Es ist eine dieser Geschichten, die kaum jemand auf dem Schirm hat — und die doch viel über die kanarische Wirtschaft erzählt. Während alle Welt die Inseln mit Sonne, Stränden und Bananen verbindet, hat sich im Hintergrund eine Industrie entwickelt, die im vergangenen Jahr ein symbolträchtiges Rennen gewann: Der Tabak hat die Banane als wertvollstes traditionelles Exportgut der Kanaren überholt.
Tabak schlägt Banane
Die Zahlen sind eindrücklich. 2024 exportierten die Kanaren Tabakwaren im Wert von rund 127 Millionen Euro — gegenüber 112 Millionen Euro bei der Banane. Es war das erste Mal, dass der Tabak vorbeizog. Und es blieb nicht dabei: Für 2025 berichtet der Sektor von Exporten über 275 Millionen Euro, also mehr als eine Verdopplung. In nur drei Jahren hat sich der kanarische Tabakexport damit verdreifacht. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag er bei mageren 20 Millionen, während die Banane über 90 Millionen exportierte.
Heute konzentrieren die Kanaren laut dem Bericht der Mesa del Tabaco, erstellt von den Analistas Financieros Internacionales (AFI), 68 Prozent der industriellen Wertschöpfung des gesamten spanischen Tabaksektors. Rund 195 Millionen Euro an direkter Wertschöpfung, fast 1.000 direkte Arbeitsplätze und mehr als 4.000 indirekte — der Tabak macht inzwischen 6,6 Prozent des industriellen Bruttoinlandsprodukts der Inseln aus.
Das Geheimnis: importieren, verarbeiten, veredeln
Wie kommt eine Inselgruppe ohne nennenswerten eigenen Tabakanbau zu diesem Titel? Der Schlüssel liegt im Geschäftsmodell. Anders als Extremadura, das spanische Zentrum des Rohtabak-Anbaus, setzen die Kanaren auf die Verarbeitung: Das Tabakblatt wird importiert und auf den Inseln zu Zigaretten, Zigarren und Zigarillos veredelt, die dann auf dem spanischen und europäischen Markt landen.
Mehrere Faktoren begünstigen das. Da ist die Fiskalität: Auf den Kanaren gilt nicht die spanische Mehrwertsteuer, sondern der niedrigere IGIC, dazu kommt die besondere Tabaksteuer-Struktur. Da ist die Rechtssicherheit, die multinationale Konzerne schätzen. Und da sind die fast 18 Millionen Touristen pro Jahr — fast die Hälfte des auf den Inseln verkauften Tabaks wird von Besuchern konsumiert. So lohnend ist der Standort, dass der japanische Konzern JTI zuletzt sogar Produktion aus Polen auf die Inseln zurückholte.
Die Industrie: Teneriffa und Gran Canaria
Das industrielle Herz schlägt auf Teneriffa und Gran Canaria. In Santa Cruz de Tenerife steht die Fabrik von JTI (Japan Tobacco International) — hervorgegangen aus dem 1958 gegründeten CITA, dem „Centro Industrial Tabaqueros Canarios", einem Zusammenschluss kanarischer Tabakunternehmer zum Schutz der traditionellen Familienbetriebe. Seit 2007 gehört der Betrieb vollständig zu Japan Tobacco und ist heute der grösste industrielle Tabakproduktionsstandort Spaniens. Über 70 Prozent der kanarischen Zigarettenproduktion laufen hier vom Band. Dazu kommen Namen wie Dos Santos (das unter anderem für Philip Morris fertigt), TABSA (für British American Tobacco und Altadis-Imperial Brands) und die historische Zigarrenfabrik El Guajiro.
