Vielleicht hast du die Schlagzeilen auch gelesen: „Kanaren droht der Blackout“. Gerade wenn du hier lebst oder deinen Sommerurlaub planst, können solche Nachrichten erst einmal beunruhigen. Die gute Nachricht vorweg: Einen konkreten, flächendeckenden und tagelangen Stromausfall für Mitte Juli 2026 sagt offiziell niemand voraus. Die weniger gute Nachricht: Das Stromsystem der Kanarischen Inseln ist tatsächlich in einem besorgniserregenden Zustand, und das Risiko für kleinere, lokale Ausfälle ist real – höher als in den meisten Regionen auf dem europäischen Festland.
Wir schauen uns die Faktenlage genau an. Was sagen die offiziellen Berichte des Netzbetreibers und der Regierung? Warum wird Gran Canaria immer wieder als größte Baustelle genannt? Und was bedeutet das alles für deinen Alltag zwischen Las Palmas und Maspalomas? Dieser Artikel gibt dir eine ehrliche, unaufgeregte Einschätzung – wie von einem Freund, der sich auskennt.
Ein fragiles System: Was die offiziellen Berichte sagen
Der spanische Netzbetreiber Redeia (früher Red Eléctrica) findet in seinen Berichten zu den nicht-festländischen Stromsystemen deutliche Worte. Das kanarische Netz wird als „kritisch“ für die Deckung der Nachfrage beschrieben. Der Grund ist ein massives Überalterungsproblem. Von insgesamt 97 Stromerzeugungseinheiten auf den Inseln haben etwa 60 ihre geplante Lebensdauer von 25 Jahren bereits überschritten. 34 Anlagen sind sogar älter als 35 Jahre, 13 davon älter als 45 Jahre. Diese betagten Kraftwerks-Veteranen stemmen aber immer noch rund 47 Prozent der gesamten installierten Leistung – das sind etwa 1.114 Megawatt von insgesamt 2.355 Megawatt.
Diese Schieflage hat konkrete Folgen. Planungsdokumente, auf die sich regionale Medien beziehen, prognostizieren einen deutlichen Verlust an verfügbarer Leistung bis zum Jahr 2028, wenn alte Meiler endgültig vom Netz gehen müssen. Für Gran Canaria wird ein Minus von 36 Prozent erwartet, für Teneriffa minus 23 Prozent. Auf den kleineren Inseln sieht es zum Teil noch drastischer aus: La Palma droht ein Verlust von 50 Prozent, Lanzarote von 39 Prozent und Fuerteventura von 36 Prozent. Diese Zahlen untermauern die wiederholten technischen Warnungen, dass die Versorgungssicherheit unter erheblichem Druck steht.
Warum Gran Canaria die größte Sorge bereitet
Gran Canaria sticht in den Risikoanalysen aus mehreren Gründen hervor. Anders als Fuerteventura und Lanzarote, die zumindest miteinander verbunden sind, ist das Stromnetz von Gran Canaria ein völlig isoliertes System. Fällt hier ein großes Kraftwerk oder eine wichtige Schaltanlage aus, gibt es keine Nachbarinsel, die einspringen kann. Diese fehlende Redundanz macht das System von Natur aus anfälliger für größere Störungen.
Hinzu kommt eine hohe Nachfrage, die durch die vielen Einwohner und den Tourismus besonders in den Sommermonaten kräftig anzieht. Eine detaillierte Studie zum Erzeugungs- und Übertragungssystem der Insel stellt fest, dass der sogenannte thermische Deckungsindex auf 1,6 gesunken ist. Das ist nur noch ein moderater Puffer über der Spitzenlast. Gleichzeitig werden in der Studie Schwächen im Hochspannungsnetz identifiziert. Einige Gemeinden im Norden und Süden der Insel tragen demnach ein erhöhtes Risiko für Versorgungsunterbrechungen, und rund um die Hauptstadt Las Palmas werden Netzverstärkungen als dringend notwendig eingestuft.
Die wahren Ursachen: Alter, Öl und fehlende Alternativen
Um das Risiko richtig einzuordnen, muss man die Struktur des kanarischen Stromsystems verstehen. Es ist, einfach gesagt, ein Auslaufmodell. Im Jahr 2023 lag der Anteil der nicht-erneuerbaren Energien, also fast ausschließlich ölbefeuerter Kraftwerke, bei rund 80,5 Prozent. Die Stromerzeugung ist damit nicht nur extrem abhängig von importierten fossilen Brennstoffen, sondern auch von einer Flotte alter, störanfälliger Anlagen. Eine EU-Studie zur sauberen Energie auf Spaniens Inseln bringt es auf den Punkt: Das Alter der thermischen Kraftwerke ist mittlerweile selbst ein Hindernis für die Integration von mehr erneuerbaren Energien und gefährdet die Versorgungssicherheit.
