Es war ein Projekt der Superlative, das über Jahre hinweg für hitzige Debatten sorgte: Nueva Pescanova, einer der größten Fischereikonzerne Spaniens, wollte im Hafen von Las Palmas de Gran Canaria die weltweit erste kommerzielle Farm für die Zucht von Kraken errichten. Nun ist das Vorhaben in seiner aktuellen Form endgültig gescheitert. Das Unternehmen hat seinen Antrag auf die Hafenkonzession offiziell zurückgezogen, und die Hafenbehörde von Las Palmas hat ein sogenanntes Expediente de Caducidad, ein Verfallsverfahren, eingeleitet. Dieser rechtliche Schritt bedeutet, dass die Akte geschlossen und das Projekt nicht auf Basis des bestehenden Antrags realisiert werden kann.

Für alle, die die Entwicklung verfolgt haben, kommt dieser Schritt nicht überraschend. Das Vorhaben steckte seit Jahren in einer administrativen Sackgasse. Die entscheidende Hürde: Die Regierung der Kanarischen Inseln verlangte bereits 2023 eine vollständige Umweltverträglichkeitsprüfung, da sie von potenziell erheblichen negativen Auswirkungen auf die Meeresumwelt ausging. Diese detaillierte Prüfung wurde von Nueva Pescanova jedoch nie vorgelegt. In der Folge liefen separate Genehmigungsverfahren, etwa für die Einleitung von Abwässern, bereits Anfang 2026 wegen Fristversäumnissen aus. Die Hafenbehörde zog nun die logische Konsequenz und leitete das Verfallsverfahren für die Hauptkonzession ein, nachdem der Antrag jahrelang ohne Wirkung geblieben war.

Was das Verfallsverfahren konkret bedeutet

Der Begriff „Expediente de Caducidad“ klingt bürokratisch, hat aber eine sehr klare und endgültige Bedeutung. Im spanischen Verwaltungs- und Hafenrecht ist die Caducidad der formale Verfall eines Verfahrens. Sie wird ausgelöst, wenn gesetzliche Fristen und grundlegende Auflagen nicht erfüllt werden. In diesem Fall war der Antrag auf die Hafenkonzession, der im Mai 2021 eröffnet wurde, durch jahrelange Inaktivität und die Nichtvorlage der geforderten Umweltstudien praktisch wirkungslos geworden. Die Behörde hat nun die rechtliche Grundlage, die Akte zu schließen und endgültig zu archivieren.

Die praktische Konsequenz ist eindeutig: Die geplante Krakenfarm am Dock La Esfinge kann unter dem bestehenden Antrag nicht gebaut werden. Die Hafenbehörde hat bestätigt, dass sie die Akte nach dem formellen Rückzug des Unternehmens vom 24. Juli 2026 definitiv archivieren wird. Sollte Nueva Pescanova – oder ein anderes Unternehmen – in Zukunft eine Krakenfarm an diesem oder einem ähnlichen Standort errichten wollen, müsste der gesamte Prozess von vorne beginnen. Das bedeutet einen komplett neuen Konzessionsantrag, eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung und die erneute Durchlaufung aller behördlichen Genehmigungsverfahren. Das Projekt ist damit nicht nur auf Eis gelegt, sondern an diesem Punkt administrativ beendet.

Die Hintergründe: Ein Projekt der Superlative und seine Hürden

Um die Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen, lohnt ein Blick auf die ursprünglichen Pläne. Nueva Pescanova hatte Großes vor: Auf einer Fläche von rund 50.000 bis 62.000 Quadratmetern im Hafenbecken von La Esfinge sollte eine hochmoderne Aquakulturanlage entstehen. Die Investitionssumme wurde mit etwa 65 Millionen Euro beziffert. Das Ziel war eine jährliche Produktion von rund 3.000 Tonnen Kraken, was Schätzungen zufolge der Schlachtung von etwa einer Million Tieren pro Jahr entsprochen hätte. Die volle Kapazität sollte ursprünglich um das Jahr 2026 erreicht werden. Das Unternehmen warb mit der Schaffung von rund 300 Arbeitsplätzen, davon etwa 150 direkte, hochqualifizierte Stellen in der Aquakultur und Meeresforschung.