Das Handwerk: La Palmas Puro-Tradition
Doch die vielleicht schönste Seite der Geschichte spielt auf La Palma — und sie funktioniert ganz anders. Hier gibt es keine Hightech-Bänder, sondern Hände. Die „Isla Bonita" ist die Heimat des handgedrehten Puro, der in kleinen Werkstätten von erfahrenen Tabakdrehern, den torcedores, gefertigt wird. Jede Zigarre durchläuft einen Prozess aus Auswahl, Vorbereitung und Drehen der Blätter, der allein von der Erfahrung und dem Geschick des Handwerkers abhängt.
Die Wurzeln reichen tief. Die Compañía Insular de Tabaco de La Palma, gegründet 1917 in Las Vueltas in Breña Alta, ist die älteste noch aktive Tabakfabrik der Kanaren. Der „puro palmero" gilt wegen der besonderen klimatischen Bedingungen der Insel als einzigartige Spezialität — ein Produkt, das, wie ein Hersteller es ausdrückt, „einzigartig und spektakulär" sei. Manufakturen wie Tabacos El Rubio führen die Familientradition bis heute fort. Anders als die Massenfertigung auf den anderen Inseln bleibt die palmerische Produktion stark handwerklich geprägt; ein grosser Teil geht in den lokalen Handel und Konsum.
Es ist diese Dualität, die den Archipel besonders macht: Auf der einen Seite die hochtechnisierte Industrie, auf der anderen das historische Handwerk. Der Präsident der Mesa del Tabaco nennt es einen „einzigartigen Bezugspunkt" im Sektor, wo Tradition, Spezialisierung und modernste Prozesse nebeneinander bestehen.
Was bleibt
Die Kanaren als Tabak-Champion Spaniens — das ist eine jener stillen Erfolgsgeschichten, die selten Schlagzeilen machen, aber Arbeitsplätze sichern und ein Stück Inselkultur bewahren. Vom importierten Blatt, das in den Fabriken von Santa Cruz zur Banderole wird, bis zur handgedrehten Zigarre aus Breña Alta: Der Tabak hat sich, fast unbemerkt, zu einer tragenden Säule der kanarischen Industrie entwickelt. Dass er dabei ausgerechnet die Banane überholt hat — das ikonische Symbol der Inseln — verleiht der Geschichte ihre besondere Pointe.
Häufige Fragen
- Sind die Kanaren wirklich Spaniens grösster Tabakstandort?
- Bei der industriellen Verarbeitung ja: Die Inseln konzentrieren laut AFI/Mesa del Tabaco 68 Prozent der industriellen Wertschöpfung des spanischen Tabaksektors. Den Rohtabak-Anbau führt dagegen Extremadura an.
- Hat Tabak die Banane wirklich überholt?
- Beim Exportwert: 2024 lag Tabak mit 127 Mio. € erstmals vor der Banane (112 Mio. €); 2025 meldete der Sektor über 275 Mio. €.
- Wo wird produziert?
- Die Grossindustrie (vor allem Zigaretten) sitzt auf Teneriffa und Gran Canaria (JTI, Dos Santos, TABSA, El Guajiro). La Palma steht für das handwerkliche Drehen von Puros.
- Was ist das Besondere an La Palma?
- Dort werden Zigarren in kleinen Werkstätten von Hand gedreht. Die älteste aktive Fabrik der Kanaren, die Compañía Insular de Tabaco, besteht seit 1917 in Breña Alta.
- Warum sind die Kanaren als Standort attraktiv?
- Günstigere Fiskalität (IGIC statt IVA, plus besondere Tabaksteuer-Struktur), Rechtssicherheit und fast 18 Millionen Touristen, die rund die Hälfte des verkauften Tabaks konsumieren.
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Stand 14.06.2026. Quellen u. a. Mesa del Tabaco / Analistas Financieros Internacionales (AFI), El Confidencial, eldiario.es, Canarias7 und El Time. Exportzahl 2025 nach Branchenangaben (El Confidencial). Tabakkonsum ist gesundheitsschädlich; dieser Beitrag dient der wirtschaftlichen und kulturellen Information und nicht der Bewerbung von Tabakprodukten.