Es klingt nach einer Schlagzeile aus einem anderen Teil der Welt: Eine Insel, die vor allem für Strände, Teide und Pauschalurlaub bekannt ist, will sich in einen «atlantischen Weltraum-Hub» verwandeln. Genau das hat die Präsidentin des Inselrats (Cabildo) von Teneriffa, Rosa Dávila, Ende Januar mit dem Programm «Tenerife Space Horizon» angekündigt — der nach eigener Darstellung ehrgeizigsten Raumfahrt-Strategie, die es auf den Kanaren je gab.
Die Zahlen, die dabei kursieren: rund 79 Millionen Euro Investition in den nächsten fünf Jahren, mindestens 500 qualifizierte Arbeitsplätze und das Ziel, dass der Raumfahrtsektor in zehn Jahren ein Prozent der Wirtschaftsleistung Teneriffas erbringt. Dieses eine Prozent entspricht grob gerechnet einem Wirtschaftsvolumen in der Grössenordnung von mehreren Hundert Millionen Euro im Jahr — die im Umlauf befindliche Zahl von «400 Millionen» ist also keine zugesagte Investition, sondern die rechnerische Übersetzung dieses BIP-Ziels.
Worum es wirklich geht: weg vom einen Sektor
Hinter dem Raumfahrt-Vokabular steckt ein handfestes wirtschaftspolitisches Motiv. Dávila sagte es bei der Vorstellung selbst: Man wolle «die Abhängigkeit von traditionellen Sektoren wie dem Tourismus verringern» und zu einem Modell kommen, das «qualifizierte Beschäftigung schafft». Übersetzt heisst das: Teneriffa hängt wirtschaftlich an einem einzigen Sektor — und gut ausgebildete junge Menschen verlassen die Insel, weil es für sie hier zu wenige passende Jobs gibt. Das Versprechen lautet, «der Jugend eine Zukunft zu bieten, ohne dass sie weggehen muss».
Dieser Punkt trifft einen Nerv, gerade jetzt: Im April verzeichneten die Kanaren erstmals seit der Pandemie einen Rückgang bei den ausländischen Touristen. Die Debatte über ein «erschöpftes Tourismusmodell» läuft seit zwei Jahren. Eine zweite wirtschaftliche Säule zu suchen, ist also kein Luxus, sondern eine ernste Frage.
Das ist kein Sprung ins Leere — es gibt ein Fundament
Was die Strategie von reiner Politik-Folklore unterscheidet: Es gibt bereits Vorarbeiten, und sie sind real. Teneriffa beheimatet mit dem Instituto de Astrofísica de Canarias (IAC) ein weltweit anerkanntes Forschungszentrum, dazu das Teide-Observatorium, die Supercomputer «Teide» und «Anaga» sowie das Rechenzentrum D-ALiX.
Vor allem aber hat die Insel schon im Weltraum etwas vorzuweisen. Im Dezember 2023 startete mit ALISIO-1 der erste kanarische Satellit ins All — entwickelt vom IAC-Bereich IACTEC-Espacio. An Bord war die Infrarotkamera DRAGO, eine der kompaktesten ihrer Art weltweit. Die Vorgängermodelle haben bereits Praktisches geleistet: Sie überwachten den Vulkanausbruch auf La Palma 2021, die Wasserlage in dürregeplagten Regionen und Waldbrände. Genau hier liegt der konkreteste Nutzen des Vorhabens.
Acht Augen am Himmel — wofür?
Der Kern von Tenerife Space Horizon ist eine eigene Konstellation aus acht Satelliten zur Erdbeobachtung, die erstmals von der Insel aus kontrolliert werden sollen. Jeder Satellit soll mit Kameras für verschiedene Lichtspektren ausgestattet sein, darunter die verbesserte Kamera DRAGO-3.
