Die Geschichte beginnt mit einer echten Krise. Im Mai 2024 stand Teneriffa das Wasser nicht bis zum Hals, sondern weit darunter: Die Reserven in den Stauseen waren auf unter 15 Prozent gefallen, die Insel schleppte sich durchs sechste Dürrejahr in Folge. Am 29. Mai 2024 rief der Cabildo offiziell den Wassernotstand aus — einstimmig, mit einem Massnahmenpaket von 75 Punkten. In Krisenzeiten gelten Krisenregeln, und so wurde auch beim Preis nachgesteuert: Bereits im Oktober 2023 hatte man die Lieferverträge geändert und die Wasserpreise angehoben.

Dann kam der Regen — und blieb

Der Winter 2025/26 machte, was sechs Winter zuvor versäumt hatten: Es schüttete. Die Stauseen füllten sich, erst auf 66 Prozent, dann auf 70, mancherorts bis 90. Die Reserven legten gegenüber dem Vorjahr um sagenhafte 146 Prozent zu — die besten Werte seit sechs Jahren. Am 1. März 2026 zog der Cabildo den logischen Schluss und erklärte den Notstand für beendet. Krise vorbei.

Nur eine Sache bekam die Nachricht offenbar nicht mit: der Preis. Während das Wasser hinter den Staumauern stand wie lange nicht mehr, rechnete die öffentliche Firma Balten es weiter zu den teuren Notstands-Tarifen ab. Wochen vergingen, die Stauseen blieben voll, die Rechnung blieb hoch. Genau an diesem Punkt wird aus einer trockenen Tarif-Frage eine Geschichte: Wie kann ein Notpreis fortbestehen, wenn der Notstand, der ihn rechtfertigte, abgeblasen ist?

Ein Unternehmer stellt die unbequeme Frage

Die Frage stellte zuerst nicht die Politik, sondern ein Unternehmer. In einem Schreiben an den Cabildo und an Balten wies er auf den Widerspruch hin: Volle Becken, aber Dürre-Preise — das passe nicht zusammen und müsse entweder zu einer Preissenkung oder zumindest zu einer ausdrücklichen Begründung führen. Andernfalls drohe ein „ungerechtfertigter Mehrkostenfaktor" und ein möglicher Schaden für die öffentlichen Kassen.

Als zufriedenstellende Antworten ausblieben, wurde aus dem Schreiben eine Anzeige. Am 2. Juni 2026 brachte der Verein Corrupción 0 — vertreten durch den Unternehmer Juan Manuel Pérez León aus Gran Canaria — den Fall vor den Rechnungshof (Tribunal de Cuentas). Dessen Generalsekretärin bestätigte den Eingang am 10. Juni; kurz darauf leitete der Rechnungshof die Sache an seine eigene Staatsanwaltschaft weiter, mit dem Auftrag, „die für angemessen erachteten Ermittlungen hinsichtlich möglicher Straftaten" durchzuführen.

Die heikle Vermutung

Warum sollte eine öffentliche Stelle freiwillig zu viel zahlen? Die Anzeige liefert eine Vermutung — ausdrücklich als Mutmassung, nicht als Beweis: Die hohen Preise könnten dazu gedient haben, die Lieferfirmen bei der Stange zu halten. Gestiegene Energie- und Produktionskosten hätten diese sonst womöglich bewogen, aus dem Vertrag auszusteigen und die Lieferung einzustellen. Anders gesagt: Lieber dauerhaft teuer einkaufen, als das Risiko einzugehen, dass mitten in einer ohnehin angespannten Lage gar kein Wasser mehr fliesst. Ob diese Lesart stimmt, muss nun die Staatsanwaltschaft klären.

Der Cabildo wiederum verweist grundsätzlich darauf, gesetzlich zur Aktualisierung der Tarife verpflichtet zu sein — die Preisbildung folge also keinem Willkürakt, sondern rechtlichen Vorgaben. Die Ermittlung wird zeigen, ob das den Fortbestand der Notpreise nach dem Ende des Notstands deckt.

Wer am Ende die Rechnung zahlt Bewässerungswasser ist für Teneriffas Landwirtschaft die teuerste Zutat — besonders für die Bananenplantagen in den medianías, den mittleren Höhenlagen. Bleibt der Wasserpreis künstlich hoch, schlägt das direkt auf die Produktionskosten durch. Am längeren Hebel sitzt nicht der einzelne Bauer, sondern die öffentliche Firma, die das Wasser einkauft und weiterverkauft.
Wichtig zur Einordnung Es handelt sich um eine Vorermittlung, ausgelöst durch eine Anzeige. Es gibt keine Anklage und kein Urteil; es gilt die Unschuldsvermutung für alle Beteiligten. Das vermutete Motiv (Lieferfirmen halten) stammt aus der Anzeige und ist bislang unbewiesen. Cita.news nennt bewusst keine konkreten Preis- oder Schadenssummen, da diese öffentlich nicht belastbar beziffert sind.

Häufige Fragen

Was wird untersucht?
Ob die öffentliche Firma Balten Bewässerungswasser zu Unrecht weiter zu „Notstands-Preisen" abgerechnet hat, obwohl der Wassernotstand auf Teneriffa am 1. März 2026 beendet wurde.
Wer ermittelt — und ist das ein Strafverfahren?
Die Staatsanwaltschaft des Rechnungshofs (Fiscalía del Tribunal de Cuentas) prüft nach einer Anzeige mögliche Straftaten. Es ist eine Vorermittlung, noch keine Anklage.
Wer hat die Anzeige eingereicht?
Der Verein Corrupción 0, vertreten durch den Unternehmer Juan Manuel Pérez León aus Gran Canaria, am 2. Juni 2026.
Wann wurden die Preise erhöht?
Im Oktober 2023 per Änderung der Lieferverträge mit den Firmen Elekagua und Savasa — im Vorfeld und Kontext der späteren Notstandserklärung.
Was sagt der Cabildo?
Er verweist darauf, gesetzlich zur Aktualisierung der Tarife verpflichtet zu sein. Die Ermittlung muss klären, ob das den Fortbestand der Notpreise rechtfertigt.

Stand 16.06.2026. Quellen u. a. Atlántico Hoy (Berichterstattung von Álvaro Oliver González), amtliche Bekanntmachungen im Boletín Oficial de Canarias (BOC) sowie RTVC. Es handelt sich um eine Vorermittlung der Fiscalía del Tribunal de Cuentas; es gilt die Unschuldsvermutung. Das in der Anzeige genannte mögliche Motiv ist eine unbewiesene Mutmassung.