Doch der Weg von der Vision zur Realität war von Anfang an steinig. Kurz nach der Eröffnung des Konzessionsantrags im Mai 2021 mehrten sich die regulatorischen Hürden. Die anfänglich angedachte vereinfachte Umweltprüfung wurde von der Regierung der Kanarischen Inseln als unzureichend eingestuft. Die Auflage einer vollständigen Umweltverträglichkeitsprüfung war der entscheidende Wendepunkt. Diese Prüfung hätte die potenziellen Risiken für die Meeresumwelt, die Wasserqualität und die angrenzenden Bereiche des Hafens detailliert analysieren müssen. Dass Nueva Pescanova diese zentrale Studie nie einreichte, führte zu einem Dominoeffekt: Ohne die Umweltprüfung konnten auch andere Verfahren, wie die Genehmigung zur Einleitung von Abwässern in den Atlantik, nicht abgeschlossen werden und liefen ihrerseits wegen Fristüberschreitung aus.

Tipp Wenn Sie den Hafen von Las Palmas besuchen: Das Gelände am La Esfinge-Dock, das für die Farm vorgesehen war, wird derzeit übergangsweise von der Reederei Hamilton genutzt – ein Zeichen dafür, dass der Hafen auch ohne das Projekt wirtschaftlich aktiv bleibt.

Die Tierschutz-Kontroverse: Warum die Farm weltweit in der Kritik stand

Neben den administrativen Hürden war es vor allem der ethische und wissenschaftliche Gegenwind, der das Projekt zu einem globalen Präzedenzfall machte. Tierschutzorganisationen wie Compassion in World Farming, die Aquatic Animal Alliance und Eurogroup for Animals liefen über Jahre hinweg Sturm gegen die Pläne. Ihr zentrales Argument, gestützt auf eine viel beachtete Studie der London School of Economics: Kraken sind hochintelligente, fühlende Wesen, die Schmerz, Stress und sogar so etwas wie Glück empfinden können. Die Studie kam zu dem klaren Schluss, dass eine „artgerechte Krakenzucht unmöglich“ ist.

Die Kritiker führten eine Reihe von Risiken ins Feld, die mit einer intensiven Haltung in Tanks verbunden sind. Kraken sind von Natur aus Einzelgänger mit einem starken Erkundungsdrang. In den beengten Verhältnissen einer Farm, so die Befürchtung, würde es zu chronischem Stress, abnormalem Verhalten, Selbstverstümmelung und Kannibalismus kommen. Ein weiterer großer Streitpunkt war die geplante Schlachtmethode. Interne Dokumente, die von Medien zitiert wurden, legten nahe, dass die Tiere in Eisbrei oder durch Einfrieren getötet werden sollten. Nach wissenschaftlichem Konsens gibt es jedoch keine validierte, humane Methode zur Schlachtung von Kraken, und die vorgeschlagenen Methoden würden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu langem Leiden führen. Das Unternehmen selbst verwies stets auf seine jahrelange Forschung im Biomarine Research Center in Galicien und betonte, das Wohlergehen der Tiere durch ständige Überwachung von Stressleveln und Wasserqualität sicherzustellen. Man sah die Kritik als ideologisch motiviert an und argumentierte, es gebe nicht genügend Beweise dafür, dass Krakenzucht grundsätzlich tierquälerisch sei.

Umwelt, Wirtschaft und die Zukunft: Was bleibt vom Krakenfarm-Projekt?

