Es ist ein unscheinbares, aber zukunftsweisendes Projekt im Südosten Gran Canarias. Auf dem Versuchsgelände der Finca La Estación, das zum Kanarischen Institut für Agrarforschung (ICIA) gehört, hat die Regionalregierung eine experimentelle Photovoltaik-Anlage in Betrieb genommen. Das Besondere: Die 60 Solarmodule stehen nicht etwa schräg in der Landschaft, sondern senkrecht wie eine Wand – und sie produzieren von beiden Seiten Strom. Es ist die erste Anlage dieser Art auf dem Archipel, und sie soll eine drängende Frage beantworten: Wie können die Kanaren ihre knappen Flächen gleichzeitig für die Energiegewinnung und die Landwirtschaft nutzen?

Die sogenannte Agrovoltaik ist kein völlig neues Konzept, aber die vertikale Bauweise mit bifazialen Modulen ist ein vielversprechender Ansatz für heiße, windige und wasserarme Regionen. Genau solche Bedingungen herrschen im Süden Gran Canarias. Die Idee: Die Module werden in Nord-Süd-Reihen aufgestellt, dazwischen wachsen weiterhin Nutzpflanzen. Der erzeugte Strom dient dem Eigenverbrauch des Forschungsbetriebs, etwa für Pumpen oder Kühlaggregate. Mit einer geschätzten Jahresproduktion von rund 42.900 Kilowattstunden ist die Anlage zwar klein, aber als Testlabor von unschätzbarem Wert.

Wie funktioniert eine vertikale Agrovoltaik-Anlage?

Anders als herkömmliche Solarparks, die den Boden großflächig versiegeln oder zumindest stark beschatten, setzt die vertikale Agrovoltaik auf eine Doppelnutzung. Die bifazialen Module fangen das Sonnenlicht auf Vorder- und Rückseite ein und sind so aufgestellt, dass sie morgens und nachmittags die meiste Energie liefern – also genau dann, wenn auch der Strombedarf auf einem landwirtschaftlichen Betrieb oft am höchsten ist. In der Mittagszeit, wenn die Sonne senkrecht auf die schmale Oberkante der Module trifft, sinkt die Produktion hingegen. Dieses zweigipflige Profil ist netzfreundlicher und reduziert das Risiko der Überproduktion, das auf den isolierten kanarischen Stromnetzen zunehmend zum Problem wird.

Für die Landwirtschaft bringt die Anordnung mehrere Vorteile. Die Modulreihen wirken wie ein Windschutz und spenden teilweise Schatten. Das senkt die Verdunstung und kann den Wasserbedarf der Kulturen spürbar reduzieren. Studien aus ähnlich trockenen Klimazonen, etwa in Chile, zeigen, dass vertikale Agrovoltaik-Systeme den Wasserverbrauch um etwa 14 bis 20 Prozent senken können. Ob und in welchem Umfang sich diese Werte auf die Bedingungen im Südosten Gran Canarias übertragen lassen, soll die Pilotanlage nun klären.

Ein Labor unter freiem Himmel für die Kanaren

Die Anlage auf der Finca La Estación ist weit mehr als ein Stromproduzent. Sie ist ein voll instrumentiertes Forschungsobjekt. Die installierten Wechselrichter und das Kommunikationssystem zeichnen detailliert auf, wie sich die Module unter dem Einfluss von Salzluft, hoher UV-Strahlung und starkem Wind verhalten. Gleichzeitig überwachen die Agrarwissenschaftler des ICIA das Mikroklima zwischen den Reihen und die Entwicklung der angebauten Pflanzen. Welche genauen Kulturen unter und zwischen den Modulen getestet werden, ist derzeit noch nicht öffentlich bekannt – klar ist aber, dass es sich um für die Kanaren typische Kulturen handeln wird, die unter Trockenstress leiden.

Finanziert wurde das Projekt mit knapp 98.000 Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds Next Generation, eingebettet in den spanischen Plan de Recuperación, Transformación y Resiliencia. Die Regionalregierung der Kanaren, die das Projekt über das ICIA betreibt, erhofft sich davon handfeste Daten für die künftige Gesetzgebung. Denn Spanien hat bisher keine spezifischen Regeln für Agrovoltaik, und die Kanaren könnten hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Erst kürzlich hatte sich die Regierung auf Gran Canaria selbst über erfolgreiche Agrovoltaik-Modelle informiert, um die Regulierung voranzutreiben.

Tipp Wer die Anlage besichtigen möchte, sollte sich vorab beim ICIA über mögliche Tage der offenen Tür oder Führungen auf der Finca La Estación informieren – ein spannender Ausflug für alle, die sich für nachhaltige Landwirtschaft interessieren.

