Die Zahlen — und warum sie verwirren
Die Schlagzeilen schwanken zwischen «Kanaren werden überrannt» und «Ankünfte brechen ein». Beides stimmt — je nachdem welchen Zeitraum man betrachtet.
2024 war das Rekordjahr: 46.843 Migranten erreichten die Kanarischen Inseln auf irregulärem Weg. Mehr als je zuvor — mehr als während der «Krise der Cayucos» 2006, als 31.000 Menschen kamen.
2025 sanken die Ankünfte um 42,6 Prozent. Die verstärkte Zusammenarbeit mit Marokko, Senegal und Mauretanien zeigte Wirkung.
2026, erstes Quartal: nochmals ein drastischer Rückgang. Bis Mitte März kamen nur 1.334 Migranten an — 85 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Statt 138 Booten landeten nur 13.
Aber seit April 2026 steigen die Zahlen wieder. Rund 550 Menschen erreichten in wenigen Wochen El Hierro, Fuerteventura, Lanzarote und Gran Canaria. Die Ruta Atlántica — die tödlichste Migrationsroute der Welt — ist wieder aktiv. Der Grund: verschärfte Grenzkontrollen zwischen westafrikanischen Ländern drängen Menschen auf die längere, gefährlichere Seeroute Richtung Kanaren.
Im ersten Quartal 2026 starben vier Menschen auf der Atlantikroute, eine Person gilt als vermisst. Im selben Zeitraum 2025 waren es neun Tote und 137 Vermisste. Die Zahlen sind kleiner — aber jede einzelne ist ein Mensch.
Die Route — 1.500 Kilometer offener Atlantik
Die Atlantikroute (Ruta Canaria) führt von der westafrikanischen Küste — Senegal, Gambia, Mauretanien, Westsahara, Marokko — über den offenen Atlantik zu den Kanarischen Inseln. Die kürzeste Strecke, von der marokkanischen Küste bei Tarfaya nach Lanzarote, beträgt rund 100 Kilometer. Aber viele Boote starten weiter südlich — von Senegal oder Gambia aus sind es über 1.500 Kilometer. Die Überfahrt dauert Tage, manchmal Wochen.
Die Boote sind Cayucos (grosse hölzerne Fischerboote) und Pateras (kleine Gummiboote oder Motorboote). Sie sind nicht für die Hochsee gebaut. Wer die Strömung verpasst oder den Motor verliert, treibt in den offenen Atlantik ab. Die Organisation Caminando Fronteras schätzte die Zahl der Toten auf der Atlantikroute für 2024 auf über 10.000 — Zahlen, die sich nie vollständig verifizieren lassen, weil die meisten Boote spurlos verschwinden.
Wer an Bord steigt: hauptsächlich junge Männer aus Mali (31 Prozent), Senegal (29 Prozent) und Guinea (12 Prozent). Aber auch Frauen, Kinder, Schwangere. Die Gründe: Krieg (Mali), wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Klimawandel (Dürre im Sahel), politische Instabilität.
Was passiert wenn ein Boot ankommt
Wenn ein Cayuco die kanarische Küste erreicht — oder von Salvamento Marítimo auf See aufgegriffen wird — beginnt ein standardisierter Prozess:
Erstversorgung. Das Rote Kreuz übernimmt die medizinische Erstversorgung am Hafen. Viele Ankommende sind dehydriert, unterkühlt, verletzt.
Identifizierung. Die Policía Nacional nimmt Fingerabdrücke und persönliche Daten auf. Minderjährige werden separat erfasst.
Erstaufnahme. Die Migranten werden in Erstaufnahmeeinrichtungen (CATE — Centros de Atención Temporal de Extranjeros) gebracht. Diese befinden sich auf mehreren Inseln.
72-Stunden-Regel. Innerhalb von 72 Stunden muss entschieden werden: Abschiebung (selten, nur bei klarer Identifizierung und Rückübernahmeabkommen), Freilassung mit Ausweisungsverfügung (häufig — die Person muss Spanien verlassen, darf aber vorerst bleiben), oder Asylantrag.
In der Praxis bedeutet das: Die meisten Menschen bleiben auf den Kanaren oder in Spanien. Die Abschiebequote ist niedrig, weil viele Herkunftsländer keine Rückübernahmeabkommen haben.
Die Minderjährigen — das drängendste Problem
Von allen Aspekten der Migrationskrise ist die Situation der unbegleiteten minderjährigen Migranten (MENA — Menores Extranjeros No Acompañados) der gravierendste.
