Kanaren bei 5,2 von 10: Was das Tourismus-Barometer von LLYC wirklich misst
Die Kanaren haben im Tourismus-Barometer der Beratungsfirma LLYC wieder eine ausreichende Note erreicht: 5,2 von 10 Punkten im zweiten Quartal 2026, nach 4,7 Punkten im gleichen Quartal 2025. Die Zahl wurde im August veröffentlicht und in mehreren Medien als Zeichen einer wachsenden Akzeptanz des Tourismus auf den Inseln gelesen.
Foto: Gerda Arendt, CC BY-SA 4.0 (Symbolbild).
Beim genaueren Hinsehen trägt sie diese Deutung nur bedingt. Das Barometer ist keine Bevölkerungsumfrage, sondern eine Auswertung digitaler Gespräche – und im selben Zeitraum waren laut der Auswertung 59 Prozent der kanarischen Beiträge über Tourismus negativ. Dieser Text ordnet ein, was die 5,2 aussagt und was nicht.
Was das Barometer sagt
LLYC, eine spanische Kommunikations- und Beratungsfirma, veröffentlicht vierteljährlich ein Barómetro de Percepción Turística. Die Ausgabe zum zweiten Quartal 2026 wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur Europa Press am 11. August 2026 verbreitet.
Für die Kanaren weist sie 5,2 von 10 Punkten aus. Das sind 0,5 Punkte mehr als im zweiten Quartal 2025, als der Archipel bei 4,7 lag. Damit überschreiten die Inseln erstmals seit längerem wieder die Fünf-Punkte-Marke, die in Spanien als Bestehensgrenze gilt – die Formulierung „Kanaren holen sich das Ausreichend zurück“ stammt aus der Berichterstattung von La Voz de Lanzarote über den Bericht.
Zugleich bleibt der Archipel unter dem spanischen Mittel. Das lag laut LLYC im zweiten Quartal 2026 bei 5,4 Punkten, sieben Zehntel mehr als ein Jahr zuvor und unverändert gegenüber dem Vorquartal. Im Ländervergleich stehen die Kanaren damit auf Platz zwölf von 17 autonomen Gemeinschaften.
Als Gründe für die Verbesserung nennen die Zusammenfassungen des Berichts vor allem zwei Punkte: die Außenwerbung für das Reiseziel und die gewachsene Fluganbindung. Beides sind Themen, die in der digitalen Debatte positiv besetzt sind.
Was gemessen wird – und was nicht
Entscheidend für die Einordnung ist die Methode. LLYC befragt keine Menschen. Das Barometer beruht auf social listening: Es wertet Beiträge in sozialen Netzwerken, digitalen Medien und Fachforen aus, ordnet sie nach Tonalität in positiv, negativ und neutral ein und errechnet daraus eine Note von 0 bis 10. Für die Ausgabe 2026 nennen die Berichte knapp 1,2 Millionen ausgewertete Nachrichten aus zwölf Monaten; seit Beginn der Reihe 2022 spricht LLYC von mehreren Millionen erfassten Erwähnungen.
Die Note kombiniert dabei das Gesprächsvolumen mit dem Netto-Stimmungswert, den LLYC als sNPS bezeichnet. La Voz de Ibiza beschreibt diesen Wert als Saldo der Konversation auf einer Skala von −100 bis +100. Eine Note von 5,2 ist also kein Anteil zustimmender Menschen, sondern ein aus Menge und Tonlage zusammengesetzter Indexwert.
Das erklärt einen scheinbaren Widerspruch. Für die Kanaren weist die Auswertung im zweiten Quartal 2026 laut La Voz de Lanzarote 59 Prozent negative, 23,5 Prozent neutrale und 17,5 Prozent positive Beiträge aus. Eine ausreichende Note und eine überwiegend kritische Debatte schließen sich in diesem Modell nicht aus.
Die Grenzen der Methode werden auch in der spanischen Berichterstattung benannt. Wer sich online nicht äußert oder nicht ausdrücklich über Tourismus schreibt, taucht in den Daten nicht auf – darauf weist unter anderem die katalanisch-balearische Zeitung Ara Balears in ihrer Analyse des Barometers hin. Fachliche Standardeinwände gegen Social Listening kommen hinzu: keine Zufallsstichprobe, Selbstselektion der Beitragenden, Abhängigkeit von den gewählten Suchbegriffen. Gemessen wird das öffentlich geäußerte Stimmungsklima, nicht die Meinung der Bevölkerung.
Die Kanaren im spanischen Vergleich
Im Ranking des zweiten Quartals 2026 führt nach übereinstimmenden Medienberichten Extremadura mit 7,7 Punkten, gefolgt von Aragón und Asturien mit je 7,5. Dahinter folgen Murcia und Navarra (je 7,2), Kastilien-La Mancha (6,9), Kantabrien (6,8), La Rioja (6,7), Kastilien und León (6,6) sowie Galicien (6,2).