Warum das für die Kanaren so wichtig ist

Die Kanarischen Inseln stehen vor einem klassischen Zielkonflikt. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist politisch gewollt und notwendig, aber die verfügbare Fläche ist extrem begrenzt. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft, obwohl sie nur noch einen kleinen Teil der Wirtschaftsleistung ausmacht, ein identitätsstiftender Sektor, der unter steigenden Wasserkosten und zunehmender Hitze leidet. Agrovoltaik bietet einen Ausweg aus dem „Essen oder Energie“-Dilemma. Studien der Universität Las Palmas de Gran Canaria zeigen, dass Agrovoltaik-Anlagen in bestimmten Szenarien bis zu 30 Prozent des jährlichen Strombedarfs der Insel decken könnten, ohne dass dafür wertvolles Ackerland geopfert werden müsste.

Der Wasserfaktor ist dabei entscheidend. In einer Region, in der jeder Tropfen zählt und die Preise für Bewässerungswasser steigen, könnten die durch Schatten und Windschutz erzielten Einsparungen für viele Bauern den Unterschied machen. Die Anlage in Santa Lucía wird nun erstmals unter realen kanarischen Bedingungen messen, wie viel Wasser tatsächlich gespart werden kann und wie sich die Erträge entwickeln. Diese Daten sind die Grundlage für eine mögliche Ausweitung des Konzepts auf andere Betriebe, etwa für den geschützten Anbau von Bananen oder Gemüse.

Ein Baustein für die Insel-Energiewende

Die 25-kWp-Anlage ist ein kleiner, aber strategisch wichtiger Baustein. Sie ergänzt andere Agrovoltaik-Initiativen auf der Insel, wie das Pilotprojekt des Cabildo auf der Finca El Galeón in Santa Brígida oder die Pläne für eine Agrovoltaik-Bananenplantage in Gáldar. Zusammengenommen entsteht so ein wachsendes Praxiswissen, das die Kanaren zu einem Modell für andere Inselregionen und Trockengebiete machen könnte. Die vertikale Ausrichtung ist dabei besonders interessant, weil sie die Flächenversiegelung minimiert und die maschinelle Bearbeitung der Felder zwischen den Reihen problemlos möglich bleibt.

Für die isolierten Stromnetze der Kanaren ist das zweigipflige Erzeugungsprofil der vertikalen Module ein zusätzlicher Pluspunkt. Während konventionelle Solaranlagen zur Mittagszeit oft mehr Strom produzieren, als das Netz aufnehmen kann, liefern die senkrechten Panels ihre Energie genau dann, wenn morgens und nachmittags die Nachfrage steigt. Das macht die Integration in das bestehende System einfacher und reduziert kostspielige Abregelungen. Mit der Pilotanlage in Santa Lucía de Tirajana haben die Kanaren nun ein eigenes Testfeld, um diese Effekte im Detail zu untersuchen.

Gut zu wissen Die genauen Einsparungen beim Wasserverbrauch für diese spezielle Anlage sind noch nicht veröffentlicht – die genannten Zahlen stammen aus vergleichbaren Studien in anderen Trockenregionen und dienen als Orientierung.

Häufige Fragen

Was ist Agrovoltaik?
Agrovoltaik ist die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für die Stromerzeugung durch Photovoltaik und für die Landwirtschaft. Die Solarmodule werden so aufgestellt, dass darunter oder dazwischen Pflanzen angebaut werden können.
Warum stehen die Module senkrecht?
Die vertikale Anordnung mit bifazialen Modulen erzeugt morgens und nachmittags den meisten Strom, spendet partiell Schatten und wirkt als Windschutz. Das senkt die Verdunstung und spart Wasser, ohne die landwirtschaftliche Nutzung stark einzuschränken.
Wo genau steht die Pilotanlage?
Die Anlage befindet sich auf der Finca La Estación, dem Versuchsgut des Kanarischen Instituts für Agrarforschung (ICIA), in der Gemeinde Santa Lucía de Tirajana im Südosten Gran Canarias.
Wer hat das Projekt finanziert?
Die Investition von rund 97.600 Euro stammt aus dem EU-Fonds Next Generation im Rahmen des spanischen Wiederaufbauplans. Betrieben wird die Anlage von der kanarischen Regierung über das ICIA.
Kann man die Anlage besichtigen?
Die Finca La Estación ist ein aktives Forschungsgelände und nicht regulär für die Öffentlichkeit zugänglich. Es ist aber möglich, dass das ICIA zu bestimmten Anlässen Führungen anbietet – am besten direkt beim Institut nachfragen.

Stand der Informationen: Juli 2026. Die technischen Daten und der Projektstatus basieren auf offiziellen Angaben des ICIA und der kanarischen Regierung. Details zu den angebauten Kulturen und konkreten Wassersparwerten für diesen Standort lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.