Es ist 00:00 Uhr in der Nacht zu Montag. In dieser Sekunde wird auf fünf der acht Kanaren-Inseln eine Verwaltungsentscheidung wirksam, die das Verhalten von Tausenden Residenten und Touristen in den nächsten vier Monaten verändert: Die Prealerta por riesgo de incendios forestales ist aktiviert. Es ist die Vorwarnstufe — die unterste der drei INFOCA-Stufen (Prealerta → Alerta → Alerta Máxima). Aber sie ist real, sie ist verbindlich, und sie betrifft jeden, der sich in der Natur bewegt oder Land besitzt.

Was ist die Prealerta — und was ist sie nicht?

Die Prealerta ist keine Evakuierung. Sie ist keine Sperrung. Sie ist eine erhöhte Bereitschaftsstufe für die Behörden — und eine Reihe von Verhaltensauflagen für die Bevölkerung. Die Idee dahinter: Die meisten Waldbrände auf den Kanaren entstehen nicht durch Naturphänomene, sondern durch menschliche Aktivitäten. Ein weggeworfener Zigarettenstummel, ein nicht ausreichend gelöschtes Lagerfeuer, ein Grill auf trockenem Boden, ein Funken einer Maschine. Wenn Temperaturen über 30 Grad steigen, die Luftfeuchtigkeit unter 30 % sinkt und Wind aus Süd bis Südwest weht — die typischen Calima-Bedingungen — wird daraus innerhalb von Minuten ein Grossbrand.

Die Westkanaren plus Gran Canaria sind besonders verletzlich: Kiefernwälder, Buschland, trockenes Gras, schwer zugängliches Bergterrain. Auf Lanzarote und Fuerteventura ist die Lage etwas anders — wenig Wald, dafür Trockenheit. Die beiden Inseln sind diesmal nicht in der Prealerta-Liste.

Was du ab heute nicht mehr tun darfst

Die Verordnung schreibt nicht alles im Detail vor — sie verweist auf die Massnahmen der einzelnen Cabildos (Inselregierungen) und Ayuntamientos (Gemeindeverwaltungen), die je nach lokaler Lage strikter sein können. Aber pauschal gilt:

  • Kein Zelten ausserhalb genehmigter Bereiche. Wildcampen — auch nur eine Nacht in den Bergen — ist verboten. Auch in genehmigten Bereichen können kurzfristig Schliessungen verhängt werden.
  • Kein offenes Feuer in Wald- oder Buschnähe. Keine Grillstellen, keine Lagerfeuer, auch keine Gas-Kocher in Risikozonen. Die regulären Erholungsgebiete («áreas recreativas») mit fest installierten Grillstellen werden in der Regel weiterbetrieben — aber nur, wenn der Cabildo der jeweiligen Insel sie ausdrücklich freigibt. Checke vor jedem Ausflug die Webseite der Inselverwaltung.
  • Keine Arbeiten mit Funkenflug. Schweissen, Schleifen, Maschineneinsatz mit Verbrennungsmotor — alles in Risikozonen verboten oder genehmigungspflichtig. Das betrifft auch Hausbesitzer in ländlichen Lagen, die Hecken schneiden oder Trockenes verbrennen wollen.
  • Kein Verbrennen von Pflanzenresten. Auf den Kanaren generell während der Hochrisikoperiode verboten. Wer im Frühjahr seinen Garten geräumt hat, sollte den Schnitt nicht jetzt verbrennen — sondern zum «Punto Limpio» bringen.
  • Zigaretten nur in geschlossenen Behältern entsorgen. Auswerfen aus dem Autofenster ist nicht nur fahrlässig — es ist auch eine Ordnungswidrigkeit, die im schlimmsten Fall als Verursachung eines Waldbrandes verfolgt werden kann.

