Stell dir vor, du schlenderst durch das geschichtsträchtige Alamo in San Antonio, Texas. Zwischen Erinnerungen an die Schlacht von 1836 und Artefakten der frühen Siedler entdeckst du plötzlich etwas, das aussieht, als wäre es direkt dem Karneval von Teguise entsprungen: eine furchteinflößende Maske mit riesigen Ziegenhörnern, ein weißes Gewand mit aufgemalten roten und schwarzen Rauten, behängt mit Ledergurten und klirrenden Schellen. Genau das wird bald Realität. Der Cabildo de Lanzarote und die Asociación Cultural Los Diabletes de Teguise haben offiziell ein vollständiges traditionelles Kostüm an das Alamo-Museum übergeben. Es ist weit mehr als ein farbenfrohes Ausstellungsstück – es ist eine handfeste Brücke zwischen der Vulkaninsel und der texanischen Metropole.
Der Präsident des Cabildo, Oswaldo Betancort, empfing persönlich Víctor Padrón, den Vorsitzenden des Kulturvereins, um das Kostüm auf seine lange Reise zu schicken. Betancort bezeichnete die Diabletes als eine der repräsentativsten Manifestationen der Identität Lanzarotes. Ihr Einzug ins Alamo-Museum werde der Welt eine einzigartige Tradition zeigen und die historischen Bande zwischen den Kanarischen Inseln und Texas stärken. Das Kostüm wird in dem Bereich des Museums ausgestellt, der den kanarischen Familien gewidmet ist, die San Antonio im Jahr 1731 gründeten.
Die tiefe Wurzel: Warum das Alamo kanarisch ist
Dass ausgerechnet das Alamo-Museum dieses Kostüm bekommt, ist kein Zufall. Die Geschichte von San Antonio ist untrennbar mit den Kanarischen Inseln verbunden. Im Jahr 1731 machten sich 56 Familien von den Inseln auf den Weg, um das damalige Neuspanien zu besiedeln und die nördliche Grenze des spanischen Kolonialreichs zu sichern. Sie gründeten die Villa de San Fernando, aus der später San Antonio wurde. Das Bemerkenswerte: Von diesen 56 Familien stammten etwa 44 direkt von Lanzarote. Die Isleños, wie die Nachfahren der kanarischen Siedler in Louisiana und Texas genannt werden, prägten die Kultur, Architektur und Landwirtschaft der Region maßgeblich.
Das Alamo-Museum trägt diesem Erbe bereits Rechnung, indem es einen eigenen Bereich der Präsenz der Kanarier in der Stadt widmet. Bisher konnte man dort vielleicht Dokumente, Karten oder Alltagsgegenstände sehen. Jetzt kommt mit dem Diabletes-Kostüm ein Stück lebendiges, immaterielles Kulturerbe hinzu. Es verleiht der abstrakten Ahnengeschichte ein konkretes, visuell überwältigendes Gesicht. Für die Nachfahren der Siedler ist es eine direkte Leitung zurück zu den Wurzeln ihrer Vorfahren – zu den Riten, Klängen und Bildern, die das Leben auf Lanzarote vor fast 300 Jahren prägten.
Was genau sind Los Diabletes?
Los Diabletes de Teguise sind keine gewöhnliche Karnevalstruppe. Sie gelten als eine der ältesten Traditionen der gesamten Kanarischen Inseln. Ihre Ursprünge reichen weit in die Zeit vor der kastilischen Eroberung zurück, zu den Mahos, den Ureinwohnern Lanzarotes. Damals waren es rituelle Tänze mit Wettkampfcharakter, die eng mit der Viehzucht und Fruchtbarkeitsriten verbunden waren. Man bemalte sich, trug Felle und Hörner und imitierte Böcke – ein kraftvolles Symbol für Virilität und Überleben in einer kargen Umgebung.
Mit der Ankunft der Franziskaner im 15. Jahrhundert wurden diese heidnischen Bräuche geschickt in den christlichen Kalender integriert. Die Teufelstänzer wurden zu Darstellern des Bösen in den Fronleichnamsspielen, die den Kampf zwischen Gut und Böse theatralisch inszenierten. Aus dieser Verschmelzung von aboriginalem Ritual und christlichem Theater entstand die Figur, die wir heute kennen. Im Laufe der Zeit verlagerte sich ihr Hauptauftritt auf den Karneval, wo sie den urtümlichsten und ursprünglichsten Teil der Lanzarote-Fastnacht bilden. Ein Diablete ist heute ein Symbol der Inselidentität, ein Beschützer, der mit seinem grotesken Äußeren böse Geister und Plagen abwehrt – ein volkstümliches Amulett gegen Dürre und Unheil.
