Es ist eine Entwicklung, die bei vielen Familien und Bildungsexperten auf den Inseln für Stirnrunzeln sorgt: Nach Jahren der Verbesserung ist die Quote der frühen Schulabgänger auf den Kanaren zuletzt wieder spürbar gestiegen. Laut dem aktuellen Bericht „Sistema Estatal de Indicadores de la Educación 2026“ des spanischen Bildungsministeriums lag der Wert im Jahr 2025 bei 15,9 Prozent. Das ist nicht nur ein Sprung gegenüber den 13,1 Prozent aus dem Vorjahr, sondern auch der zweithöchste Wert aller spanischen Regionen – nur Murcia schneidet noch schlechter ab.

Für eine Region, die sich gerne als aufstrebenden Standort für digitale Nomaden und internationale Fachkräfte präsentiert, sind das keine guten Nachrichten. Die Quote misst den Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die höchstens einen Abschluss der unteren Sekundarstufe haben und keine weiterführende Ausbildung absolvieren. Und genau hier klafft die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf den Inseln besonders weit auseinander.

Ein Rückschritt nach historischem Tief

Noch vor wenigen Jahren sah die Entwicklung deutlich positiver aus. Im Jahr 2021 erreichten die Kanaren mit rund 12 Prozent den niedrigsten Stand der frühen Schulabgänger seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Pandemie hatte paradoxerweise dazu beigetragen, dass mehr junge Menschen im Bildungssystem blieben – teils aus Mangel an Job-Alternativen, teils weil Förderprogramme griffen.

Doch mit der wirtschaftlichen Erholung, besonders im Tourismussektor, drehte der Trend. Bereits 2022 lag die Quote nach Angaben der kanarischen Regierung bei 11,7 Prozent, 2024 dann bei 13,1 Prozent. Der nun gemeldete Wert von 15,9 Prozent für 2025 markiert den höchsten Stand seit 2019, als die Quote noch bei 20,8 Prozent lag. Die Kurve zeigt damit deutlich nach oben – und das in einem Tempo, das die selbstgesteckten Ziele der Region in weite Ferne rücken lässt.

Warum verlassen junge Kanaren die Schule?

Die Ursachen für diesen Anstieg sind vielschichtig, aber ein Faktor sticht in den Analysen der Regionalregierung und lokaler Medien besonders hervor: der Arbeitsmarkt. Die kanarische Bildungsbehörde selbst spricht von einem „direkten Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und Schulabbruch“ – allerdings mit einem paradoxen Dreh. Denn es ist nicht die Perspektivlosigkeit, die junge Menschen aus der Schule treibt, sondern das Gegenteil: die Verfügbarkeit von Jobs.

Gerade in touristischen Hochburgen wie dem Süden Gran Canarias, Fuerteventura oder Lanzarote locken Stellen im Gastgewerbe, im Handel oder in der Hotellerie auch ohne formalen Abschluss. Ein eigenes Einkommen, oft schon mit 16 oder 17 Jahren, erscheint vielen Jugendlichen attraktiver als der Verbleib im Klassenzimmer. Die Regionalregierung spricht hier von einem „strukturellen Problem“, das durch die sozioökonomischen Bedingungen der Inseln verstärkt wird.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der in den Daten aufscheint: die frühe Bildungsbeteiligung. Im Schuljahr 2023/24 besuchten auf den Kanaren nur etwa 46 Prozent der Zweijährigen eine Bildungseinrichtung. Das ist ein Indikator dafür, dass die Weichen für spätere Bildungsverläufe oft schon sehr früh gestellt werden – und dass hier noch viel Potenzial brachliegt.

Tipp Für zugezogene Familien lohnt sich ein genauer Blick auf die frühkindlichen Angebote der jeweiligen Gemeinde – die Unterschiede zwischen den Inseln und sogar zwischen einzelnen Gemeinden sind teils erheblich.

Was die Politik dagegen tun will

Die kanarische Regierung hat das Problem erkannt und verweist auf laufende Maßnahmen. Im Fokus stehen dabei drei Säulen: eine verstärkte Bildungs- und Berufsberatung, Programme zur Bindung von Schülern an das Bildungssystem sowie Modelle, die eine Kombination von Arbeiten und Lernen ermöglichen sollen. Konkret geht es etwa um duale Ausbildungsgänge, die speziell auf die Bedürfnisse der lokalen Wirtschaft zugeschnitten sind.