Die Umweltbedenken beschränkten sich nicht nur auf das Tierwohl. Die von den Behörden geforderte, aber nie vollständig durchgeführte Prüfung sollte auch die Auswirkungen auf den Hafen und die Umgebung klären. Im Raum standen Risiken wie Geruchsbelästigung durch organische Abfälle, die besonders in der Nähe des Passagierterminals kritisch gesehen wurde, sowie die Verschlechterung der Wasserqualität im Hafenbecken. NGOs warnten zudem vor der Gefahr von Krankheitserregern und dem möglichen Einsatz von Antibiotika in den Aquakulturanlagen, deren Resistenzen und Rückstände eine Gefahr für die Meeresumwelt und die öffentliche Gesundheit darstellen könnten. Auch das Risiko, dass gezüchtete Kraken entkommen und Krankheiten auf Wildpopulationen übertragen, wurde thematisiert.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Scheitern ein zweischneidiges Schwert. Die versprochenen 300 Arbeitsplätze und die 65-Millionen-Euro-Investition werden am Standort La Esfinge nicht realisiert. Für Befürworter war das Projekt eine Chance, Las Palmas zu einem globalen Zentrum für eine neue Aquakultur-Branche zu machen. Kritiker hingegen argumentierten, dass die potenziellen Schäden für die Fischerei, den Tourismus und das Image der Inseln die wirtschaftlichen Vorteile überwiegen würden. Nueva Pescanova selbst hat die Tür für alternative Standorte oder Designs nicht ganz geschlossen und betont, dass der Rückzug aus geschäftlichen und regulatorischen Erwägungen erfolgte, nicht als Eingeständnis der Unmöglichkeit des Vorhabens. Für den Moment jedoch ist die Akte geschlossen, und die Debatte verlagert sich von diesem konkreten Projekt hin zur grundsätzlichen Frage, ob und unter welchen Bedingungen eine kommerzielle Krakenzucht in Europa überhaupt eine Zukunft hat.

Gut zu wissen Der formelle Rückzug des Antrags durch Nueva Pescanova und das Verfallsverfahren bedeuten nicht, dass das Unternehmen die Krakenzucht komplett aufgibt, sondern nur, dass dieses spezifische Projekt an diesem Ort beendet ist.

Häufige Fragen

Wird die Krakenfarm in Las Palmas nun definitiv nicht gebaut?
Ja, das Projekt in seiner aktuellen Form ist beendet. Der Antrag wurde zurückgezogen und die Hafenbehörde leitet das Verfallsverfahren ein, um die Akte zu schließen. Ein Neustart wäre nur mit einem komplett neuen Genehmigungsverfahren möglich.
Was war der Hauptgrund für das Scheitern?
Der Hauptgrund war, dass Nueva Pescanova die von der kanarischen Regierung geforderte vollständige Umweltverträglichkeitsprüfung nie vorgelegt hat. Dies führte zum Stillstand und schließlich zum Verfall aller damit verbundenen Genehmigungen.
Wie viele Arbeitsplätze wären durch die Farm entstanden?
Das Unternehmen hatte die Schaffung von rund 300 Arbeitsplätzen in Aussicht gestellt, davon etwa 150 direkte, hochqualifizierte Stellen im Bereich Aquakultur und Meereswissenschaften.
Warum war das Projekt aus Tierschutzsicht so umstritten?
Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kraken hochintelligente und fühlende Tiere sind. Experten und Tierschützer argumentieren, dass eine artgerechte Haltung in Intensivfarmen unmöglich ist und es keine humane Schlachtmethode gibt.
Könnte in Zukunft eine andere Krakenfarm auf den Kanaren entstehen?
Theoretisch ja, aber jeder neue Versuch müsste ein völlig neues Genehmigungsverfahren mit einer aktuellen Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen. Das aktuelle Verfahren bietet dafür keine Grundlage mehr.

Stand der Informationen: 26. Juli 2026. Dieser Artikel basiert auf öffentlichen Stellungnahmen der Hafenbehörde von Las Palmas, Berichten von Branchenmedien und Material von Tierschutzorganisationen. Er gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.