Es ist eine jener Zahlen, die sich schnell verbreiten: 90 Prozent. So viele Kanaren halten es für nötig, das auf Tourismus gebaute Wirtschaftsmodell der Inseln zu ändern. Die Zahl ist korrekt — aber sie verlangt nach Kontext, denn sie sagt etwas anderes, als manche Schlagzeile nahelegt.

Was die 90 Prozent wirklich bedeuten

Zunächst die Feinheit: «Das Modell ändern» ist nicht dasselbe wie «den Tourismus abschaffen». Die Umfrage unterscheidet sauber: 52,1 Prozent der Befragten wollen einen tiefgreifenden Wandel, weitere 36,9 Prozent lediglich «Teilanpassungen». Zusammen ergibt das jene rund 90 Prozent, die irgendeine Veränderung für nötig halten. Wer daraus «neun von zehn Kanaren gegen den Tourismus» macht, verkürzt also unzulässig. Was die Daten zeigen, ist ein breiter Wunsch nach Korrektur — nicht nach Abschaffung.

Woher die Zahlen kommen

Wichtig ist auch, wer da gefragt hat. Die Erhebung trägt den Namen «Estudio de Percepción Ciudadana sobre el Medio Ambiente en Canarias» und wurde von der Umweltstiftung Fundación Canarina in Auftrag gegeben, durchgeführt vom Institut Estudios Sociales GEAS 7. Es handelt sich also um eine Auftragsstudie einer Organisation mit klarer umweltpolitischer Ausrichtung, nicht um ein neutrales staatliches Barometer. Methodisch beruht sie auf 409 telefonischen Interviews mit auf den Inseln ansässigen Personen, ausgewogen nach Geschlecht und Alter verteilt, bei einem Konfidenzniveau von gut 95 Prozent. Das ist eine solide, aber überschaubare Stichprobe — die Ergebnisse sind ein belastbarer Stimmungsindikator, kein Volksentscheid.

Die eigentliche Überraschung: Wohnen vor Tourismus

Der vielleicht wichtigste Befund geht in den Schlagzeilen unter. Auf die Frage nach der grössten Sorge nennt fast die Hälfte der Befragten (45,2 Prozent) Wohnen und Mieten — und damit deutlich häufiger als den Tourismus, der mit 27,6 Prozent erst an zweiter Stelle folgt. Das passt zu einem Bild, das wir in den vergangenen Monaten immer wieder gezeichnet haben: Die Tourismusdebatte ist in Wahrheit oft eine Wohnungsdebatte. Der kurzfristige Ferienvermietungsmarkt, steigende Mieten und knapper Wohnraum sind das, was die Menschen im Alltag am unmittelbarsten spüren.

Dazu passt, dass 70,4 Prozent der Befragten finden, die Lebensqualität auf den Inseln habe sich im letzten Jahrzehnt verschlechtert — am ausgeprägtesten auf Fuerteventura und Teneriffa. Als Ursachen nennen sie Wohnkosten, Lebenshaltungskosten, touristische Überlastung und überforderte Infrastruktur.

Begrenzung ja — aber wer geht dafür auf die Strasse?

Eine Mehrheit von 61,1 Prozent ist dafür, das touristische Wachstum zu begrenzen, am stärksten die 35- bis 54-Jährigen. Doch die Umfrage legt auch eine bemerkenswerte Kluft offen: Trotz hoher Sensibilität sind nur 2,4 Prozent der Bevölkerung aktiv in entsprechenden Bürgerinitiativen oder Verbänden organisiert. Zwischen Überzeugung und Handeln klafft also eine Lücke — viele teilen die Anliegen der Protestbewegung, ohne selbst auf die Strasse zu gehen.

Auffällig ist zudem ein Geschlechterunterschied: Frauen fordern häufiger tiefgreifende Veränderungen (86,3 gegenüber 79,8 Prozent bei Männern), nehmen die Verschlechterung der Lebensqualität stärker wahr und sorgen sich mehr um den Klimawandel.

Misstrauen gegenüber der Politik

Ein roter Faden zieht sich durch die Antworten: das Gefühl, nicht gehört zu werden. Zwei von drei Befragten meinen, ihre Anliegen würden von den Verwaltungen nicht ernst genommen; nur zwei von zehn sehen, dass die Institutionen Veränderungen im Sinne der ökologischen und sozialen Bedürfnisse vorantreiben. Die Fundación Canarina deutet ihre Ergebnisse denn auch als Bestätigung der Protestwelle der vergangenen Jahre — und mahnt, der Übergang zu einem massvolleren Modell werde «entweder demokratisch gestaltet oder von den Grenzen der Natur erzwungen».

Die Einordnung

Was bleibt? Die Umfrage ist ein Stimmungsbild einer engagierten Organisation, kein neutrales amtliches Barometer — das sollte man mitlesen. Doch ihre Kernbotschaft deckt sich mit dem, was Proteste, Mietpreise und Leerstandszahlen längst nahelegen: Auf den Kanaren wächst der Wunsch nach einem anderen Gleichgewicht. Bemerkenswert ist vor allem, wo der Schuh am meisten drückt — nicht abstrakt beim Tourismus, sondern ganz konkret beim Wohnen. Wer die Stimmung auf den Inseln verstehen will, sollte deshalb weniger auf die plakative 90-Prozent-Zahl schauen als auf die 45 Prozent, die das Dach über dem Kopf zur ersten Sorge machen.

Häufige Fragen

Sind 90 Prozent der Kanaren gegen den Tourismus?
Nein. 90 Prozent halten einen Wandel des Tourismusmodells für nötig — aber nur 52,1 % wollen tiefgreifende Veränderungen, 36,9 % nur Teilanpassungen. «Modell ändern» ist nicht «Tourismus abschaffen».
Wer hat die Umfrage gemacht?
Die Umweltstiftung Fundación Canarina gab sie in Auftrag, durchgeführt vom Institut Estudios Sociales GEAS 7. Es ist eine Auftragsstudie mit umweltpolitischer Ausrichtung, kein neutrales staatliches Barometer, basierend auf 409 Telefoninterviews.
Was ist die grösste Sorge der Inselbewohner?
Wohnen und Mieten (45,2 %), deutlich vor dem Tourismus (27,6 %). Die Tourismusdebatte ist oft in Wahrheit eine Wohnungsdebatte.
Wie viele sind aktiv in Protestbewegungen?
Nur 2,4 Prozent der Bevölkerung sind aktiv in Bürgerinitiativen oder Verbänden organisiert — trotz breiter Zustimmung zu deren Anliegen.
Gibt es Unterschiede zwischen den Inseln?
Ja. Die Verschlechterung der Lebensqualität wird auf Fuerteventura (85,7 %) und Teneriffa (77,6 %) am stärksten wahrgenommen; auch die Zustimmung zur Wachstumsbegrenzung variiert je Insel.

Stand 10.06.2026. Quellen u. a. eldiario.es (Canarias Ahora), Fundación Canarina sowie Estudios Sociales GEAS 7 («Estudio de Percepción Ciudadana sobre el Medio Ambiente en Canarias»). Es handelt sich um eine von einer Umweltorganisation beauftragte Wahrnehmungsstudie auf Basis von 409 Telefoninterviews; die Ergebnisse sind ein Stimmungsindikator und nicht mit einer amtlichen Erhebung gleichzusetzen.