Die Zahlen: Anfang 2025 betreute die kanarische Regierung rund 5.800 unbegleitete Minderjährige. Im ersten Quartal 2026 kamen 313 neue an — 65 Prozent weniger als im Vorjahr (888). Aber die Gesamtzahl der bereits auf den Inseln betreuten Minderjährigen bleibt hoch.
Das Problem: Laut spanischem Recht ist die Comunidad Autónoma (in diesem Fall die kanarische Regierung) für den Schutz von Minderjährigen zuständig. Die Kanaren sind mit dieser Aufgabe überfordert — die Aufnahmeeinrichtungen sind überfüllt, das Personal reicht nicht, die Kosten explodieren.
Der Rechtsstreit: Die kanarische Regierung hat beim Tribunal Supremo (Oberstes Gericht Spaniens) Klage gegen die Zentralregierung eingereicht. Der Vorwurf: Madrid weigere sich, die minderjährigen Asylbewerber in das nationale Aufnahmesystem zu übernehmen, obwohl es gesetzlich dazu verpflichtet sei. Das Gericht gab den Kanaren recht — und setzte Madrid ein Ultimatum von 10 Tagen. Madrid reagierte nicht. Das Gericht setzte ein zweites Ultimatum von 15 Tagen. Sprach von «klarem Nichterfüllen». Drohte mit Sanktionen.
Der aktuelle Stand: Bis Februar 2026 wurden 1.019 Minderjährige aus Ceuta, Kanaren und Melilla in andere Regionen umverteilt. Von den 671 abgeschlossenen Fällen auf den Kanaren wurden 30 Prozent tatsächlich verlegt. Madrid hat die Verlegungen in die Comunidad de Madrid vor Gericht angefochten — der Supremo hat die Verlegungen bestätigt und das Argument Madrids zurückgewiesen.
Die kanarische Consejera de Bienestar Social, Candelaria Delgado, formulierte es so: «Migration misst sich nicht nur in Plätzen oder Akten, sondern im Schutz der Kindheit und im verantwortungsvollen Umgang mit der sozialen Angst.»
Marokkanische Polizisten auf kanarischem Boden
Seit 2024 patrouillieren Agenten der marokkanischen Gendarmería Real gemeinsam mit der spanischen Guardia Civil an den Küsten der Kanaren. Am 14. April 2026 — gestern — waren zwei Gendarmen aus El Aaiún (Westsahara) auf Lanzarote im Einsatz.
Die Patrullas Mixtas bestehen aus einem Offizier, zwei Guardia-Civil-Beamten und zwei marokkanischen Gendarmen. Sie sind monatlich im Einsatz, abwechselnd auf den Kanaren und in Marokko. Ihre Aufgabe: Überwachung der Küste, Austausch von Geheimdienstinformationen über Schleppernetzwerke, Identifizierung von Einschiffungs- und Anlandungspunkten.
Das ist bemerkenswert: Ein ausländischer Sicherheitsdienst patrouilliert auf spanischem Boden. Die Gendarmen aus El Aaiún kommen aus dem von Marokko kontrollierten Teil der Westsahara — ein Gebiet, dessen völkerrechtlicher Status seit Jahrzehnten umstritten ist. Im September 2024 assistierten marokkanische Gendarmen sogar bei der Ankunft eines Bootes mit 64 Migranten an der Playa de Arrieta auf Lanzarote.
Die 40.000 mit Recht auf Regularisierung
In Spanien leben laut Schätzungen über 800.000 Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Auf den Kanaren haben rund 40.000 von ihnen theoretisch das Recht auf eine Aufenthaltserlaubnis — aufgrund der Dauer ihres Aufenthalts, familiärer Bindungen oder humanitärer Gründe.
Das Problem: Die Verfahren sind langsam, die Behörden überlastet, und niemand kann sagen, wann die Regularisierung tatsächlich beginnt. Für die Betroffenen bedeutet das: Sie arbeiten schwarz, haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem (ausser in Notfällen), können keinen Mietvertrag unterschreiben, können kein Bankkonto eröffnen. Sie existieren, aber sie existieren nicht offiziell.
Was die kanarische Regierung sagt
Presidente Fernando Clavijo hat wiederholt betont, dass die Situation auf den Kanaren «ziemlich festgefahren» bleibt. Die Kernargumentation der kanarischen Regierung:
«Wir sind Grenzregion, nicht Transitregion.» Die Kanaren sind der Ankunftsort — aber die meisten Migranten wollen weiter aufs europäische Festland. Die Inseln tragen die gesamte Last der Erstaufnahme.
«Der EU-Migrationspakt reicht nicht.» Canarias kritisiert, dass der neue EU-Migrationspakt die atlantische Route nicht ausreichend berücksichtigt. Er sei auf das Mittelmeer zugeschnitten, nicht auf den Atlantik. Die Kanaren fordern mehr Finanzmittel, mehr Solidarität und besonderen Schutz für Minderjährige.