Der praktische Sinn für die Kanaren liegt auf der Hand: ein eigenes «Auge im All», das täglich oder mehrmals täglich über die Inseln blickt — um schnell auf Waldbrände, Vulkanaktivität und andere Naturkatastrophen zu reagieren, deren Häufigkeit mit dem Klimawandel zunimmt. Für eine Inselgruppe, die jeden Sommer mit Bränden und seit 2021 mit den Folgen des La-Palma-Ausbruchs lebt, ist das kein abstraktes Prestigeprojekt, sondern potenziell ein Werkzeug des Katastrophenschutzes. Dazu kommen ein «Teleport» und eine Satelliten-Bodenstation für Kommunikation und Datenverarbeitung sowie die Anbindung an das Gründerzentrum ESA BIC Canarias der Europäischen Weltraumorganisation.
Wo Skepsis angebracht ist
So vielversprechend das Fundament, so vorsichtig sollte man mit den runden Zahlen sein. Bisher zählt der Sektor auf den Inseln rund 200 Arbeitsplätze; die angepeilten 500 sind eine Verdreifachung, die erst noch erreicht werden muss. Das Ein-Prozent-BIP-Ziel ist ausdrücklich auf zehn Jahre angelegt — und damit auf einen Zeitraum, der mehrere politische Wahlperioden überdauert. Versprechen, die so weit in die Zukunft reichen, lassen sich leicht ankündigen und schwer einklagen.
Auf den Inseln gibt es denn auch kritische Stimmen, die fragen, ob 79 Millionen Euro öffentliches Geld in Satelliten gut investiert sind, solange anderswo — bei Wohnungen, Gesundheit, Strassen — der Schuh drückt. Diese Skepsis ist legitim und gehört zum Bild. Die ehrliche Einordnung lautet: Das technologische Fundament (IAC, ALISIO-1, DRAGO) ist echt und international anerkannt. Ob daraus ein wirtschaftlicher Motor mit Hunderten Jobs wird oder ein teures Nischenprojekt, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren an der Umsetzung — nicht an der Pressekonferenz.
- Praktisch: Bessere Satelliten-Erdbeobachtung kann beim Waldbrand- und Katastrophenschutz real helfen — ein konkreter Nutzen jenseits des Prestiges.
- Wirtschaftlich: Entsteht auch nur ein Teil der qualifizierten Jobs, wäre das eine seltene Chance für junge Fachkräfte, auf den Inseln zu bleiben.
- Symbolisch: Es ist der bisher deutlichste Versuch, die kanarische Wirtschaft breiter aufzustellen als auf Sonne und Strand.
- Messlatte: Ob die Wette aufgeht, zeigt sich an gestarteten Satelliten und unterschriebenen Arbeitsverträgen — nicht an Ankündigungen.
Häufige Fragen
- Investiert Teneriffa wirklich 400 Millionen Euro?
- Nein. Die zugesagte Investition beträgt rund 79 Millionen Euro über fünf Jahre. Die «400 Millionen» sind die rechnerische Übersetzung des Ziels, dass der Sektor in zehn Jahren ein Prozent der Wirtschaftsleistung Teneriffas erbringt — eine Zielgrösse, keine ausgegebene Summe.
- Was bringt das den normalen Inselbewohnern?
- Am konkretesten: bessere Erdbeobachtung per Satellit für den Schutz vor Waldbränden und Vulkanaktivität. Mittelfristig die Hoffnung auf qualifizierte Jobs, damit junge Fachkräfte nicht abwandern müssen.
- Ist das nur ein Politiker-Versprechen?
- Teils. Das technologische Fundament ist real (IAC, der Satellit ALISIO-1, die DRAGO-Kameras). Die wirtschaftlichen Ziele — 500 Jobs, 1 % BIP — sind dagegen langfristige Ankündigungen, deren Erfüllung sich erst zeigen muss.
- Warum gerade Teneriffa?
- Die Insel hat mit dem IAC ein weltbekanntes Astrophysik-Institut, das Teide-Observatorium, leistungsstarke Supercomputer und mit ALISIO-1 bereits Erfahrung im All. Auf diesem Ökosystem baut die Strategie auf.
- Was hat das mit dem Tourismus zu tun?
- Alles. Erklärtes Ziel ist die Diversifizierung — die Abhängigkeit von einem einzigen Sektor zu verringern. Gerade nach dem ersten Tourismus-Rückgang seit der Pandemie ist die Suche nach einer zweiten Säule besonders aktuell.
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