Was bei einem Brand zu tun ist

Wer Rauch oder offene Flammen entdeckt, hat zwei Aufgaben:

  1. Sofort 112 anrufen. Klare Angaben: Standort (GPS-Koordinaten, wenn möglich; sonst nächste erkennbare Strasse oder Wanderwegmarkierung), Grösse, Windrichtung, ob Personen oder Gebäude gefährdet sind.
  2. Aus dem Gebiet entfernen. Nicht in Eigeninitiative löschen — kanarische Brände breiten sich extrem schnell aus. In den Aufzeichnungen vom Tajogaite-Vulkanausbruch 2021 und vom Teneriffa-Grossbrand 2023 (12.000 Hektar, 12.000 Evakuierte) sind genau diese Minuten entscheidend.

Bei einer Evakuierung mit Haustieren empfiehlt die Dirección General de Emergencias: eine Notfalltasche bereithalten mit Transportbox, Impfdokumenten und drei Tagen Futter, möglichst nur ein Familienfahrzeug benutzen, um die Fluchtrouten nicht zu blockieren. Wer verletzte Wildtiere findet, soll diese in eine Decke wickeln und ein Rehabilitationszentrum kontaktieren — die Telefonnummern sind über das jeweilige Cabildo zu finden.

Was 2026 anders ist als die Jahre davor

Zwei strukturelle Verbesserungen sind erwähnenswert:

Erstens: Der dritte EIRIF-Hubschrauber auf El Hierro. Bisher waren die Westkanaren (La Palma, La Gomera, El Hierro) auf einen einzigen Hubschrauber angewiesen. Jetzt teilen sich zwei Maschinen die Basis — schnellere Reaktionszeiten, weniger Wartezeit bei parallelen Einsätzen. Das ist nicht nur Symbolik: Die Westkanaren haben das schwierigste Terrain für Bodentruppen, jede gesparte Minute zählt.

Zweitens: Die 23 Drohnen mit Wärmebildkameras. Das ist Standard in modernen Brandbekämpfungen, aber für die Kanaren ein Sprung. Die Drohnen erkennen Hotspots nachts, wenn Bodentruppen schlafen oder Sicht beschränkt ist — und sie identifizieren Glutnester, die nach einem Hauptbrand übrig bleiben und tagelang als Zündquelle wirken können. Sechs Drohnen gehören dem GES (Grupo de Emergencias y Salvamento), 17 den EIRIF-Einheiten.

Was Tajogaite und Teneriffa-2023 uns gelehrt haben

Die Erinnerungen sind frisch. Der Cumbre-Vieja-Vulkanausbruch (Tajogaite) auf La Palma im Herbst 2021 hat zwar primär Lava-Schäden verursacht, aber begleitende Buschbrände erschwerten die Lage massiv. Der Teneriffa-Grossbrand im August 2023 zerstörte über 12.000 Hektar Wald in der Nordseite der Insel, evakuierte 12.000 Menschen und brannte zwei Wochen lang. Beide Ereignisse haben Spuren hinterlassen — politische, finanzielle, emotionale.

Die Botschaft der Behörden: Es ist nicht eine Frage von ob, sondern wann der nächste Grossbrand kommt. 2025 war ein ruhiges Jahr (INFOCA musste nicht offiziell aktiviert werden), aber das ist kein Grund zur Entwarnung — es ist die Ausnahme. Die kanarischen Kiefernwälder sind auf Feuer angewiesen, um sich zu regenerieren — aber kontrolliertes Feuer, nicht Megabrände, die ganze Berghänge entkernten.