«Das übersteigt die Kapazität einer autonomen Region.» Das Tribunal Constitucional hat 2025 in seiner Sentencia 43/2025 bestätigt, dass die Bewältigung der Migrationskrise die Verwaltungskapazität einer einzelnen Comunidad Autónoma übersteigt.
Was die verschiedenen Parteien sagen
Coalición Canaria (Regierungspartei auf den Kanaren): Fordert eine «Staatsantwort» — mehr Geld, mehr Personal, Verteilung der Minderjährigen auf alle Regionen. Keine ideologische Polarisierung, sondern pragmatische Lösungen.
PSOE (Zentralregierung): Hat den Reparto Obligatorio (Pflichtverteilung der Minderjährigen) per Dekret eingeführt. Verweist auf die bereits erfolgten Verlegungen. Liegt im Konflikt mit den Kanaren über das Tempo und den Umfang.
PP (Volkspartei): Die Comunidad de Madrid (PP-regiert) hat die Verlegungen von Minderjährigen nach Madrid gerichtlich angefochten — und verloren. Der PP schwankt zwischen Forderungen nach mehr Grenzkontrolle und der Ablehnung von Pflichtverteilung.
Vox: Fordert «sofortige Abschiebungen», Schliessung der Grenzen, keine Regularisierung. Presidente Clavijo hat Vox-Chef Abascal als «echten Faschisten» bezeichnet, nachdem dieser die Kanaren-Migration instrumentalisierte.
Wird Gran Canaria zum Gefängnis?
Diese Frage stellen sich viele — Residenten, Touristen, Auswanderer. Die ehrliche Antwort:
Nein, Gran Canaria wird nicht zum Gefängnis. Die allermeisten Migranten, die auf den Kanaren ankommen, sind nicht auf den Inseln sichtbar in dem Sinne, dass sie das tägliche Leben verändern. Sie befinden sich in Aufnahmeeinrichtungen oder sind weitergereist.
Aber die Belastung ist real. Die Infrastruktur — Gesundheitssystem, Sozialämter, Polizei, Jugendämter — steht unter Druck. Die Kosten trägt grösstenteils die kanarische Regierung, obwohl die Zuständigkeit eigentlich beim Staat liegt.
Die gesellschaftliche Spannung wächst. Auf den Kanaren gibt es — wie überall in Europa — eine Spaltung zwischen Menschen, die Solidarität zeigen, und Menschen, die Angst haben. Die Demonstrationen auf Teneriffa 2024 gegen «Massentourismus und Überbevölkerung» hatten auch eine Migrationsdimension, auch wenn die Organisatoren das bestritten.
Die Frage, die eigentlich gestellt werden muss: Schieben die europäischen Länder die Konsequenzen ihrer eigenen Migrationspolitik auf die Kanarischen Inseln ab? Die Kanaren liegen 1.000 Kilometer vom europäischen Festland entfernt, aber nur 100 Kilometer vor der afrikanischen Küste. Sie sind der nächstgelegene EU-Aussenposten. Und sie bezahlen dafür — mit Steuergeldern, mit Infrastruktur, mit sozialer Spannung.
Was du wissen solltest
Als Resident oder Auswanderer: Die Migrationskrise betrifft dein tägliches Leben auf Gran Canaria wahrscheinlich weniger als die Schlagzeilen vermuten lassen. Aber sie betrifft die Gesellschaft, in der du lebst. Die Debatte wird bleiben. Informiere dich. Bilde dir eine Meinung auf Basis von Fakten, nicht von Angst.
Als Tourist: Du wirst von der Migration auf den Kanaren wahrscheinlich nichts mitbekommen, es sei denn, du suchst aktiv danach. Die Strände, die Hotels, die Restaurants funktionieren. Was du nicht siehst: die Aufnahmeeinrichtungen in Industriegebieten, die überfüllten Jugendheime, die Boote die nie ankommen.
Als Mensch: Die Atlantikroute ist die tödlichste Migrationsroute der Welt. Die Menschen, die sie nehmen, tun das nicht aus Abenteuerlust. Sie tun es, weil sie keine andere Option sehen. Das rechtfertigt keine Politik — aber es verlangt Respekt vor der Realität.
Die Migrationsfrage auf den Kanaren hat keine einfache Antwort. Sie hat nicht einmal eine einfache Frage. Was sie hat, sind Fakten, die man kennen sollte — und eine Realität, die man weder ignorieren noch instrumentalisieren sollte.
