffen. Dabei geht es in Wirklichkeit um sehr spezifische, räumlich eng begrenzte Problemzonen. Die eigentliche Botschaft der Umweltschützer – ein Aufruf zu besserem Küstenschutz und nachhaltigerer Planung – geht im Boulevard-Duktus weitgehend verloren.

Gut zu wissen Die Schwarzen Flaggen sind kein offizielles Badeverbot, sondern eine Protestaktion – informiert euch bei den örtlichen Behörden, wenn ihr unsicher seid.

Häufige Fragen

Bedeutet die Schwarze Flagge ein Badeverbot?
Nein, es handelt sich um eine symbolische Auszeichnung von Umweltschützern, nicht um eine behördliche Anordnung. Ein Badeverbot wird nur von den zuständigen lokalen Behörden ausgesprochen.
Sind alle Strände auf den Kanaren betroffen?
Nein, die Liste von The Sun nennt nur vier sehr spezifische Orte auf drei Inseln. Die allermeisten Strände der Kanaren sind davon nicht berührt und haben eine ausgezeichnete Wasserqualität.
Kann ich an der Playa de Las Teresitas trotzdem baden?
Grundsätzlich ja. Informiert euch aber vor Ort über die aktuelle Wasserqualität, da es in der Vergangenheit gelegentlich Probleme gab. Offizielle Stellen veröffentlichen regelmäßig Messwerte.
Warum sind Fischfarmen und ein Hafen auf der Liste?
Die Schwarzen Flaggen bewerten nicht nur Badestrände, sondern die gesamte Küste. Fischfarmen und Kreuzfahrthäfen wurden wegen ihrer Umweltauswirkungen ausgezeichnet, nicht weil dort jemand baden geht.
Ist die Warnung von The Sun also übertrieben?
Teils, teils. Die zugrunde liegenden Umweltprobleme sind real, aber die boulevardeske Aufbereitung als allgemeine Reisewarnung für kanarische Strände ist irreführend und vereinfacht stark.

Stand: Juli 2026. Dieser Artikel basiert auf der Berichterstattung von eldiario.es/Canarias Ahora sowie dem Bericht „Banderas Negras 2024“ von Ecologistas en Acción. Er ersetzt keine offiziellen Reisewarnungen oder lokale Hinweise.