Das Kostüm: Ein Schutzanzug aus Schellen und Symbolen
Das Kostüm, das nun ins Museum kommt, ist ein Gesamtkunstwerk. Es besteht aus einer weißen Hose und einem weißen Hemd, traditionell aus Leinen, heute oft aus Musselin oder festem Baumwollstoff. Darauf sind von Hand rote und schwarze Rauten aufgemalt, jede mit einem Punkt in der Mitte. Dieses Muster ist das unverwechselbare Markenzeichen der Diabletes. Über Schultern und Rücken verlaufen breite Lederriemen, an denen unzählige Schellen, kleine Kuhglocken sowie Rasseln aus Messing und Holz befestigt sind. Jeder Schritt, jeder Sprung erzeugt eine ohrenbetäubende, archaische Klangkulisse.
Das Herzstück ist die Maske. Sie stellt meist einen Stier- oder Ochsenkopf dar, wird aber von echten, mächtigen Ziegenhörnern gekrönt. Die Farben sind drohendes Schwarz oder leuchtendes Rot, und eine lange rote Zunge hängt aus dem Maul. In der Hand trägt der Diablete einen Stock, an dem ein kleiner Sack aus Ziegenleder oder Stoff befestigt ist. Gefüllt mit Papier, Lumpen und etwas Sand, dient er dazu, auf den Boden zu schlagen und spielerisch nach den Zuschauern, besonders Kindern, zu schlagen. Dazu kommen traditionelle Espadrilles an den Füßen. Einige Quellen schreiben das moderne, pyjamaartige Design des Kostüms übrigens dem berühmten Künstler César Manrique zu, der die typischen Gurte und Schellen hinzufügte.
Ein kultureller Brückenschlag mit Tiefgang
Die Platzierung dieses Kostüms im Alamo ist eine kluge kulturpolitische Geste. Sie macht sichtbar, dass die Identität der kanarischen Auswanderer nicht nur aus Namen auf einer Passagierliste bestand, sondern aus gelebten, lauten und farbenfrohen Bräuchen. Für Besucher in Texas, insbesondere für die Isleño-Nachfahren, wird die Ausstellung zu einer emotionalen Zeitreise. Sie können eine konkrete Vorstellung davon bekommen, welche Gestalten durch die Gassen von Teguise tobten, als ihre Vorfahren noch auf der Insel lebten. Es ist ein Stück immaterielles Erbe, das durch ein materielles Objekt erfahrbar wird.
Für Lanzarote selbst bedeutet diese Anerkennung eine enorme Aufwertung. Dass eine so urwüchsige, tief in der Inselgeschichte verwurzelte Figur in einem der symbolträchtigsten Museen der USA einen Ehrenplatz erhält, ist ein starkes Signal. Es zeigt, dass die Geschichte der Kanaren keine regionale Fußnote ist, sondern Teil der großen Erzählung Amerikas. Die Reise der Diabletes nach Texas ist damit nicht nur eine Leihgabe, sondern eine Botschaft: Hier, in diesem Kostüm, steckt der Geist einer Insel, der einst den Mut hatte, eine neue Welt mitzugründen.
Häufige Fragen
- Was genau wird im Alamo-Museum ausgestellt?
- Ein komplettes, originalgetreues Kostüm der Diabletes de Teguise, bestehend aus Maske, bemaltem Anzug, Ledergeschirr mit Schellen und dem typischen Stock mit Sandsack.
- Warum kommt das Kostüm ausgerechnet nach San Antonio?
- San Antonio wurde 1731 von kanarischen Familien gegründet, die meisten davon stammten von Lanzarote. Das Museum hat einen Bereich, der diesen Isleños gewidmet ist.
- Sind die Diabletes etwas Religiöses oder Karnevalistisches?
- Beides. Ihr Ursprung liegt in heidnischen Fruchtbarkeitsriten, die später von der Kirche für Fronleichnamsspiele adaptiert wurden. Heute sind sie das Herzstück des Karnevals von Teguise.
- Kann man die Diabletes auf Lanzarote live sehen?
- Ja, vor allem während des Karnevals in Teguise. Der traditionellste Auftritt ist am Karnevalssonntagmorgen in den mittelalterlichen Gassen des Ortes.
- Was symbolisiert die Figur des Diablete?
- Er ist eine vielschichtige Figur: Er steht für Fruchtbarkeit und Lebenskraft, verkörpert im Kampf zwischen Gut und Böse das Böse und wirkt gleichzeitig als Schutzfigur gegen Unglück.
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Stand der Informationen: Juli 2026. Die Angaben basieren auf offiziellen Mitteilungen des Cabildo de Lanzarote und der Asociación Cultural Los Diabletes de Teguise.