Was Residenten konkret jetzt tun sollten

Wenn du in einer Risikozone lebst — am Waldrand, in einem ländlichen Gebiet, in Aldea oder Vega — sollten ein paar Vorbereitungen jetzt erledigt werden:

  • Eine Notfalltasche vorbereiten: Papiere (NIE, Pass, Versicherung), Medikamente für eine Woche, Notrufnummern, Ladegeräte, Bargeld, eine Liste der Adressen wichtiger Kontakte.
  • Den Brandschutzbereich um das Haus säubern: Trockene Vegetation in 30 Meter Umkreis zurückschneiden. Das ist auf den Kanaren auch gesetzlich vorgeschrieben für Häuser in Risikozonen.
  • Evakuierungsrouten kennen. Wenn du auf der Insel lebst, kenne mindestens zwei verschiedene Wege zur nächsten grösseren Strasse, falls eine Route blockiert wird.
  • Behörden-Apps installieren. Die App «112 Canarias» gibt Echtzeit-Warnungen. Manche Cabildos haben eigene Apps oder WhatsApp-Kanäle.

Und das vielleicht Wichtigste: Wenn die Behörden eine Evakuierung anordnen — folgen. Auch wenn das eigene Haus noch nicht sichtbar bedroht ist. Die Erfahrung von 2023 zeigt, dass diejenigen, die zu lange warten, am Ende mit dem Auto in einem Stau auf einer Strasse stehen, die jeden Moment vom Feuer eingeschlossen werden kann.

Häufige Fragen

Was ist die Prealerta genau?
Die unterste Stufe der INFOCA-Hierarchie (Prealerta → Alerta → Alerta Máxima). Sie aktiviert das gesamte Brandbekämpfungs-Aufgebot in erhöhter Bereitschaft und schreibt Verhaltensauflagen für die Bevölkerung vor. Sie wird oft den ganzen Sommer aktiv bleiben.
Auf welchen Inseln gilt sie?
La Palma, La Gomera, El Hierro, Teneriffa, Gran Canaria. Lanzarote und Fuerteventura sind nicht in der Liste, da sie kaum Wald haben.
Bis wann gilt die Prealerta?
Mindestens bis 30. September 2026, gemäss Decreto 180/2025. Sie kann je nach Wetterlage verlängert, verkürzt oder zur «Alerta» verschärft werden.
Darf ich noch grillen?
Auf eigenem Grundstück und mit fest installiertem Grill: vermutlich ja, je nach Gemeinde. In «áreas recreativas» (öffentliche Picknick-Bereiche mit Grillstellen): nur wenn der Cabildo der Insel diese ausdrücklich freigibt. Im freien Gelände, am Wegesrand, in der Natur: nein.
Darf ich noch wandern?
Ja, auf den ausgewiesenen Wegen. Aber: Manche Wanderwege werden bei Verschärfung der Lage gesperrt. Vor jeder Tour die Webseite des Cabildo der jeweiligen Insel oder die «112 Canarias»-App checken. Wer ohne Erlaubnis in gesperrtem Gebiet ist, kann zur Verantwortung gezogen werden.
Was sage ich, wenn ich Rauch sehe?
112 anrufen. Ortsangabe so präzise wie möglich (GPS-Koordinaten ideal). Nicht eigenständig löschen. Aus dem Bereich entfernen.
Was passiert mit Touristen?
Touristen unterliegen denselben Regeln wie Residenten. Wer auf einem Camping- oder Picknick-Verbot verstösst, kann mit Geldstrafen belegt werden — und im Fall einer durch ihn verursachten Brandstiftung mit ernsthaften strafrechtlichen Konsequenzen.
Was ist mit Hausbesitzern auf dem Land?
Wer ein Haus in einer Risikozone besitzt, muss laut spanischem Recht einen Brandschutzbereich («franja de protección») von 30 Metern um das Gebäude unterhalten — trockene Vegetation entfernen. Diese Pflicht ist real und kann bei Versäumnis ahndbar sein.
Wie war das Vorjahr?
2025 war ein erstaunlich ruhiges Jahr: 41 kleine Brände, davon 39 unter einer Hektar. 88 % betrafen nur Grasland, lediglich 2 % erreichten Wälder. INFOCA musste nicht offiziell aktiviert werden — nur die präventive Bereitschaft. Das ist statistisch gesehen die Ausnahme, nicht die Regel.