Im unteren Feld stehen Madrid (5,6), die Kanaren (5,2), das Baskenland (5,1), die Balearen (5,0), die Region Valencia (4,9), Katalonien (4,3) und Andalusien (4,1). Die Rangfolge folgt erkennbar der touristischen Intensität: Regionen mit vielen Gästen pro Einwohner schneiden schlechter ab als Binnenregionen mit geringerem Besucheraufkommen.
Das ist zugleich ein Hinweis auf die Aussagekraft. Was das Barometer misst, ist stark davon abhängig, wie viel über ein Reiseziel überhaupt gestritten wird. In Extremadura ist Tourismus kein Konfliktthema, auf den Kanaren seit Jahren eines – das schlägt sich in der Note nieder, ohne dass daraus folgt, dass Extremadurer den Tourismus stärker befürworten als Kanarier.
Auf spanischer Ebene verschiebt sich laut LLYC die Themenlage. Neben Massentourismus und Wohnkosten gewinnt der Zustand der Infrastruktur an Gewicht; laut der Auswertung von El Periódico zählt er inzwischen in zwölf Regionen zu den sechs meistdiskutierten Themen. Für die Kanaren berichten mehrere Medien, dass Sicherheit im zweiten Quartal 2026 zum meistdiskutierten Thema der Tourismusdebatte aufgestiegen sei.
Der Hintergrund: Proteste, Wohnraum, Ökosteuer
Die Note von 4,7 im Jahr 2025 fiel in eine Phase anhaltender Proteste. Am 20. April 2024 demonstrierten unter dem Motto Canarias tiene un límite („Die Kanaren haben eine Grenze“) Zehntausende auf allen Inseln. Die Regierungsdelegation zählte nach Angaben von El País mehr als 30.000 Menschen in Santa Cruz de Tenerife und rund 14.000 in Las Palmas de Gran Canaria; die Veranstalter und einzelne Medien nannten für den gesamten Archipel Zahlen zwischen gut 57.000 und knapp 200.000.
Am 20. Oktober 2024 gingen laut El País rund 9.000 Menschen erneut auf die Straße. Am 18. Mai 2025 folgte die nächste Runde: RTVE nannte 23.190 Teilnehmende insgesamt, darunter 15.000 auf Teneriffa, 5.000 auf Gran Canaria und 2.000 auf Lanzarote; die Plattformen sprachen laut eldiario.es von 90.000 bis 100.000 Menschen. Gefordert wurden unter anderem ein Tourismus-Moratorium, eine Ökosteuer, Regeln für Ferienvermietung, Grenzen für Immobilienkäufe durch Nichtansässige und Maßnahmen gegen Abwassereinleitungen.
Beim Thema Wohnen sind die Zahlen des Barometers und die Alltagserfahrung deckungsgleich: Miet- und Kaufpreise gehören laut LLYC zu den stärksten Treibern der negativen Konversation auf den Inseln, gefolgt von Überlastung der Infrastruktur und Umweltschäden in Schutzgebieten.
Eine kanarenweite Tourismusabgabe gibt es weiterhin nicht. Spanienweit erheben nach den vorliegenden Übersichten nur Katalonien, die Balearen und Asturien eine solche Steuer. Auf Teneriffa lehnte der Cabildo einen PSOE-Antrag für eine Übernachtungsabgabe mit den Stimmen von CC, PP und Vox ab, beschloss aber eine zweckgebundene Gebühr für Leistungen in Naturschutzgebieten; Inselpräsidentin Rosa Dávila kündigte für den Teide-Nationalpark eine ab 2026 geltende Abgabe für Nichtansässige an, von der Insel- beziehungsweise kanarische Bewohner ausgenommen oder ermäßigt sind. Im Regionalparlament wurde die Ökosteuer 2025 erneut debattiert.
Wie viel Gewicht verträgt eine einzelne Zahl?
Es gibt für die Kanaren repräsentative Erhebungen zum selben Thema – und sie zeichnen ein anderes Bild als die Schlagzeilen zum Barometer. Das Sociobarómetro de Canarias der Fernuniversität UNED, im Dezember 2025 mit einer Stichprobe von 1.511 Personen veröffentlicht, ergab: 58 Prozent der Befragten halten die Zahl der Gäste für angemessen, 20,7 Prozent für zu hoch und 12,3 Prozent für zu niedrig.
Das kanarische Statistikinstitut ISTAC wiederum hat im zweiten Quartal 2024 in seiner Haushaltsbefragung ECOSOC ein Tourismusmodul erhoben, befragt wurden Ansässige ab 18 Jahren. Danach halten laut ISTAC knapp 70 Prozent den Tourismus für nützlich, weil er nötige Investitionen anziehe, sagen aber zugleich, er verteuere die Lebenshaltung. Drei von vier Befragten sagen, er trage zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, verteuere aber Miet- und Kaufpreise; 63,3 Prozent nehmen wahr, dass Tourismus zu Wohnortwechseln führt, 44,6 Prozent sehen Spannungen zwischen Ansässigen und Gästen. Zur Tourismusabgabe waren 43 Prozent dafür, 24 Prozent dagegen, 28,5 Prozent unentschieden.