Auf europäischer Ebene setzt die Initiative „School success pathways“ an, die grundlegende Kompetenzen stärken, Schulabbrüche ohne Sekundarschulabschluss reduzieren und das Wohlbefinden der Schüler fördern soll. Die EU hat sich das Ziel gesetzt, die frühe Schulabbrecherquote bis 2030 auf unter 9 Prozent zu drücken. Für die Kanaren bedeutet das: Der aktuelle Wert müsste sich fast halbieren – ein ambitioniertes Unterfangen angesichts des jüngsten Trends.

Bildungsexperten mahnen indes, dass es nicht mit einzelnen Programmen getan ist. Nötig sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz, der bei der frühkindlichen Bildung ansetzt, die Attraktivität der weiterführenden Schulen erhöht und gleichzeitig die Anreize für einen frühen Jobeinstieg ohne Abschluss reduziert. Die kanarische Regierung betont, dass sie an einer umfassenden Strategie arbeitet, um die Quote nachhaltig zu senken.

Gut zu wissen Ein fehlender Schulabschluss wirkt sich auf den Kanaren langfristig auf das Einkommen aus – die Lohnlücke zwischen Absolventen und Abbrechern ist hier besonders ausgeprägt.

Was bedeutet das für Familien auf den Inseln?

Für Eltern, die mit schulpflichtigen Kindern auf die Kanaren ziehen oder hier leben, sind die Zahlen ein Warnsignal – aber kein Grund zur Panik. Die Bildungslandschaft auf den Inseln ist vielfältig und bietet neben den öffentlichen Schulen auch ein wachsendes Angebot an privaten und internationalen Einrichtungen. Entscheidend ist, sich frühzeitig mit den Optionen auseinanderzusetzen und die eigenen Kinder aktiv auf ihrem Bildungsweg zu begleiten.

Besonders für zugezogene Familien aus Deutschland oder anderen EU-Ländern ist das spanische Schulsystem oft gewöhnungsbedürftig. Die Schulpflicht endet hier mit 16 Jahren, und die Versuchung, danach direkt in den Arbeitsmarkt einzusteigen, ist in einer touristisch geprägten Region real. Wer langfristig plant, sollte daher bewusst auf einen weiterführenden Abschluss hinarbeiten – sei es das spanische Bachillerato, eine Berufsausbildung oder ein internationaler Abschluss.

Die gute Nachricht: Das Bewusstsein für das Problem wächst, und sowohl die regionale als auch die nationale Politik haben Handlungsbedarf erkannt. Ob die angekündigten Maßnahmen ausreichen, um den Trend umzukehren, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die nächsten Daten werden mit Spannung erwartet – nicht nur von Bildungspolitikern, sondern von allen, denen die Zukunft der Inseln am Herzen liegt.

Häufige Fragen

Was bedeutet „frühe Schulabbrecherquote“ genau?
Sie misst den Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die maximal einen Abschluss der unteren Sekundarstufe (ESO in Spanien) haben und keine weiterführende Ausbildung absolvieren.
Warum ist die Quote auf den Kanaren so hoch?
Hauptgründe sind der starke Tourismus-Arbeitsmarkt, der auch ohne Abschluss Jobs bietet, sowie strukturelle Faktoren wie eine geringere frühkindliche Bildungsbeteiligung.
Wie schneiden die Kanaren im Vergleich zu anderen Regionen ab?
Mit 15,9 Prozent liegen die Kanaren auf dem zweithöchsten Platz in Spanien, nur übertroffen von Murcia. Der nationale Durchschnitt beträgt 12,8 Prozent.
Was unternimmt die kanarische Regierung?
Sie setzt auf verstärkte Bildungsberatung, Programme zur Bindung an das Schulsystem und Modelle, die Arbeiten und Lernen kombinieren. Eine umfassende Strategie ist in Arbeit.
Welche Rolle spielt die frühkindliche Bildung?
Eine große: Nur 46 Prozent der Zweijährigen auf den Kanaren besuchen eine Bildungseinrichtung. Experten sehen darin einen Faktor, der spätere Bildungsverläufe negativ beeinflussen kann.

Stand: Juli 2026. Die Daten basieren auf dem Bericht „Sistema Estatal de Indicadores de la Educación 2026“ des spanischen Bildungsministeriums sowie Angaben der kanarischen Regionalregierung. Die EU-Vergleichswerte beziehen sich auf das Jahr 2024.