Sonntagnachmittag, kurz nach vier, am Strand von Playa Honda — einem Ort an der Ostküste Lanzarotes, gleich neben dem Flughafen. Eine junge Lanzaroteñerin steht im flachen Wasser am Uferrand. Plötzlich ein heftiger Stoss, dann ein Biss in ihr Bein. Sie tritt mehrfach um sich, bis sie sich befreit hat. Was sie nicht gesehen hatte: Direkt vor ihren Füssen lag, vollständig im Sand vergraben, ein junger Engelhai — nur die Augen schauten heraus.

Die Frau war auf das Tier getreten. Der Hai reagierte so, wie jedes Wildtier reagiert, wenn man versehentlich darauf tritt: mit einem Verteidigungsbiss. Kein Angriff. Keine Jagd. Eine Schreckreaktion.

Was ist überhaupt ein Engelhai?

Der Engelhai — auf Spanisch «angelote», wissenschaftlich Squatina squatina — ist ein Hai, der so gar nicht aussieht wie der Hai aus dem Kino. Er hat einen flachen, breiten Körper, grosse flügelartige Brustflossen (daher der Name «Engel») und lebt am sandigen Meeresboden. Er ist kein schneller Schwimmer in offenem Wasser, sondern ein Lauerjäger: Er gräbt sich halb in den Sand ein, lässt nur die Augen herausschauen und wartet stundenlang regungslos, bis ein Fisch vorbeischwimmt.

Genau diese Tarnung war hier das Problem. Wer im flachen Wasser läuft, sieht das Tier nicht — und tritt es im schlimmsten Fall.

Wie gefährlich ist er für Menschen?

Kurze Antwort: praktisch gar nicht. Es gibt keine dokumentierten schweren oder tödlichen Engelhai-Vorfälle in Kanaren oder ganz Spanien. Der Hai verwechselt Menschen nicht mit Beute — dafür ist ein Bein viel zu gross. Die wenigen bekannten Bisse waren alle das Gleiche: Jemand ist versehentlich auf ein im Sand verstecktes Tier getreten, und der Hai hat sich gewehrt.

Es gab einen ähnlichen Fall am Strand von Famara, wo ein grösseres Jungtier ein Kind biss, das im flachen Wasser badete — dieses Kind musste medizinisch versorgt werden. Auch das war kein Angriff, sondern dieselbe Schreck-Situation.

Mit anderen Worten: Der Engelhai ist für den Menschen ungefähr so gefährlich wie eine Biene. Er sticht (oder beisst) nur, wenn man ihn bedrängt — und sucht von sich aus nie den Kontakt.

Warum Lanzarote für diesen Hai so wichtig ist

Jetzt kommt der eigentlich erstaunliche Teil. Der Engelhai war früher im gesamten Nordostatlantik und Mittelmeer verbreitet — von Skandinavien bis Westafrika. Heute ist er fast überall verschwunden. Überfischung, Grundschleppnetze, die den Meeresboden umpflügen, Verschmutzung und Klimawandel haben die Bestände zusammenbrechen lassen. Der Engelhai gilt heute als eine der am stärksten bedrohten Hai-Arten der Welt — die zweitstärkst bedrohte Hai-Gruppe überhaupt.

Und ausgerechnet die Kanaren — und besonders Lanzarote — sind eines der letzten Gebiete, in denen die Art noch in stabiler Zahl lebt. Der sandige, geschützte Meeresboden rund um die Insel ist eine Kinderstube für Engelhai-Jungtiere. Was hier vor Playa Honda passiert ist, ist also paradoxerweise ein gutes Zeichen: Es zeigt, dass die Tiere sich vermehren und ihre Jungen direkt an den Stränden aufwachsen.

Die Kanaren-Population steht im spanischen Katalog der vom Aussterben bedrohten Arten. Forschungsprojekte wie das Angel Shark Project markieren auf Lanzarote regelmässig Jungtiere und sammeln Sichtungsmeldungen, um die Art zu schützen. Taucher aus aller Welt kommen nach Lanzarote, gerade um Engelhaie zu sehen — für viele ist es das einzige Gewässer, in dem sie das überhaupt noch können.