Diese Befunde widersprechen dem Barometer nicht, sie messen etwas anderes. Umfragen erfassen Meinungen einer gezogenen Stichprobe, Social Listening erfasst Äußerungen derer, die sich äußern. Beide Instrumente haben ihren Wert; austauschbar sind sie nicht.
Für die Lektüre der 5,2 heißt das: Sie belegt, dass die digitale Tourismusdebatte auf den Kanaren im zweiten Quartal 2026 weniger negativ geführt wurde als ein Jahr zuvor. Sie belegt nicht, dass die Bevölkerung den Tourismus stärker akzeptiert, dass die Konflikte um Wohnraum entschärft wären oder dass die Proteste an Rückhalt verloren hätten. Wer die Zahl als Beleg für „wachsende Akzeptanz“ zitiert, dehnt sie über das aus, was die Methode hergibt.
Faustregel beim Lesen solcher Studien: Zuerst nachsehen, ob Menschen befragt wurden oder Beiträge ausgewertet – davon hängt ab, welche Aussagen die Zahl trägt.
Zudem gilt: Die 5,2 stehen neben 59 Prozent negativen Beiträgen im selben Zeitraum. Der Bericht selbst ist nicht frei zugänglich publiziert – alle hier genannten Zahlen stammen aus der Berichterstattung über die von LLYC verbreiteten Ergebnisse, nicht aus einer geprüften Methodendokumentation.
Zahlen im Überblick
- 5,2 von 10 Punkten für die Kanaren im zweiten Quartal 2026, nach 4,7 im zweiten Quartal 2025 (Barómetro de Percepción Turística, LLYC; verbreitet im August 2026).
- Spanischer Durchschnitt 5,4 Punkte, sieben Zehntel mehr als im Vorjahresquartal; die Kanaren liegen auf Rang zwölf von 17 Regionen (LLYC, laut Medienberichten).
- Tonalität der kanarischen Beiträge: 59 Prozent negativ, 23,5 Prozent neutral, 17,5 Prozent positiv (LLYC, via La Voz de Lanzarote).
- Datenbasis: knapp 1,2 Millionen ausgewertete Beiträge aus zwölf Monaten in sozialen Netzwerken, Onlinemedien und Fachforen; Erhebung vierteljährlich (LLYC).
- Repräsentative Gegenprobe: 58 Prozent der Kanarier halten die Gästezahl für angemessen, 20,7 Prozent für zu hoch (Sociobarómetro de Canarias, UNED, 1.511 Befragte, Dezember 2025).
- Kontext: Am 18. Mai 2025 zählte RTVE 23.190 Teilnehmende an den Protesten gegen das Tourismusmodell; die Veranstalter nannten laut eldiario.es 90.000 bis 100.000.
FAQ
- Wer steht hinter dem Barometer?
- Die Kommunikations- und Beratungsfirma LLYC. Sie veröffentlicht das Barómetro de Percepción Turística vierteljährlich; die Ausgabe zum zweiten Quartal 2026 wurde laut Europa Press am 11. August 2026 verbreitet.
- Wurden Kanarierinnen und Kanarier befragt?
- Nein. Das Barometer wertet öffentlich zugängliche Beiträge in sozialen Netzwerken, Onlinemedien und Fachforen aus. Wer sich dort nicht äußert, ist in den Daten nicht vertreten.
- Wie kann die Note 5,2 lauten, wenn 59 Prozent der Beiträge negativ sind?
- Weil die Note kein Zustimmungsanteil ist. Sie verrechnet Gesprächsvolumen und Netto-Stimmung (von LLYC als sNPS bezeichnet) zu einem Indexwert zwischen 0 und 10.
- Sagen repräsentative Umfragen dasselbe?
- Nur teilweise. Das Sociobarómetro der UNED vom Dezember 2025 fand 58 Prozent, die die Gästezahl für angemessen halten, und 20,7 Prozent, die sie für zu hoch halten. Die ISTAC-Erhebung ECOSOC zeigt gleichzeitig hohe Zustimmung zum wirtschaftlichen Nutzen und breite Kritik an Preis- und Wohnfolgen.
- Gibt es auf den Kanaren inzwischen eine Ökosteuer?
- Keine archipelweite Tourismusabgabe. Auf Teneriffa beschloss der Cabildo eine zweckgebundene Gebühr für Schutzgebiete, und für den Teide-Nationalpark wurde eine ab 2026 geltende Abgabe für Nichtansässige angekündigt. Eine allgemeine Übernachtungssteuer wurde dort abgelehnt.
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