Die isolierten Inselnetze haben zudem eine geringe Systemträgheit. Das klingt technisch, bedeutet aber im Kern: Fällt ein großer Erzeuger plötzlich aus, kann das Netz die Frequenz nicht so gut stabil halten wie ein großer, vermaschter Festland-Verbund. Die Folge ist eine höhere Anfälligkeit für kaskadierende Ausfälle. Die kanarische Regierung hat die prekäre Lage erkannt und eine Art „Energienotstand“ ausgerufen. Sie fordert vom spanischen Staat unter anderem Sondergenehmigungen, um die Laufzeiten alter Kraftwerke auf Teneriffa und Gran Canaria zu verlängern, und treibt den Einsatz mobiler Notstromaggregate voran – explizit mit dem Ziel, „das Risiko von Blackouts aufgrund des aktuellen Energiedefizits zu mindern“.
Was vergangene Blackouts uns lehren – und was nicht
Um die aktuelle Lage besser einschätzen zu können, hilft ein Blick auf reale Vorfälle der letzten Jahre. Diese zeigen, was im Ernstfall passieren kann – aber auch, dass die Szenarien meist beherrschbar bleiben. 2019 traf es Teneriffa mit einem „Zero Energy“-Ereignis: Ein technischer Defekt an einem Umspannwerk löste eine Kettenreaktion aus, die die gesamte Insel mit rund einer Million Menschen lahmlegte. Das Licht ging zwar nach einigen Stunden wieder an, aber der Vorfall zeigte die Verwundbarkeit des Systems.
Auf La Gomera führte 2023 ein Brand im Kraftwerk El Palmar zu einem totalen Stromausfall. Die rund 21.800 Bewohner saßen im Dunkeln, doch Krankenhaus, Flughafen und Hafen liefen dank Notstromaggregaten weiter. Die Versorgung wurde über viele Stunden hinweg mit mobilen Generatoren von Nachbarinseln wiederhergestellt. Auch La Palma erlebte zwischen 2025 und 2026 mehrere größere Ausfälle, ausgelöst durch Turbinenprobleme im Kraftwerk Los Guinchos. Jedes Mal griffen die zivilen Notfallpläne, und der Strom war nach wenigen Stunden zurück. Diese Vorfälle bestätigen: Große, inselweite Ausfälle sind möglich und passieren auch. Aber sie sind in der Regel kurz, und die kritische Infrastruktur bleibt funktionsfähig.
Häufige Fragen
- Steht ein großer Blackout auf Gran Canaria unmittelbar bevor?
- Nein, es gibt keine offizielle Warnung vor einem konkreten, flächendeckenden und langanhaltenden Blackout zu einem bestimmten Datum. Das Risiko für kürzere, lokale Ausfälle ist jedoch strukturell erhöht.
- Was sind die Hauptgründe für das Risiko?
- Die Hauptgründe sind stark veraltete, ölbefeuerte Kraftwerke, ein isoliertes Inselnetz ohne externe Unterstützung und eine geringe Systemträgheit, die das Netz anfällig für Störungen macht.
- Wie lange dauern Stromausfälle auf den Kanaren normalerweise?
- Basierend auf vergangenen Vorfällen dauern die meisten Ausfälle zwischen einigen Minuten und wenigen Stunden. Kritische Einrichtungen wie Krankenhäuser werden durch Notstromaggregate versorgt.
- Was unternimmt die Regierung gegen die Blackout-Gefahr?
- Die kanarische Regierung hat einen Energienotstand ausgerufen, setzt mobile Notstromaggregate ein und verhandelt mit dem Staat über Laufzeitverlängerungen für alte Kraftwerke sowie beschleunigte Genehmigungen für neue Anlagen.
- Wie kann ich mich als Bewohner oder Tourist am besten vorbereiten?
- Eine sinnvolle Vorsorge umfasst eine Taschenlampe, eine geladene Powerbank, etwas Trinkwasser und das Wissen, wie man im eigenen Gebäude bei Stromausfall die Tür öffnet oder den Aufzug meidet.
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Stand der Informationen: Juli 2026. Dieser Artikel basiert auf öffentlich zugänglichen Berichten von Netzbetreibern und Behörden. Er stellt keine technische Sicherheitsgarantie dar, sondern eine realistische Einschätzung der dokumentierten Risiken.
