Wenn früher von Drogenhandel in Spanien die Rede war, richtete sich der Blick fast automatisch auf die Strasse von Gibraltar oder die Küsten Galiciens. Diese Zeiten sind vorbei. Nach übereinstimmender Einschätzung von Guardia Civil, Policía Nacional und der Antidrogen-Staatsanwaltschaft der Provinz Las Palmas gibt es vor den Kanaren derzeit «mehr Drogen und Waffen als je zuvor».
Die Modernisierung der Schmuggler, so die Ermittler, erschwere die Beschlagnahmen zusehends. Zugleich betonen sie, mit «Kooperation und Anstrengung» wirksam gegenzuhalten. Die geografische Lage der Inseln ist dabei zugleich Segen und Bürde: Sie verbindet die atlantische mit der afrikanischen Route und ist damit, wie es ein Verantwortlicher formuliert, zu einem «strategischen Logistik-Stützpunkt» für kriminelle Organisationen geworden.
Der entscheidende Wandel: vom Schmuggler zum Dienstleister
Das eigentlich Neue ist nicht die Menge, sondern das Geschäftsmodell. «Die lokalen Organisationen auf den Kanaren wollen nicht mehr einfach nur Kokain einführen und verkaufen», erklärt ein Hauptmann der Comandancia de Las Palmas. «Sie haben sich umgestellt, um logistische Unterstützung zu leisten — mit Treibstoff, Booten und Umladungen auf hoher See.»
Das bringe höhere Gewinne und ein grösseres Gefühl der Straflosigkeit. Ermittler beschreiben dieses Modell als «Crime as a Service»: eine Dienstleistungsfirma für andere kriminelle Organisationen, spezialisiert darauf, die technischen und logistischen Mittel für den Transport bereitzustellen.
Wie der Handel auf See funktioniert
Das Herzstück liegt weit draussen im Atlantik. Schnellboote, die sogenannten «narcolanchas», starten nachts von Flüssen im Süden Spaniens, von der marokkanischen Küste oder aus Portugal. Manche erreichen über 40 Knoten, mehr als 70 Kilometer pro Stunde.
Auf offener See treffen sie auf «Mutterschiffe», die «nodrizas». Diese bleiben teils monatelang draussen und funktionieren wie schwimmende Hotels und Tankstellen — mit Tanks für bis zu 100.000 Liter Treibstoff, Kokain-Ladung und Ruhebereichen für die Besatzungen. Die Schnellboote übernehmen die Ware und bringen sie zurück Richtung Küste, wobei sie grosse Häfen meiden.
Dazu kommt Technik: verschlüsselte Satellitenkommunikation, schwer zu ortende Mobiltelefone, eine codierte Sprache, Nachtbetrieb. Sogenannte «halcones marinos», Späher, melden die Position von Patrouillenbooten und überwachten Zonen.
Zwei Operationen, die das Muster zeigen
Zwei Ermittlungserfolge illustrieren die Lage. Die Operation «Sombra Negra», Anfang 2026 abgeschlossen und in zwei Phasen im Juni und November 2025 durchgeführt, führte zu 105 Festnahmen in Andalusien und auf den Kanaren. Die zerschlagene Logistik-Organisation soll allein im letzten Jahr 57 Tonnen Kokain nach Europa geschleust haben, mit einem Wert von über 1,5 Milliarden Euro. Die erste Phase auf den Kanaren im Juni brachte 48 Festnahmen und 29 Durchsuchungen auf Lanzarote, Gran Canaria und Fuerteventura. Geführt wurde das Verfahren vom zentralen Ermittlungsgericht Nummer 3 und der Sonderstaatsanwaltschaft gegen Drogenhandel, mit internationaler Beteiligung von DEA, Europol, Marokko, Portugal, Frankreich, Kolumbien und Kap Verde.