Was du am Strand beachten solltest

Die Wahrscheinlichkeit, dass dir das passiert, ist sehr gering. Aber falls du an Lanzarotes Sandstränden badest — vor allem an Playa Honda, Famara oder anderen flachen, sandigen Buchten — ein paar einfache Regeln:

  • Schlurfe durchs flache Wasser, statt zu stapfen. Wenn du die Füsse über den Sand schiebst statt auftrittst, scheuchst du verborgene Tiere auf, ohne sie zu treten. Diese Technik nennt sich «Stachelrochen-Schlurfen» — sie funktioniert für alle im Sand lebenden Meerestiere.
  • Schau ins Wasser, wo du hintrittst. Im flachen, klaren Wasser sieht man oft die Augen oder die Umrisse eines vergrabenen Tiers, wenn man genau hinschaut.
  • Wenn du einen Engelhai siehst: in Ruhe lassen. Nicht anfassen, nicht stören. Aus der Distanz beobachten ist völlig ungefährlich — und ein echtes Privileg, weil es nur noch an wenigen Orten der Welt möglich ist.
  • Im Fall eines Bisses: Wunde reinigen, desinfizieren, bei tieferen Verletzungen ärztlich versorgen lassen. Der Biss eines Jungtiers ist meist oberflächlich, aber jede Tierbisswunde sollte sauber gehalten werden, um Infektionen zu vermeiden.

Eine Geschichte mit zwei Seiten

Der Vorfall von Playa Honda eignet sich gut für eine reisserische Schlagzeile — «Hai beisst Schwimmerin». Aber die wahre Geschichte ist eine andere: Ein extrem seltenes, vom Aussterben bedrohtes Tier hat sich gewehrt, nachdem ein Mensch versehentlich auf es getreten ist. Und der eigentliche Punkt ist, dass es dieses Tier vor Lanzarotes Stränden überhaupt noch gibt — während es fast überall sonst auf der Welt verschwunden ist.

Wer auf Lanzarote lebt oder Urlaub macht, teilt das Wasser mit einem der besonderen Tiere des Atlantiks. Das ist kein Grund zur Angst — sondern, mit etwas Respekt und Vorsicht, ein ziemliches Glück.

Häufige Fragen

Was ist ein Engelhai?
Ein flacher, bodenlebender Hai (Squatina squatina, span. «angelote») mit grossen flügelartigen Flossen. Er lebt halb im Sand vergraben und jagt aus dem Hinterhalt. Trotz des Namens «Hai» ist er für Menschen praktisch ungefährlich.
Ist der Engelhai gefährlich?
Nein. Es gibt keine dokumentierten schweren oder tödlichen Vorfälle in Spanien. Bisse passieren nur, wenn jemand versehentlich auf ein im Sand verstecktes Tier tritt — eine reine Verteidigungsreaktion, kein Angriff.
Was ist in Playa Honda passiert?
Am 1. Juni 2026 trat eine junge Frau im flachen Wasser versehentlich auf ein im Sand vergrabenes Engelhai-Jungtier. Das Tier biss zur Verteidigung in ihr Bein. Sie musste sich mehrfach freitreten, trug aber keine schweren Verletzungen davon. Playa Honda liegt an der Ostküste Lanzarotes, neben dem Flughafen.
Warum lebt der Engelhai gerade auf Lanzarote?
Lanzarote hat die sandigen, geschützten Meeresböden, die diese Art zum Leben und zur Aufzucht ihrer Jungen braucht. Während der Engelhai fast überall sonst durch Überfischung und Grundschleppnetze verschwunden ist, sind die Kanaren — besonders Lanzarote — eines der letzten Refugien weltweit.
Wie kann ich mich am Strand schützen?
Schiebe die Füsse durch den Sand, statt fest aufzutreten («Stachelrochen-Schlurfen»). Schau im flachen, klaren Wasser, wo du hintrittst. Wenn du einen Engelhai siehst: aus der Distanz beobachten, nicht anfassen.
Soll ich einen Engelhai melden, wenn ich einen sehe?
Ja. Das Angel Shark Project sammelt Sichtungsmeldungen, um die Art zu erforschen und zu schützen. Taucherbasen und lokale Naturschutzorganisationen auf Lanzarote nehmen solche Meldungen entgegen.
Darf man Engelhaie fangen oder stören?
Nein. Die Art ist gesetzlich geschützt und steht im spanischen Katalog der vom Aussterben bedrohten Arten. Fangen, stören oder verletzen ist verboten und strafbar.