Vorher vorn, nachher hinten

Das Primäreinkommen ist, was Haushalte aus Arbeit und Vermögen erzielen — Arbeitnehmerentgelte samt Arbeitgeberbeiträgen, Gewinne Selbstständiger, Zinsen, Mieten —, also mehr als Löhne. Das verfügbare Einkommen ist, was nach direkten Steuern und Sozialbeiträgen und nach Renten und anderen Geldleistungen übrig bleibt. Beim Primäreinkommen liegen die Kanaren 2023 auf Platz 4 der acht Randregionen, vor Azoren und Madeira. Beim verfügbaren Einkommen rutschen sie auf Platz 6. Zwei Einschränkungen: Die EU zählt neun Gebiete in äußerster Randlage, für Saint-Martin gibt es aber keine eigenen Eurostat-Zahlen. Und der Abstand zu den Azoren ist hauchdünn — aus den ungerundeten Gesamtbeträgen ergeben sich rund 50 Euro je Einwohner, bei einem vorläufigen kanarischen Wert. Gleichauf mit den Azoren, klar hinter Madeira, trifft es genauer.

Wo die 1.500 Euro bleiben

Nach eigener Rechnung — Eurostat-Gesamtbeträge in Millionen Euro geteilt durch die Durchschnittsbevölkerung — zahlte ein kanarischer Einwohner 2023 rund 2.080 Euro direkte Steuern auf Einkommen und Vermögen, auf den Azoren 950, auf Madeira 1.120 Euro. Bei den Sozialbeiträgen ist der Unterschied kleiner: 3.750 Euro gegenüber 3.410 und 3.530. Bei den Geldleistungen liegen die Kanaren sogar vorn, mit 4.530 Euro gegenüber 4.360 und 4.310. Vom Abstand zu den Azoren beim Saldo, rund 1.680 Euro, entfallen damit etwa zwei Drittel auf die direkten Steuern, gegenüber Madeira gut die Hälfte; der Rest sind vor allem sonstige Transfers, bei denen Madeira im Plus liegt.

Die Rentner-These trägt nicht

Naheliegend wäre: Die Kanaren sind jünger, haben weniger Rentner und bekommen deshalb weniger Renten zurück. Gegenüber den portugiesischen Inseln stimmt das nicht. Nach Eurostat waren 2023 auf den Kanaren 17,5 Prozent der Einwohner 65 oder älter, auf den Azoren 17,0, auf Madeira 20,5 Prozent. Die Kanaren sind also älter als die Azoren und erhalten pro Kopf mehr Geldleistungen als beide Archipele. Auch La Réunion widerspricht: nur 14,5 Prozent über 65 — und trotzdem Nettoempfängerin. Die Alterserklärung passt nur im Vergleich mit Spanien insgesamt, wo 20,1 Prozent über 65 sind und die Geldleistungen rund 5.600 Euro je Einwohner erreichen. Der Rückstand gegenüber Azoren und Madeira entsteht bei dem, was abgegeben wird, nicht bei dem, was zurückfließt.

Kein Sonderopfer

Mehr abzugeben als in Geld zurückzubekommen, ist in Europa der Normalfall. Die Kanaren geben nach eigener Rechnung 8,9 Prozent ihres Primäreinkommens ab (1.500 von 16.800 Euro). Im spanischen Durchschnitt sind es 9,9 Prozent, auf den Balearen 16,2, im EU-Schnitt 14,3 Prozent. Die Ausnahme sind nicht die Kanaren, sondern die Azoren, Madeira und La Réunion, die netto empfangen. Ein möglicher Hintergrund: Portugals Finanzgesetz für die autonomen Regionen erlaubt Azoren und Madeira, die nationalen Einkommensteuersätze um bis zu 30 Prozent zu senken, Die Azoren wenden die vollen 30 Prozent seit Januar 2022 an; Madeira wandte sie zuletzt nur bis zur sechsten Steuerstufe an und dehnt sie 2026 auf alle Stufen aus (Wirtschaftszeitung ECO, November 2025). Wie viel das erklärt, zeigt die Statistik nicht; auch die Progression wirkt, denn wer vor Steuern mehr verdient, zahlt anteilig mehr. Die Kaufkraft ändert das Bild nur teilweise: Gegenüber der EU schrumpft der Rückstand (81,0 statt 72,9 Prozent), gegenüber Azoren und Madeira wächst er: 17.000 zu 17.800 und 18.200 KKS. Kaufkraftstandards rechnen mit nationalen Preisniveaus; kanarische Preise bilden sie nicht ab.

Überholt in der Pandemie

Die Umkehr ist neu. 2019 lag das verfügbare Einkommen auf den Kanaren mit 13.400 Euro je Einwohner noch vor den Azoren (12.900) und Madeira (12.800). Im Pandemiejahr 2020 brach das kanarische Primäreinkommen von 14.700 auf 12.700 Euro ein, stärker als auf den portugiesischen Inseln; das verfügbare Einkommen fiel knapp unter das der Azoren und hat seither nicht wieder aufgeholt. Von 2019 bis 2023 wuchs das kanarische verfügbare Einkommen um 14 Prozent, das der Azoren um 19 und das Madeiras um 23 Prozent. Der Treiber sitzt vor der Umverteilung: Das Primäreinkommen stieg auf Madeira um 30, auf den Azoren um 22, auf den Kanaren um 14 Prozent (eigene Rechnungen aus gerundeten Eurostat-Werten); die Nettoempfänge der Portugiesen schrumpften sogar. Das passt zu unserem Bericht über den Medianlohn.