Am 1. Mai 2026 folgte die Operation «Abisal»: Ein Schiff der Guardia Civil, die «Duque de Ahumada», kaperte südlich der Kanaren vor der Küste der Westsahara den Frachter «Arconian». Er diente nach Erkenntnissen der Ermittler als Mutterschiff zur Versorgung kleinerer Boote.
Was offizielle Berichte sagen
Die Einschätzung der Ermittler vor Ort deckt sich mit übergeordneten Analysen. Europol warnte Anfang 2026 in einem Bericht mit dem Titel «Diversifizierung des maritimen Kokainhandels», der Kokainstrom nach Europa habe ein «nie dagewesenes Niveau» erreicht — angetrieben von hoher Produktion in Lateinamerika und wachsender Nachfrage in der EU. Die Kanaren und der Guadalquivir werden dabei als Schlüsselpunkte genannt.
Auch der jährliche Bericht des Departamento de Seguridad Nacional, im Juni 2026 vorgestellt, spricht von einer «wachsenden Verwundbarkeit» im Bogen Kanaren–Atlantik. Er verweist auf über 600 Schnellboote im Raum der Strasse von Gibraltar und auf eine gestiegene Aggressivität der Schmuggler gegenüber den Einsatzkräften.
Warum das die Inseln betrifft
Für die Menschen auf den Kanaren ist das mehr als eine Serie spektakulärer Polizeieinsätze. Wo sich Logistiknetze des organisierten Verbrechens festsetzen, verändert sich auch das Umfeld: mehr Geld, mehr Waffen, mehr Gewaltpotenzial. Die Sicherheitskräfte betonen, dass sich der Handel nicht vollständig ausrotten lasse — das Ziel sei, ihn einzudämmen.
Gerade weil die Lage der Inseln, ihre offenen Gewässer und die Nähe zu Westafrika die Kanaren für die Schmuggler attraktiv machen, dürfte der Druck anhalten. Die Ermittler setzen darauf, mit internationaler Zusammenarbeit und der gezielten Zerschlagung der Logistik dagegenzuhalten.
Häufige Fragen
- Warum sind die Kanaren für den Kokainhandel so wichtig geworden?
- Wegen ihrer geografischen Lage: Sie verbinden die atlantische mit der afrikanischen Route und liegen nahe an Westafrika, das als Zwischenlager und Umschlagplatz dient. Die offenen Gewässer erleichtern Treffen auf hoher See.
- Was bedeutet «Crime as a Service» in diesem Zusammenhang?
- Lokale Netze führen nicht mehr nur selbst Drogen ein, sondern verkaufen anderen Organisationen Logistik: Treibstoff, Boote, Umladungen und Technik. Das bringt höhere Gewinne bei geringerem direkten Risiko.
- Was waren die Operationen «Sombra Negra» und «Abisal»?
- «Sombra Negra» (2025, abgeschlossen Anfang 2026) führte zu 105 Festnahmen und zerschlug eine Logistik-Organisation. «Abisal» war die Kaperung des Frachters «Arconian» südlich der Kanaren am 1. Mai 2026.
- Wurden wirklich 57 Tonnen Kokain beschlagnahmt?
- Nein. Die 57 Tonnen sind die Menge, die die Organisation mutmasslich in einem Jahr bewegte. Sichergestellt wurden in der Operation «Sombra Negra» rund 10.400 Kilogramm.
- Gilt für die Festgenommenen die Unschuldsvermutung?
- Ja. Alle Festgenommenen sind Beschuldigte. Über Schuld oder Unschuld entscheidet ein Gericht.
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Stand 11.07.2026. Quellen u. a. Canarias7, Europol («Diversificación del tráfico marítimo de cocaína»), Diario de Avisos, El Día sowie der Jahresbericht des Departamento de Seguridad Nacional. Angaben zu Ermittlungen geben den berichteten Stand wieder; für alle Festgenommenen gilt die Unschuldsvermutung, bis ein Gericht rechtskräftig entscheidet. Namen mutmasslich Beteiligter werden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und des laufenden Verfahrens nicht genannt.